Flemming-Fotopirsch (Teil 3)

Auf dem Bild ein Einstieg in eine dunkle Röhre an der Flemmingstraße in Leipzig-Leutzsch.
Im nachfolgenden Beitrag soll es darum gehen, was ringsherum hier im Jahr 2002 bei meiner Fotopirsch in der Industriebrache noch so zu sehen war. Über die Gießerei Jahn hatte ich ja schon berichtet.
Dabei möchte ich folgenden Fragen nachgehen: Was hat es mit diesem ,,Röhreneinstieg“ auf sich, warum heißt die Straße eigentlich Franz-Flemming-Straße und welche Firmen gab es hier früher?

Beim oben gezeigten ,,Röhreneinstieg“ geht’s nicht in die Unterwelt, sondern hoch hinaus – es handelt sich um einen Blick in den als Schornstein Nr. 2 auf nebenstehender Google EarthView-Bild bezeichneten Gebäudeteil.
Dieser Schornstein rauchte im Jahr 2002 schon lange nicht mehr und heute ist von ihm und den meisten hier im Beitrag gezeigten Fabrik-Fragmenten nur noch wenig zu sehen …

Welche Firmen waren vor etwa 100 Jahren hier angesiedelt?
Im ,,Leipziger Adreßbuch“ des Jahres 1912 habe ich im V. Teil zur Umgebung von Leipzig auch den Ort Leutzsch aufgefunden – dieser Ort wurde erst im Jahr 1922 zur Stadt Leipzig eingemeindet.
Unter der Straßenangabe Leutzsch, Franz-Flemming-Str. steht dort als Erklärung:
,,Sächs. Kommerzienrat Franz Flemming, Fabrikbesitzer.“
Die Häuser der Franz-Flemming-Straße (FFS) waren damals (im Gegensatz zu heute) vom Norden nach Süden durchnummeriert, auf der rechten Straßenseite die drei Fabriken:
FFS 2: Körting & Mathiesen AG, Bogenlampenfabrik
FFS 4: H. F. Flemming, Pianoforte-Mechanik-Fabrik
FFS 6: Blüthner, Dampfsägewerk

Die Franz-Flemming-Straße war damals nur kurz, sie endete als Sackgasse. Auf dem Gebiet der beiden erstgenannten Fabriken (K & M und H. F. Flemming) habe ich im Jahr 2002 Fotos angefertigt, deshalb hier ein paar bebilderte historische Anmerkungen.

Kandem = K & M (MLW, Leuchtenbau)

[heute] Franz-Flemming-Str. 43-45
ehem. Bogenlampenfabrik Körting & Mathiesen, oft kurz als K & M bezeichnet

Die Firma Körting & Mathiesen wurde im Jahr 1889 von Max Körting und Wilhelm Mathiesen gegründet. Die Firma produzierte zuerst im Gebiet von Leipzig-Reudnitz vorrangig Bogenlampen. Bedingt durch den steigenden Bedarf wurde in den Jahren 1893/94 Firma in Leutzsch am heutigen Standort gebaut. Dort gab es auch einen Bahnanschluss und schließlich wurde die Produktpalette auch  um Stromzähler und (Militär-) Scheinwerfer erweitert. Im Jahr 1928 kam es zu einer Kooperation mit dem Bauhaus Dessau. Hinweis: Originallampen der Firma Körting & Mathiesen sind z.B. auch in der Dauerausstellung im Leipziger Museum für Angewandte Kunst (im Grassi-Museum) zu sehen.
Nach dem 2. Weltkrieg wurden bis 1948 große Teile der Fabrik als Reparationsleistungen an die Sowjetunion demontiert. Die Fortführung der Firma erfolgte später in der DDR in den Gebäuden an der Franz-Flemming-Straße als VEB Leuchtenbau Leipzig . Im hinteren Teil des Gewerbegrundstücks an der Bahnstrecke wurde 1948 die Firma VEB Medizintechnik Leipzig u.a. zur Herstellung von Tauchtechnik gegründet. Daraus entstand schließlich der unter dem Warenzeichen MLW (Medizin-, Labor- und Wägetechnik) der VEB Kombinat Medizin- und Labortechnik Leipzig, mit dem Stammbetrieb in der Franz-Flemming-Straße. Bis zum Jahr 1990 wurde an diesem Standort produziert. Die Gebäude an der Franz-Flemming-Straße wurden Ende der 1990er Jahre saniert, auch ein Teil der MLW-Gebäude wurde inzwischen saniert und werden wieder teilgenutzt.

Hierzu ein paar der Aufnahmen der Industriebrache vom Mai 2002 (Gebäudeteile des MLW sind auch in der unteren Flemming-Galerie zu sehen) und die Kopie einer Messe-Sodermarke aus dem Jahr 1975:

H. F. Flemming

[heute] Franz-Flemming-Str. 41
ehem. Pianoforte-Mechanik-Fabrik H. F. Flemming (Hermann Franz Flemming)

Im Jahr 1874 gründet Hermann Franz Flemming eine Flügel- und Pianomechaniken-Fabrik. Möglicherweise wurde damals bereits in Leutzsch produziert. Hergestellt wurden Mechaniken für Flügel und Pianinos und Teile für Flügel und Pianino-Mechaniken. Mit „Pianino“ (kleines Piano) ist das aufrechtstehende Klavier gemeint. Im Gegensatz zum Flügel sind dort Resonanzboden, Gussrahmen, Besaitung und Hammermechanik platzsparend an der Wand untergebracht.

In der Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Pianofortefabrik heißt es:
,,Anläßlich der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung im Jahre 1897 erhielt die Firma die Große Goldene Medaille, den Ehrenpreis der Stadt Leipzig, die einzig höchste Auszeichnung, die für diesen Geschäftszweig verliehen wurde.. Dem Gründer der Firma, Herrn H. F. Flemming, … wurde seinerzeit vom König von Sachsen in Würdigung seiner Verdienste das Ritterkreuz 1. Klasse des Königlich Sächs. Albrechtsordens verliehen, und im Jahr 1914 erfolgte seine Ernennung zum Königlich Sächsischen Kommerzienrat.“

Der Seniorchef H. F. Flemming wurde in den 1920ern bei der Führung des Unternehmens durch seinen langjährigen Prokuristen und Schwager Hugo Hüfner unterstützt. Außerdem war der Junior und Mitinhaber, Dr. jur. Walther Flemming, in die technische und kaufmännische Leitung der Geschäfte involviert. Zu der Zeit verfügte die Firma Flemming über etwa 250 Mitarbeiter. Diese waren in der Lage auf Bruchteilen von Millimetern genau und präzise zu produzieren, um überhaupt eine Mechanik als Hauptbestandteil eines Klavieres herstellen zu können.
Die Kundenliste der Pianoindustrie war hochkarätig, so wurden neben den Leipziger Firmen Blüthner und Feurich auch Steinway & Sons in Hamburg, Ibach in Wuppertal-Barmen und Rönisch in Dresden beliefert. Flemming-Mechaniken waren außerdem in Produkten den Firmen Hupfeld aus Böhlitz-Ehrenberg und Welte & Söhne aus Freiburg im Breisgau zu finden.

1938 stirbt Kommerzienrat Franz Flemming im hohen Alter von 90 Jahren, seine Frau Ida übernimmt das Zepter in der Villa Graf-Spee-Str. 18. Die Franz-Flemming-Straße wird an sein Schaffen erinnern.
Bis nach 1963 firmierte das Unternehmen als H. F. Flemming KG. Im Jahr 1978 wurde der Name ein Stück länger und damit fast eine Kurzgeschichte: „VEB Deutsche Piano-Union Leipzig, Werk Leipzig-Leutzsch, Flügel- und Pianomechaniken“.

Ich habe letztlich gelesen, dass zu DDR-Zeiten die Blüthner-Flügel standardgemäß mit Flemming-Mechanik ausgestattet wurden. Das soll aber zum Ende der DDR hin immer schlechtere Qualität gewesen sein. Die Zusammenarbeit kann ich mir gut vorstellen – zur Qualität kann ich nichts sagen. Da müßte man schon einen unvoreingenommenen Experten fragen.

Nach 1990 wurde der Betrieb eingestellt, die baulichen Anlagen wurden sich selbst überlassen.

Anfang Januar 1999 kam es schließlich zu einem Brand in der Leutzscher Flemming-Fabrik. In der LVZ hieß es:
,,Kinder haben vermutlich den Großbrand am Montag abend in der Leutzscher Franz-Flemming-Straße verursacht. Die Ermittler der Kripo lokalisierten einen Raum in der zweiten Etage des Fabrikgebäudes, in dem Kinder aus der Nachbarschaft regelmäßig gespielt haben sollen. ‚Genau in diesem Raum habe der Brandherd gelegen – Wahrscheinlich wurde gekokelt.‘ Obwohl mehr als 50 Feuerwehrleute mehr als fünf Stunden lang gegen das Flammenmeer ankämpften, konnte nicht verhindert werden, daß von dem leerstehenden Gebäude im Prinzip nur noch eine Ruine übrigblieb …“

Fotogalerie zu den Gebäuden der Franz-Flemming-Straße 41 und 43 aus den Jahren 2002 und 2012 (Dank an Geheimtipp Leipzig):


Bei der Recherche zu diesem Beitrag wurde ich von Andreas Hönemann durch Text und Bilder unterstützt, außerdem konnte ich Bildmaterial von Geheimtipp Leipzig (2012) nutzen, die auch schon an der Flemmingstraße unterwegs waren – vielen Dank!

Hier die Links zu den bereits kürzlich erschienenen Artikeln über die Industriebrache an der Franz-Flemming-Straße
Teil 1 und Teil 2.

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