Marktplatz in Volkmarsdorf (2)

Im Jahr 1907 wurde der Marktplatz von Volkmarsdorf in den Volkmarsdorfer Markt umbenannt. Wie hat sich die Gegend rings um diesen Marktplatz in den Folgejahren bis zum Ende ,,Goldenen 20er Jahre“ verändert?

Speziell möchte ich den Fragen nachgehen: wie hatte sich Handel und Gewerbe in dieser Gegend entwickelt und
welche politischen Ansichten hatten die Volkmarsdorfer im Jahr 1928?

Im Jahr 1928 – ein Marktplatz zum Ende der turbulenten zwanziger Jahre

Als Ausgangspunkt für eine zweite historische ,,Marktanalyse“ habe ich diesmal die Kopie eines detaillierten Stadtplans meines Großvaters Gerhard Stein aus dem Jahr 1929 mit Nachträgen bis Ende Juni 1928 genutzt. Zur besseren Orientiertung habe ich in diesen Plan alle Hausnummern der Gebäude und Freiflächen rings um den Markt zusätzlich mit eingetragen. [Quelle #1]

Um zu ermitteln, welche Handels- und Gewerbetätigkeit in diesen Gebäuden angesiedelt war habe ich im Leipziger Adreß-Buch (LAB) des Jahres 1929 im Einwohnerverzeichnis, im Häuserbuch und im Branchenverzeichnis nachgeschlagen. [Quelle #2] Die dort enthaltenen Angaben sind in der Regel bis zu Herbst 1928 aktualisiert, sodass man mit Hilfe diesen Quellen eine Analyse der Handels- und Gewerbetätigkeit für das Jahr 1928 ermitteln kann.

Ich beginne mit den Gebäuden im Nordwesten des Marktes in der Zollikoferstraße und fahre dann in Uhrzeigerrichtung mit den Gebäuden in der Lukasstraße, Ewaldstraße bis zur Elisabethstraße fort.

Was hatte sich von den Bezeichnungen der Straßen und Plätze rings um die Lukaskirche im Vergleich zum Jahr 1902 geändert?

  • Der ursprüngliche ,,Markt“ von Volkmarsdorf hieß seit dem Jahr 1907 offiziell ,,Volkmarsdorfer Markt“.
  • Wilhelmstraße –> sie hieß seit dem Jahr 1908 Zollikofer Straße. Georg Joachim Zollikofer war ab dem Jahr 1758 ein Prediger der reformierten Gemeinde in Leipzig (geb. 1730 in St. Gallen; gest. 1788 in Leipzig).
  • Nummerierung der Häuser: sie änderte in der Ewaldstraße, seit dem Jahr 1913, und Zollikoferstraße seit dem Jahr 1912. Die Nummerierungen beginnen ab jetzt jeweils an der Kirchstraße in Richtung zur Torgauer Straße. Vorher verlief die Nummerierung umgekehrt (in Richtung Leipzig).

Folgende Ansichtskarten habe ich in meinem Archiv gefunden, die zu diesem Zeitabschnitt bis zum Ende der 1920er Jahre passen.
Das linke Bild (unten) zeigt den imposanten ,,Großen Saal“ von ,,Kasslers Festsälen“ im Hintergebäude des Hauses Elisabethstr. 13.

Auf der rechten Ansichtskarte sind außer den Fassaden der Häuser der Lukasstr. 1 bis 6 am Straßenende auch das Hauses Zollikofer Str. 29 am Volkmarsdorfer Markt zu sehen. Der dunkle ,,Rahmen“ der Engelbrecht-Zigarrenhandlung in der Erdgeschosszone der Zollikoferstr. 29 fällt dabei besonders ins Auge.

Die Häuser rings um den Markt waren damals alle gut vermietet.

Aber wer wohnte dort und wie ,,Rot“ waren die Einwohner wirklich? Einen kleinen Einblick kannman erhalten, wenn man sich die Ergebnisse der Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928 ansieht. Die Ergebnisse der elf Volkmarsdorfer Wahlbezirke wurden am 21. Mai 1928 in der Leipziger Volkszeitung abgedruckt.
Die Einwohner von Volkmarsdorf wählten damals in zwei Wahllokalen:

  • in der 16. Volksschule, Konradstr. 67 mit den Wahlbezirken 185 bis 189 und 19 sowie
  • in der 53. Volksschule, Bogislawstr. 20 mit den Wahlbezirken 190, 192 bis 195.

Vergleicht man die Ergebnisse mit denen des Leipziger Wahlkreises und dem gesamten Deutschen Reich, dann ergibt sich folgende Tabelle:

Die Volkmarsdorfer Wähler stammten überwiegend aus den Reihen der Arbeiterschaft und der unteren Mittelschichten.

  • Die Volkmarsdorfer Wähler haben damals überwiegend ,,links“ gewählt – 67 % der Stimmen, das sind etwa 2/3 aller abgegebenen Stimmen entfielen auf die SPD und KPD. Aber, davon fast die doppelte Wähleranzahl im Vergleich zur KPD hatten die SPD gewählt. Dazu muss aber angemerkt werden, dass sich damals SPD und KPD diametral gegenüberstanden und gemeinsame Aktionen nahezu ausgeschlossen waren. Aus den Ergebnissen des Wahlkreises Leipzig und des gesamten Deutschen Reichs läßt sich auch ein ähnlicher Trend erkennen.
  • Die Partei des katholischen Zentrums hatte in der Leipziger Gegend traditionell keinen großen Stimmenanteil. Andere kleine Splitterparteien habe ich der besseren Übersichtlichkeit halber in der Tabelle vernachlässigt.
  • Interessant ist bei den Ergebnissen der Reichstagswahlen vom Jahr 1928, dass die Partei der Nationalsozialisten im Leipziger Raum (noch) relativ unbedeutend abgeschnitten hatte.

Fazit:
Im Herbst des Jahres 1928 herrschte rings um den Markt (wie auch schon im Jahr 1902) eine rege und vielseitige Handels- und Geschäftstätigkeit, es gab unter anderen:

  • vier Gaststätten,
  • vier Produkten- und Lebensmittelhandlungen,
  • drei Bäckereien, Konditoreien,
  • zwei Zigarrenhandlungen und
  • einen Fleischer.

drei Anmerkungen:

  1. Die rot gekennzeichneten Gebäude oben im Stadtplan-Ausschnitt weisen auf die heute noch erhaltene alte Marktbebauung hin; es sind neben der Lukaskirche nur die fünf Wohnhäuser Elisabethstraße 13, 15, 17, 19 und 19a.
  2. An der Kreuzung Zollikofer- /Elisabethstraße kam es bei der Umnummerierung der Zollikoferstraße dazu, dass sich jetzt neben der Elisabethstraße 19a die Zollikoferstraße 19 und gegenüber die Elisabethstraße 19 befand – sicher für Außenstehende etwas verwirrend!
  3. Und kurz gesagt: dem Einwohnern ging es im Jahr 1928 noch relativ gut – im Vorjahr der Weltwirtschaftskrise …

Literatur und Quellen:

siehe auch Beitrag ,,Marktplatz in Volkmarsdorf (1)“

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