neues zur HL 95

Es gibt Neuigkeiten vom Haus mit dem früheren ,,Chokoladen“-Laden in der Liebmannstraße im Leipziger Osten.
Dort ist inzwischen die Fassaden-Sanierung so weit vorangekommen, dass seit kurzem die ersten Baugerüste gefallen sind. Und man kann jetzt auch (wieder) interessante Fassadendetails erkennen. So auch ein altes Wappenschild mit einem merkwürdigen Fraktur-,,H“ über den mittleren Fenstern in der 3. Etage, das rechts und links von Löwen gehalten wird (Bild rechts).
Wem wird da gehuldigt – einer mystischen Hedwig oder gar Hogwarts 😉 … ?


Blicken wir mal etwas genauer darauf, zuerst ein …

1. Überblick

Mit der HL 95 ist das fünfgeschossige Gebäude in der Hermann-Liebmann-Straße Nr. 95 im Leipziger Osten gemeint, siehe Straßenskizze unten links.
Es liegt genauer gesagt im heutigen Ortsteil Leipzig-Neustadt/Neuschönefeld auf der linken Straßenseite der Hermann-Liebmann-Str. in Richtung Schönefeld.
Zu beachten ist auch das Nachbargebäude Meißner Straße Nr. 64, das angrenzende Eckgebäude Hermann-Liebmann-/ Meißnerstraße.

Auf der rechten Seite habe ich ein aktuelles Bild der beiden Gebäude eingefügt: links die HL95 und rechts das Eckgebäude Meißner 64.
Beide im ,,schmucken“ äußeren Zustand – mal abgesehen von den farbigen Auslassungen der einheimischen ,,Künstler“.

2. Rückblick

Anfang der 1890er Jahre hieß dieser Leipziger Ortsteil Leipzig-Neustadt, die Hermann-Liebmann-Straße hieß Kirchstraße und die Meißner Straße war die Marktstraße.
Ein Blick in die alten Leipziger Adreß-Bücher zeigt, dass die oben genannten Grundstücke erst ab 1892 als Baustellen ausgewiesen wurden [Quelle #1].
In der Kirchstraße waren damals die Hausnummern 95 und 97 bis zur Ecke Marktstraße als Baustelle reserviert – das große Eck-Wohnhaus Nr. 93 war bereits errichtet worden und über die damalige Marktstraße hinweg existierte mit der Nr. 99 das große Grundstück vom ,,Gasthof Neustadt“.

Die Kirchstraße 95 wurde im Jahr 1894 erstmals bezogen. Das galt auch etwas zeitversetzt für das anschließende repräsentative Eckgebäude der Marktstraße 18.
Beide Gebäude sind in der Kultur-Denkmalsliste der Stadt Leipzig eingetragen [Quelle #2]:

  • Hermann-Liebmann-Str. 95 [früher Kirchstr. 95]: ein fünfgeschossiges Mietshaus in geschlossener Bebauung, im Jahr 1893 als Neubau übergeben; mit Läden und Hausdurchgang, Putzfassade, Objekt-ID des Kulturdenkmals: Nr. 09293350
  • Meißner Straße 64 [früher Marktstr. 18]: ebenfalls ein fünfgeschossiges Mietshaus in geschlossener Bebauung, etwas später auch im Jahr 1893 übergeben; mit Laden an der Ecke Meißner / Hermann-Liebmann-Straße, Putzfassade, Objekt-ID des Kulturdenkmals: Nr. 09293534

Die ursprünglich bereits reservierte Hausnummer 97 wurde (aus Platzmangel) nicht vergeben.
Aus den ersten Eintragungen zur Kirchstraße 95 im Leipziger Adreß-Buch (unten links) kann man auch ersehen, wer damals hier wohnte:
im Parterre ein Kaufmann mit einem kleinen Laden, sonst kleine Angestellte wie ein ,,Oberschaffner“, ein Beamter der Ortskrankencasse und auch ein Tischler als Handwerker, der sicher auch Räume im Hinterhaus genutzt hatte. Natürlich gab es in den preiswerteren Wohnungen der oberen Etagen auch Mieter aus dem Arbeiterbereich: Wollsortirer und Rollkutscher. Was diese Berufsbezeichnungen so genau beinhalteten ist heute mitunter schwer nachvollziehbar …

Im Vergleich dazu habe ich auf der rechten Seite der kleinen Tabelle den Eintrag mit den Bewohnern (= Haushaltsvorständen) des Eckhauses Marktstraße 18 (heute Meißner Str. 64) wiedergegeben. Interessant war für mich, dass in diesem Haus offenbar mehrere Bewohner mit der Eisenbahn zu tun hatten: Zugführer, Eisenbahnbeamte, Bremser und Bahnarbeiter.

Und auffällig: in beide Eintragungen wird als Hausbesitzer F. H. H. Hennig angegeben – genauer gesagt handelt es sich dabei um den Bauunternehmer Friedrich Hermann Heinrich Hennig, der die beiden benachbarten Häuser an der Kirchstraße bauen ließ und anschließend die Wohnung in der 1. Etage des großen Eckhauses Marktstraße 18 mit dem Balkon über dem Eingang des Eckladens bezogen hatte (C. H. H. bei Nr. 18 ist sicher ein Druckfehler gewesen).

Auch das Wappen mit dem ,,H“ und den beiden Löwen als Schildträger stammt offenbar von ihm.
Das bestätigt eine Bauzeichnung, die ich freundlicherweise vom Leipziger Amt für Denkmalpflege erhielt. Darin wird ein ,,Project des Herrn Hennig“ genannt und eine Skizze der ,,Facade“ des Neubaus Kirchstraße 95 gezeigt, die über den mittleren Fenstern im 4. Geschoss das fragliche Schild mit einem ,,H“ enthält [Quelle #3]. Dazu aber gleich noch mehr – Bild unten links.

Das Schild mit dem ,,H“ hat also nichts mit der Schönefelder Rittergutsbesitzerin Hedwig von Eberstein (1817 – 1900)
und hat auch (leider) nichts mit der mystischen Hogwards-Schule zu tun 😉  😉  😉

Jetzt aber ein paar …

3. Vergleichs-Blicke

Im Folgenden habe ich drei Bilder vom Haus Kirch- bzw. Hermann-Liebmann-Str. 95 gegenüber gestellt:

  1. die Projektskizze Hennig aus dem Jahr 1894,
  2. eine Aufnahme vom Hauszustand im September 2008 vor der Sanierung [Quelle #4] und
  3. eine aktuelle Aufnahme vom März 2020

Projektskizze 1894:
Im Erdgeschossbereich ist in der ursprünglichen Projektskizze ein kleiner Laden mit einer Eingangstür und einem Schaufenster zu sehen. An dieser Stelle wird sich auch ab dem Jahr 1902 der ,,Chokoladen-Laden“ befunden haben.
Über den mittleren Fenstern im vierten Geschoss ist das Wappenschild mit dem ,,H“ und zwei teutonischen Kriegern (oder sowas in der Art) als Schildträger zusehen.
Das wurde offenbar nicht ganz so umgesetzt, ist aber prinzipiell ähnlich gelöst worden.

Zustand 2008:
Im Erdgeschossbereich ist eine Ladenzone entstanden; es gibt faktisch keine ,,normalen“ Stubenfenster mehr. Allerdings stehen alle Läden inzwischen leer, der letzte Mieter ist entschwunden und der Putz bröckelt …

Aktueller Zustand 2020:
Es gibt jetzt im Erdgeschossbereich keine Läden mehr, ansonsten ist das Haus zwar noch nicht ganz fertig saniert, aber von außen gesehen in einem tollen Zustand!

Und hier nochmals zum Vergleich –  die Ladenzone im Jahr 2014 und heute:

4. Ausblick

Wie geht es hier weiter?

Aus der aktuellen Projektkarte des Deutschen Architektur-Forums Leipzig/Halle [Quelle #5] habe ich entnommen, dass der Projektabschluss der Sanierung des gründerzeitlichen Wohn- und Geschäftshauses Hermann-Liebmann-Straße 95 für den 1. Juni 2020 vorgesehen ist.


Quellen-Verzeichnis:

Quelle #1:   Leipziger Adressbücher (LAB) der Jahre 1892 bis 1902, online über SLUB Dresden: http://adressbuecher.sachsendigital.de/suchergebnisse/adressbuch/Book/list/leipzig/1892/

Quelle #2:   Liste der Kulturdenkmale in Leipzig Neustadt-Neuschönefeld, Hermann-Liebmann-Straße 95 und Meißner Straße 64
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Neustadt-Neusch%C3%B6nefeld

Quelle #3:   Stadt Leipzig, Amt für Bauordnung und Denkmalpflege, siehe: https://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/aemter-und-behoerdengaenge/behoerden-und-dienstleistungen/dienststelle/denkmalpflege-635/

Quelle #4:   Google Streetview (GSV) vom Leipziger Osten, aktueller Stand Feb. 2020 mit Bildern vom September 2008

Quelle #5:   Deutsches Architektur-Forum, D-A-F Projektkarte Leipzig/Halle, online hier: http://www.dafmap.de/d/lhal.html?id=2042&mt=4&zoom=16

 

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