Wintergarten-Kino: 1909 bis 1989 (Teil 2)

Das Kino Wintergarten in der Eisenbahnstraße 56 – zu DDR-Zeiten in der Ernst-Thälmann-Straße 56 –  gehörte in seiner Blütezeit zu den fünf größten Kinos von Leipzig. Zum Ende der DDR-Zeit hin wurde der bauliche Zustand peu à peu immer schlechter, bis es im Frühjahr 1989, kurz vor der Wende, schließlich geschlossen und Mitte der 90er Jahre abgerissen wurde. Was gibt es über dieses Kino so alles zu berichten? Gemeinsam mit der Journalistin Kristin Vardi [# 5] versuchen wir der Sache in einem zweiten Teil auf den Grund zu gehen …

Teil 2 [Teil 1: hier]

Hauptfilm läuft!

Das Kino Wintergarten-Lichtspiele gehörte seit 1921 bis Kriegsende zum UFA-Konzern. Nach Kriegsende wurden die Ufa-Kinos geschlossen und enteignet. [# 1, # 2]
In den Leipziger Kinos lief der Filmbetrieb ab dem 11. Juli 1945 wieder an. Unter der Verwaltung des sowjetischen Filmverleihers und Kinobetreibers Sojusintorgkino Союзинторгкино.
In den als Tageszeitungen damals herausgegebenen ,,Informationsblättern“ der Stadt Leipzig (und der sowjetischen Militärkommandantur) wurden auch Veranstaltungspläne mit den ersten Kinoprogrammen veröffentlicht. Im Leipziger Osten hatten demnach die Kinos Lichtspielhaus in der Eisenbahnstraße 74 und der Wintergarten in der Nr. 56 ab September 1945 wieder ihre Tore geöffnet. [# 3]
Als Filme wurden zuerst unsynchronisierte sowjetische Filme gezeigt, später mit deutscher Synchronisation und auch (unbedenkliche oder zensierte) ältere deutsche Filme sowie ab 1946 neue DEFA-Filme. Nebenstehend ein Kino-Veranstaltungsplan aus der Leipziger Zeitung vom 12. Juli 1946, Seite 6. Die Kinos im Leipziger Osten habe ich farblich markiert:

  • Wintergarten, Ernst-Thälmannstr. 56
  • Regina-Lichtspiele, Dresdner Str. 56
  • Lichtschauspielhaus, Ernst-Thälmann-Str. 74
  • Kino der Jugend, Eisenbahnstr. 162

Wie man an den gezeigten Beispielen sieht, sowjetische Filme, Humor und Lustspiel waren in den schweren Nachkriegsjahren sehr gefragt. Im Lichtschauspielhaus gab es sogar Wochenend-Nachtvorstellungen um 22 Uhr

Anmerkung: Die Bezeichnung ,,Kino der Jugend“ wurde nach Kriegsende im Jahr 1945 zuerst für das Kino UT Hainstraße (Heute Passage-Kinos, Hainstraße 19) verwendet. Das führt manchmal zu Verwirrungen. Ab 1946 bis 1951 wurde dieses Kino von der sowjetischen Armee als Offizierskasino genutzt und hieß nach der Rückgabe an die Stadt dementsprechend ,,Filmtheater der Freundschaft„.  Die ,,Fortuna-Lichtspiele“ in der Ernst-Thälmann-Straße 162 hießen so bis Ende 1945, sie wurden ab 1946 in ,,Kino der Jugend“ umbenannt, siehe auch Programmauszug vom Juli 1946 oben.

Ab 1950 bis zum Schluss kamen die Filme von der DDR-eigenen Progress Film-Vertriebs GmbH. Bis zu seiner Schließung im Frühjahr 1989 war es als Kino Wintergarten bekannt.

Wie sah es innen im aus? Im Wintergarten gab es nur einen großen Saal. Man gelangte in den Saal über das Foyer, dort wurden die bunten Papierstreifen verkauft, die von einer Rolle abgerissen wurden und den Eintritt ermöglichten. [# 5] Für die Abendvorstellungen gab es natürlich ordentliche Eintrittskarten.
Links und rechts vom Foyer gingen die beiden Eingänge in den Kinosaal ab, man saß, jedenfalls in den 70er und 80er Jahren, auf Holzklappstühlen. Wir wohnten ab 1986 direkt schräg rüber vom Kino an der Ecke Neustädter Straße und waren daher oft in unserem ,,Filzlatschenkino“.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir damals unter anderen die DEFA-Produktionen: Das Versteck 1978, Bis dass der Tod euch scheidet 1979, Solo Sunny 1980, Der Baulöwe 1980 und Einer trage des anderen Last 1988 im Kino gesehen haben. Talentierte Reklamegrafiker hatten für die Hauptfilme oft zwei, meist als Unikate sehr ansehnliche, Werbetafeln gemalt/ gestaltet. Die eine Tafel wurde an der Haltestelle Hofmeisterstraße aufgestellt, so dass man gleich wusste, was gespielt wurde, wenn man vom Hauptbahnhof Richtung Osten fuhr und die zweite große Tafel hing direkt über dem Kino-Eingang. Es gab aber auch viele „West“-Filme, die wir in unserem Kino gesehen haben, z.B.:  Einer flog übers Kuckucksnest 1975, Szenen einer Ehe 1976, Brust oder Keule (Louis de Funés) 1978 (einer unserer Lieblingsfilme), Kramer gegen Kramer 1979 und natürlich Otto – der Film 1985.

Diese Erinnerungen an die teilweise zu Klassikern gewordenen Filme teile ich sicher mit allen damaligen Wintergartenbesuchern, genauso wie die, dass man auf gar keinen Fall den falschen Ausgang wählen durfte, sonst wurde es arg. Rechts vom Kino lag die legendäre Broilerbar Ost – von dem Kino-Ausgang ging es direkt über deren Hof zur (damaligen, heute längst aufgehobenen) Melchiorstraße. Nahm man aber nach der Vorstellung nicht den Ausgang Richtung Broilerbar, dann gelangte man auf der linken Seite in den Innenhof des auf der anderen Seite des Kinos betriebenen Fisch-Konsums: da hieß es nur noch Luft anhalten und durch, es war ein penetranter Gestank.

Abspann

Gerüchten zufolge hat sich der letzte Kinoleiter Ende der 1980er Jahre das Leben genommen – die näheren Umstände wurden nicht bekannt. Soweit ich mich erinnere, wurde das Kino bereits im Frühjahr 1989 geschlossen, also noch vor der Wende.  Fast 80 Jahre flimmerten hier die Filme auf der Leinwand. Das „mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattete Lichtspieltheater“ von 1909 und bis zu seinem Ende fünftgrößtes Kino Leipzigs verwandelte sich zunehmend in eine Ruine.

Der Leipziger Autor Clemens Meyer erzählt als Gastautor im Taschenbuch ,,Städtetouren für Besserwisser“ eine (vielleicht fiktive) Erinnerung über das Wintergartenkino aus der Zeit in den frühen 90er Jahren  (Leipzig, 1.8 Der lange Weg zum Wintergarten):

,,Die Tür des Kinos ist verrammelt. Eher ein großes Tor ist das. Fast ein Portal. Mitten zwischen den Häusern. Der geschwungene Schriftzug ,,Wintergarten“ leuchtet schon lange nicht mehr.
Spätvorstellung, Kinopartisanen Ost, halb legal ist illegal, Hauptsache der Projektor rattert …
Ich schaue auf den abgebröckelten Deckenstuck des Vorraums. Drinnen im Saal werden die alten großen Leuchter dunkel ihre Schatten werfen, nur ein paar Lämpchen brennen auf dem Boden an den Metallleisten. Teppichboden. Klappstühle aus Holz, nur manche haben noch den alten Plüschbelag. Erster Rang …
Ich halte ein graues schmales Billet mit Abreißnaht in der Hand.
Ach, denke ich, fast zu schön, um wahr zu sein. Zwanzig Filmfreunde versinken in ihren Sitzen. Wintergarten, jenseits der Zeit …“ [# 4]

Die lokale Presse erinnert noch zwei … dreimal an das sterbende Kino. Fast jeder Leipziger hat in diesen Jahren viel mit sich selbst, dem Arbeitsplatz, Umstrukturierung, Umschulung und Neubeginn zu tun – wenig Zeit für ein Kinoprojekt zu kämpfen …

Auf dem Bild links vom Anfang der 1990er Jahre sind das Gebäude des ehemaligen Restaurants ,,Bergschlößchen“ (Ernst-Thälmann-Str. 56) mit der ,,Broiler-Bar Ost“ und das Kino Wintergarten noch zu sehen. Der zum Grundstück Nr. 56 gehörende Fisch-Konsum und die benachbarten Häuser Nr. 58 und 60 waren bereits abgerissen worden. Und auf dem rechten Bild (Eingangsbild vom ersten Teil der Kinogeschichte) der Hilferuf vom Eingangsportal im Juni 1990:

,,Wintergarten
Wieso repariert mich von Innen und Außen Keiner?
Es wurde mir soviel versprochen.
Ich blute immer mehr aus!
HELFT MIR!“

Im Februar 1992 warf die Leipziger Volkszeitung (LVZ) einen mitleidvollen Blick in den Osten der Stadt und schrieb über das ganz offensichtlich dem Ende entgegen blickende Kino: ,,Leipziger Kinofreunde werden sich erinnern: Der Wintergarten in der Thälmann-Straße gehörte stets zu den gut besuchten Filmtheatern der Stadt. Das sieht man ihm heute allerdings nicht mehr an, er ist dem Verfall preisgegeben. [# 5]

Im ,,Hallo“-Wochenblatt vom 3. Februar 1996 hoffen die Geschäfts-Anlieger wie Brigitte F., dass man  ,, … den schon dreimal angekokelten ‚Wintergarten‘ endlich wegreißt oder saniert“.
Es soll endlich was geschehen!

In einem LVZ-Zeitungsartikel vom 26. August 1997 unter dem Titel ,,Vom Wintergarten bis zum Palast-Theater – ehemalige Lichtspielhäuser gammeln vor sich hin“ wird der abbruchreife Wintergarten als hoffnungsloser Fall letztmalig erwähnt und wahrscheinlich noch im gleichen Jahr nach dem Fisch-Konsum und der Broilerbar ebenfalls abgerissen. [# 5]

Fazit

Auf der einstigen Fläche parken heute die Kunden des Aldi Marktes.
Der hat auch Hühnchen, Fisch und Filme.
Aber alles in Plastik und Pappe. [# 5]


Quellen:

# 1 Kino-wiki-Eintrag
http://allekinos.com/Leipzig.htm
# 2 Kinos in Leipzig, Wintergarten
http://filmtheater.square7.ch/wiki/index.php?title=Leipzig_Wintergarten_Neusch%C3%B6nefeld
# 3 Informationsblatt, Amtliches Nachrichtenblatt der Stadtverwaltung Leipzig und des Landrates zu Leipzig, mit Genehmigung des Militärkommandanten der Stadt Leipzig, Nr. 29 vom 8. September 1945, Nr. 63 vom 29. Dezember 1945
# 4 Sven Amtsberg: Die Wahrheit über Deutschland, Städtetouren für Besserwisser, Leipzig 1.8, Der lange Weg zum Wintergarten, Clemens Meyer, Rowohlt, 2011 [im Netz auch bei books.google.de zu lesen]
# 5 diverse Artikel aus der Leipziger Volkszeitung (LVZ):
28.02.1992, in der Beilage Mathias Orbeck: Sanfte Ruh‘ ums ,,Wintergarten“
26.08.1997, Seite 11 Dominic Welters: Vom Wintergarten zum Palast-Theater – ehemalige Lichtspielhäuser gammeln vor sich hin,
11.07.2017, S. 10 Kristin Vardi: Mit allem Komfort der Neuzeit
# und eine lesenswerte Empfehlung zum Kino-Thema auf Geheimtipp Leipzig u.a. mit dem Kino Wintergarten http://geheimtipp-leipzig.de/kommste-mit-ins-kino/

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