Vergessenes an der Konstantinstraße

An der Konstantinstraße wird in letzter Zeit viel gebaut. Das ,,Konstantinum“ entsteht.
Zwischen Kohlgarten- und Lutherstraße gibt’s dann auf der linken Straßenseite nur noch Neubauten.
Was standen da vorher für Gebäude und was ist damit passiert?
Darüber konnte ich ein paar unbekannte bis rätselhaften Ansichten auftreiben, schaunmermal …
Weil ich für meinen Recherchen keine aktive Zeitzeugen gefunden habe, musste ich auf ,,stumme“ Zeitzeugen zurückgreifen. Dazu zählen für mich alte Leipziger Ansichtskarten, Fotos, Stadtpläne, Adressbücher und alles, was sonst noch so an die alten Gebäude und deren Bewohner erinnern könnte.

1. Postalisches

Die gesamte Konstantinstraße im Leipziger Osten gehörte laut den Angaben im Leipziger Adressbuch des Jahres 1900 zum Zustell-Bezirk des Postamts Leipzig-Neuschönefeld an der Ecke Einert-/ Ludwigstraße. Im Postbezirk gab es damals sieben öffentliche Postbriefkästen, die täglich bis zu zehnmal (!!!) geleert wurden. [Quelle #1]
Die tägliche Post mit ihrer kurzen Zustellzeit war damals sowas wie die WhatsApp oder SMS von heute. Toll – da konnte man mittags schnell mal eine Einladung für denselben Abend per Post rüberschicken. Dazu habe ich einen Postbeleg meiner Großeltern – das hat funktioniert!

In meinem Ansichtskarten(Ak)-Archiv habe ich eine grobe Unterteilung in folgende Rubriken vorgenommen:

  1. Orts-Ak (Orte, Straßen, öff. Gebäude, Parks usw.)
  2. Häuser-Ak (Häuser mit Bewohnern)
  3. Werbe-Ak (z.B. von Gaststätten, Ausstellungen, Attraktionen usw.)

Von der Konstantinstraße habe ich nur die Kopie einer alten Ansichtskarte in meinem Archiv entdeckt. Darauf ist die Straßenkreuzung Kohlgarten-/ Konstantinstraße mit den angrenzenden Gebäuden zusehen. Zwei weitere Ansichtskarten mit Gebäuden an der Ecke Konstantin-/ Lutherstraße habe ich von Frank H. aus seiner Sammlung zur Nachnutzung erhalten. [Quelle #2]

Außerdem habe ich in meinem Filmarchiv noch eine interessante Aufnahme vom Runkiplatz aus dem Jahr 1987 entdeckt. Im Hintergrund dieser Aufnahme ist ein einzelstehendes Gebäude an der Konstantinstraße zu sehen.

2. Kartografisches

Weil es heute im genannten Gebiet auf der linken Seite der Konstantinstraße  keine alten Gebäude mehr gibt, hier unten links ein Blick auf einen alten Stadtplan aus dem Jahr 1908. Darin habe ich die im Text folgenden Gebäude an der Konstantinstraße benannt und gekennzeichnet.

Warum gibt’s da heute kaum noch eine historische Bebauung? Das wird aus dem rechts oben abgebildeten Stadtplanausschnitt (1943) ersichtlich. Darin wurden die im Bombenkrieg als total (durchgehend schwarz) und beschädigt (schraffiert bzw. gepunktet) gekennzeichnete Gebäude dargestellt. Zwischen der Kohlgarten- und der Lutherstraße gab es demnach, besonders nach dem Bombenangriff im Dezember 1943 auf das Leipziger Verlagsviertel, große Schäden – fast alle Gebäude waren zerstört.

Im Folgenden ein Blick auf die alten Ansichtskarten und Ansichten von heute.

3. alte Bebauung an der Konstantinstraße

Die Eckhäuser Konstantinstraße 1 und Kohlgartenstraße 29
Auf dem linken Bild (unten) ist eine Ansichtskarte (Orts-Ak der Rubrik A) mit der Straßenkreuzung Konstantin-/ Kohlgartenstraße gegen Ende der 1920er Jahre wiedergegeben. Der Kamerastandort befand sich wahrscheinlich in der Ranftschen Gasse mit Blick nach Nordosten. Zu sehen sind von links nach rechts folgende Gebäude:
Kohlgartenstr. 27
Eckhaus Konstantinstr. 1
|| Konstantinstraße
Eckhaus Kohlgartenstr. 29
Kohlgartenstr. 31 (von den Bäumen verdeckt)
Kohlgartenstr. 18 (mit Türmchen am rechten Bildrand)

Auf dem rechten Bild im Vergleich die Straßensituation heute. Links ist ein Eckhaus des ,,Konstantinum“ im Bau, vielleicht bald wieder mit der Hausnummer Konstantinstr.1 (?) Das Eckhaus auf der rechten Seite, die Kohlgartenstr. 29, ist gegenwärtig noch eine große Ecklücke. Links davon ist die Konstantinstr. 2 und rechts am Bildrand die Kohlgartenstr. 31 angeschnitten.

Bemerkenswert sind auf der Ansichtskarte vom Ende der 1920er Jahre die repräsentativen Eckhäuser.

Das Eckhaus Konstantinstr. 1 (BKN – Brandkatasternummer Reudnitz B 113B) wurde laut mir vorliegenden Kartenausschnitten (Hetzel, 1887 und Gaebler 1887) im Jahr 1887 erstmalig erwähnt.  Im LAB (Leipziger Adreß-Buch) des Jahres 1928 wird dort im Erdgeschoss eine Filiale der Brotfabrik Gebrüder Joachim, Pätz und Co erwähnt. Diese Reudnitzer Filiale gibt es in dem Haus seit der Schließung der Brotfabrik der Gebrüder Joachim am gegenüberliegendem Standort in alten Gebäude der Kohlgartenstr. 18, siehe Beitrag ,,Ode an die Brot- und Kuchenbäcker zu Reudnitz“. [Quelle #3] Außerdem befand sich in diesem Haus in den 1920er Jahren eine Schokoladenhandlung für Leckermäulchen.

Das Eckhaus Kohlgartenstr. 29 (BKN Reudnitz B 84 B) ist jüngeren Datums. Auf dem früheren Grundstück befand sich das ehemalige Hahnemannsche Gut, in dem der Student Johann Wolfgang Goethe während der Leipziger Messen campierte – historischer Boden sozusagen, siehe Benndorf ,,Leipziger Goethestätten“ [Quelle #4]. Auf diesem Grund und Boden wurde im Jahr 1907 ein großes Eckhaus errichtet. Auf der Ansichtskarte (oben links) ist an der Straßenecke der Laden einer großen Fahrrad-Handlung zu erkennen, der lt. LAB des Jahres 1928 Willy Preißer und seiner Frau Marie gehörte. [Quelle #1]
Ja – richtig, das war das ursprüngliche Geschäft von ,,Fahrrad-Preißer“, das ab 1930 in die Dresdner Straße umgezogen und auch heute noch/wieder in der Dresdner Straße ansässig ist.

Das Haus Konstantinstraße 5
Als wir noch an der Ernst-Thälmann-Straße wohnten habe ich öfter mal ein Foto vom Fenster aus aufgenommen. Auf einem dieser Bilder vom September 1987, mit Blick über den Vitaminbasar am Runkiplatz in Richtung Kohlgartenstraße habe ich jetzt ein einzelnstehendes Gebäude auf der Konstantinstraße entdeckt, bei dem es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um das Haus Konstantinstr. 5 handelt, siehe Bild rechts.
Dieses Haus Konstantinstr. 5 (BKN Reudnitz B 113D) wurde meiner Recherche nach etwa in den Jahren 1898/99 gebaut, hatte auch den Krieg überstanden und wurde nach mir vorliegenden Unterlagen erst in den Jahren zwischen 2003 und 2005 abgerissen.

Besondere Beachtung verdienen die Preistafeln am ,,Vitaminbasar“:
Rotkohl und Weißkohl das Kilo zu 30 Pfennig,
Kohlrüben das Kilo zu 25 Pfennig,
Kohlrabi das Stück zu 40 Pfennig
Limetten das Kilo für 3,10 Mark (!)

Interessant in diesem Zusammenhang ist ein kleines Firmenschild, dass mir Frank H. zur Verfügung gestellt hat. [Quelle #2]
Auf diesem wird für selbst schließende Türschließer der Firma Bruno Hennig Reklame gemacht. Die Firma war offenbar in diesem in der Konstantinstr. 5 ansässig. Ein Blick in die betreffenden Adressbücher bestätigt das – mehr noch: im LAB vom Jahr 1949 steht ,,Bruno Hennig, Türschließer seit 1892″.
Für das Haus Konstantinstr. 5 konnte ich Bruno Hennig für die Zeit zwischen 1899 und 1943 nachweisen. [Quelle #1].
Dazu untenstehend zwei Beispiele aus den LAB der Jahre 1908 und 1928.

Das Eckhaus Lutherstraße 22
Ein Gebäude mit der Hausnummer Lutherstr. 22 wird man heute vergeblich suchen. Nach der Lutherstr. 20 als großes Eckhaus vor der Kreuzung mit der Konstantinstraße folgt auf der anderen Straßenseite die Lutherstr. 24. Die Nr. 22 gibt es heute nicht mehr, sie ist verschwunden …

Ein Blick auf die oben gezeigten Ausschnitt aus dem Leipziger Stadtplan aus dem Jahr 1908 und in die Adressbücher Leipzigs zeigt aber, dass es dieses große Eckhaus Lutherstraße 22 (BKN Reudnitz B 113D) früher natürlich gegeben hat.
Der Hauseingang befand sich auf der rechten Seite des Eckhauses an der Lutherstraße. Auf der linken Seite, zur Konstantinstraße hin befand sich seit seit dem Bau des Gebäudes im Jahr 1887 ein separater Eingang zu einer Gaststätte. Mit Unterstützung durch Andreas H. [Quelle #6] konnten folgende Gaststättennamen ermittelt werden:
1887                  Restaurant von Adolph Vollrath (Anzeige im Adressbuch Reudnitz 1887, Seite 58)
1895                  Böhmes Biertunnel
1896                  Böhmes Biertunnel
1900                  Zum Steigerbräu
Im Jahr 1900 kaufte der Erfurter Brauerei-Besitzer Friedrich Treitschke das Haus. Weil das Bier der Gebrüder Treitschke in Erfurt aus dem Quellwasser der Steiger gebraut wurde die Gaststätte ,,Zum Steigerbräu“ umbenannt. [Quelle #7]
1905                 Gemütliche Schänke (Wirtschaftsnamen Verzeichnis Adressbücher Leipzig)
1907                 Konstantinburg
1915-1917        Reisewitzer Bierquelle
Der Name „Reisewitzer Bierquelle“ bezieht sich sicher auf die von 1909-1917 im Hofgebaüde der Lutherstr. 22 befindliche Niederlage der Actien-Bierbrauerei zu Reisewitz (Dresdner-Plauen, später Teil der Felsenkellerbrauerei Dresden). Und das unter den Hauseigentümern Gebrüder/ Geschwister Treitschke, Brauerei in Erfurt! Das ist schon merkwürdig. [Quelle #7]
1918                 Konstantinburg
1929-43            Konstantinburg (Gaststättenverzeichnis Telefonbücher).

Die nachfolgenden Einträge aus den LAB der Jahre 1901, 1909 und 1928 habe ich auf die Geschäftslokale im Parterrebereich und den Hofgebäuden reduziert, mit Ausnahme eines Eintrags in der 4. Etage im Jahr 1909, aber dazu später. Treitschkes waren bis zum Jahr 1921, anschließend der Fleischermeister Munk und ab 1937 die Munkschen Erben Hauseigentümer.

Die im Folgenden auf der linken Seite wiedergegebene Ansichtskarte vom Eckhaus Lutherstr. 22 stammt aus dem Jahr 1908.
Dabei handelt es sich um eine typische Häuser-Ansichtskarte der Rubrik B. [Quelle #2]
Dazu kam der Fotograf direkt zum Haus, fotografierte die Bewohner gleich mit und verkaufte anschließend die Abzüge als Ansichtskarte. Die hier gezeigte Ansichtkarte wurde mit Poststempel: Leipzig 13 (Kaiserl. Briefpostamt Augustuslatz 3), am 11.10.08, 8-9 N (Nachmittag, also 20 – 21 Uhr) an den Serganten Alfred Rost nach Gumbinnen in Ostpreußen versandt [heute Oblast Kaliningrad].
Mit folgendem Wortlaut:
Lieber Bruder und Schwager,
schicken Euch auch einmal eine Ansicht von unsern Wohnhause. Emma mit Elisa in der Schlafstube und ich in der Wohnstube, sonst alles gut

Es grüßt Euch herzlich Carl, Emma und Elisabeth

Also, schaun wir mal auf die Ansichtskarte, oben ganz rechts in der 4. Etage, da sind Emma, Elisabeth und Carl an den Fenstern zu sehen. Carl Rost war seinerzeit, wie der Blick ins LAB des Jahres 1909 (oben Mitte) zeigt, als Hilfsbremser beschäftigt.

Der Bildausschnitt (oben, rechts) zeigt links den Gaststätteneingang zum ,,Restaurant Zur Konstantin-Burg“ auf der Straßenseite zur Konstantinstraße und vorn an der Häuserecke die Produktenwaren- bzw. Lebensmittelhandlung.

Auf einer Werbe-Ansichtskarte vom Ende der 1920er Jahre sind die Gast- und Speisewirtschaft ,,Konstantinburg“ auf der Seite der Konstantinstraße und ein Blick in den Gastraum zu sehen (eine Ak der Rubrik C, Abbildungen unten). Laut Eintrag im LAB hatte Siegfried Ulrich ab dem Jahr 1929 die Gaststätte übernommen. [Quelle #2]

Auf dem rechten Detailbild (oben) sind vermutlich vor dem Eingang zur Gaststätte der Besitzer Siegfried Ulrich, der lt. Adressbuch ab dem Jahr 1929 die Gaststätte übernommen hatte, seine Frau und Tochter zusehen. Wie man sehen kann, wurde auch ,,Sternburg-Bier“ ausgeschenkt.
Beim Bombenangriff im Dezember 1943 auf das Grafische Viertel von Leipzig wurden unter vielen anderen auch die hier auf den Ansichtskarten gezeigten Gebäude Konstantinstr. 1, Kohlgartenstr. 29 und Lutherstr. 22 zerstört.

Im Bild links ein Blick auf das Mitte der 1990er Jahre errichtete Wohnhaus Lutherstraße 20. Naja, der Begriff Architektur steht ja eigentlich für Baukunst und die ästhetische Auseinandersetzung des Menschen mit dem gebauten Raum. Aber das scheint bei diesem zweckmäßigen Siebengeschosser nicht so wichtig gewesen zu sein.

Auf einem Teil der Grundfläche stand früher das aus meiner Sicht architektonisch ausgewogenere Eckhaus Lutherstr. 22.


Literatur- und Quellenverzeichnis

  • Quelle #1:   Leipziger und Vorort-Adressbücher, online (SLUB) über Suche Reudnitz bzw. Leipzig
  • Quelle #2:   Ansichtskarten Kohlgarten-/Konstantinstraße aus eigener Sammlung, Schild Konstantinstr. 5 und Ansichtskarten Lutherstraße 22 mit freundlicher Genehmigung Frank Heinrich
  • Quelle #3:   Ode an die Brot- und Kuchenbäcker zu Reudnitz (Beitrag wortblende vom 29.01.2017)
  • Quelle #4:   Paul Benndorf: Zwei vergessene Leipziger Goethestätten, Verlag H. Haessler Leipzig, 1922, Seiten 14 bis 15 über das Hahnemann’sche Gut bzw. das Wohnhaus Kohlgartenstr. 29
  • Quelle #5:   Anzeige ,,Steigerbräu“ aus Leipziger Volkszeitung vom 23. Juni 1900, Seite 4, online (SLUB) https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/145926/
  • Quelle #6:   Andreas Hönemann: über die Gaststätten in der Lutherstraße 22
  • Quelle #7   Brauereigeschichte aus Wikipedia: (Brauerei) Gebrüder Treitschke, Erfurt und Actien-Bierbrauerei zu Reisewitz, Dresden

Ein Gedanke zu “Vergessenes an der Konstantinstraße

  1. Hallo Harald,
    [gekürzt: Harald St.]
    Meine Großeltern wohnten von 1939 bis 1976 in der Kohlgartenstraße 31b. Neben diesem imposanten Gebäude an der Ecke Kohlgarten- / Lutherstraße sind noch die Nr. 31a und 31, schemenhaft auch die 29 zu erkennen. Zunächst wohnten wir als Großfamilie nach dem Krieg in der 31b. Später bezogen meine Eltern eine andere Wohnung. Häufig war ich allerdings zu Besuch bei den Großeltern. Die Trümmer der Häuser Kohlgartenstraße 29 und Konstantinstraße 1 waren mein „Abenteuerspielplatz“.
    Die linke Seite der Konstantinstraße (ab Lutherstraße) war damals mit Werkhallen bebaut, in denen eine größere Vulkanisierwerkstatt untergebracht war. Es roch manchmal nach Gummi.
    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer H.
    Kannst Du mir sagen, wann das Haus Kohlgartenstraße 31b gebaut wurde?
    [Harald St.: in der Liste der Kulturdenkmale in Neustadt-Neuschönefeld wird das Baudatum der Gebäude Kohlgartenstraße 31, 31a und 31b mit etwa 1910 angegeben, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Neustadt-Neusch%C3%B6nefeld
    Grüße zurück!]

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