Chokoladen-Laden

Kürzlich hat mir Frank H. ein kleines bunt bedrucktes Servier-Tablett geschenkt, ein „petit plateau„. Das Tablett ist ja wirklich toll, auch wenn es leicht lädiert ist. Unglaublich, was sich so alles durch die Zeit rettet. Es ist 17 cm x 24,5 cm groß und stammt aus der Schokoladen-Großhandlung Ida Schäfer in der L.-Neustädter Kirchstraße 95, siehe Ausschnitt auf dem Bild rechts.
Und – „Schokolade“ ist bekanntlich immer willkommen. Frei zitiert: Es gibt nichts wertvolleres als einen guten Freund, AUSSER einen Freund mit Schokoladen-Großhandlung … [1]

1. Wo befand sich dieser ,,Chokoladen“-Laden?

Das auf dem Servier-Tablett genannte Schokoladen-Geschäft befand sich in der früheren Kirchstraße Nr. 95, der heutigen Hermann-Liebmann-Straße (kurz HL 95). Das genannte Haus befindet sich heute noch als Mittelbebauung im Abschnitt zwischen der Mariannen- und der Meißner Straße, siehe Skizze rechts.
Die Hausnummerierung in diesem Abschnitt der Liebmannstraße ist nicht ganz simpel: nach dem Eckhaus HL 89 an der Mariannenstraße (links) folgt (rechts) das Eckhaus Nr. 93, dann unser ,,Schokoladen“-Haus Nr. 95, daneben das Eckhaus Meißner Straße Nr. 64, gefolgt von der Kindereinrichtung HL 99 (städt. Kita ,,Knirpsenland“).
Da wurden die Nummern 91 und 97 im Abschnitt zwischen der Mariannen- und der heutigen Meißnerstraße offenbar ausgelassen, weil die Eckhäuser größer gebaut wurden als die Baustellen-Nummerierung der Stadtverwaltung ursprünglich vorgesehen hatte.

In der Kultur-Denkmalsliste der Stadt Leipzig werden die beiden Gebäude HL 95 und Meißner Str. 64 genannt [2]:

  • HL 95: fünfgeschossiges Mietshaus in geschlossener Bebauung im Jahr 1893 als Neubau übergeben; mit Läden und Hausdurchgang, Putzfassade, Objekt-ID des Kulturdenkmals 09293350
  • Meißner Straße 64: fünfgeschossiges Mietshaus in geschlossener Bebauung ebenfalls im Jahr 1893 übergeben; mit Laden an der Ecke Meißner / Hermann-Liebmann-Straße, Putzfassade, Objekt-ID des Kulturdenkmals 09293534
    Beide Gebäude wurden durch den Bauunternehmer Friedrich Hermann Heinrich Hennig errichtet.

Vom Haus HL 95 konnte ich bisher leider kein historisches Straßenbild entdecken, aber vom Nachbarhaus (rechts daneben), dem Eckhaus zur Meißner Straße kann ich hier die Kopie einer Ansichtskarte zeigen, die etwa im Jahr 1910 aufgenommen wurde, Bild links [Danke!]. Im Eckladen eine sogenannte Produktenhandlung, dort wurde auch die obergärige Gose verkauf. Geschäftsinhaberin war Frau Anna Berger. Vorher befand sich hier an der Ecke die Konditorei von Paul Breitfeld. Beim genauen Betrachten kann man das noch über der Eingangstür lesen. Ja, und ich vermute mal, dass die vielen Kinder (24) auch alle zum Haus gehörten.

2. Seit wann gab es hier einen Schokoladen-Laden?

Das Blättern in den Leipziger Adreß-Büchern (LAB) hat folgendes ergeben:
in den ersten Jahren nach dem Neubau des Hauses wechselten Ladeninhalte und Besitzer häufig – mal wird lediglich Kauf- oder Handelsmann angegeben, dann war ein paar Jahre ein Schuhmacher hier tätig.
Im Jahr 1902 wechselte der Hausbesitzer, genauer gesagt wurde Frau Agnes Ida Schäfer Hausbesitzerin und sie übernahm auch das Ladengeschäft, zunächst als ,,Confituren“-Geschäft, siehe Eintrag im LAB 1903 unten links. [4] Das Wort Confiture in dieser Schreibweise kommt aus dem Französischen und bedeutet nach meinem Fremdwörterbuch Eingemachtes bzw. Marmelade aus nur einer Fruchtsorte.

Ab dem Jahr 1904 wurde aus dem ,,Confituren-Geschäft“ eine ,,Schokoladen-Großhandlung“.

Nebenstehende Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1907 weist auf ein Zweitgeschäft in der Eisenbahnstraße 145 (Sellerhausen) hin und der Blick ins LAB 1906 und 1907 zeigt, dass die Schäfers in diesen beiden Jahren  auch dort als Haus- und Geschäftseigentümer verzeichnet waren. Ende des Jahres 1909 wird Benjamin Schäfer im LAB als Geschäftsinhaber und Hausbesitzer (Kirchstr. 95) genannt – vermutlich war Ida Schäfer in diesem Jahr verstorben.
Benjamin Schäfer führte die Schokoladen-Großhandlung im Namen seiner Frau bis Ende Dezember 1910 weiter, übergab das Geschäft ab Januar 1911 an Emilie Hager, nun unter der Bezeichnung ,,I. Schäfer Nachf.“ Siehe auch die beiden untenstehenden Geschäftsanzeigen aus der Leipziger Volkszeitung [5].

Damit nähern wir uns der Herkunftszeit des oben genannten Servier-Tabletts, das sehr wahrscheinlich aus dem Zeitabschnitt zwischen dem Jahr 1911 bis 1914 (Beginn des ersten Weltkriegs) stammt. Das alte Tablett habe ich vorsichtig gesäubert und mit seidenmattem Acryl-Klarlack eingesprüht. Jetzt (Bild rechts) sieht es wieder chic aus!
Solche Sachzeugen sind mitunter die einzigen Dinge, welche von langjährigen Geschäftstätigkeiten zu berichten wissen.
Warum die neue Inhaberin den Begriff ,,Chokolade“ auf dem Tablett verwendete, darüber läßt sich heute nur spekulieren. Diese Schreibweise wurde in der (alten) deutschen Rechtschreibung vor der Reform im Jahr 1901 verwendet – damals wurde im Bereich der Fremdwortschreibung das Ch durch Sch ersetzt. Vielleicht wollte Emilie Hager mit der Schreibweise ,,Chokolade“ an die guten alten Werte erinnern …?
Das Schokoladengeschäft in der Kirchstraße 95 wurde durch Emilie Hager unter der Geschäftsbezeichnung Schokoladen-Großhandlung Ida Schäfer Nachfolger noch bis zum Jahr 1920 weitergeführt.
Ab dem Jahr 1921 bis 26 wird im Adressbuch als Geschäftsinhaber des Zuckerwaren- und Schokoladen-Geschäfts Oskar Hartig angegeben. Im Jahr 1927/28 ist ein Lebensmittelgeschäft von Anna Lotze im Adressbuch vermerkt und ab 1929 haben Wilhelmine Haase und Richard Haase hier wieder Schkolade verkauft. Gustav Wanning übernahm das Geschäft Ende1932 und führte es als Schokoladen- und Zuckerwarengeschäft bzw. nach dem zweiten Weltkrieg als Süßwarengeschäft mindestens bis zum Jahr 1949 laut vorliegender Adressbücher weiter [4]. Weil Herr Wanning nicht in den DDR-Fernsprechbüchern verzeichnet war, konnte ich leider zur weiteren Geschichte des Geschäfts an der Liebmannstraße nichts ermitteln.

Als wir Mitte der 1970er Jahre in das Wohngebiet an der Ernst-Thälmann-Straße gezogen sind, gab es in der Hermann-Liebmann-Straße 95 kein Schokoladen- oder Süßwarengeschäft mehr. Vielleicht haben ältere Anwohner noch ein paar historische Fotos oder können dazu was ergänzen? Dann bitte bei mir melden.

3. wie geht es nun weiter mit diesem Haus?

Wie viele Häuser im unsanierten Bereich der Leipziger Ostvorstadt war auch die Gebäude in der Liebmannstraße zur Wendezeit in einem schlechten Zustand. Bei einer gebäudetechnischen Erfassung im März 2009 wird das Haus Hermann-Liebmann-Straße 95 als unsaniert und leerstehend geführt. Ein Blick in Google StreetView zeigt, dass das auch schon im September 2008 so war. Inzwischen gibt es Hoffnung: das Haus ist aktuell eingerüstet und die Fassade wird saniert – offizieller Baubeginn war der 1. Juni 2019 [3].

Hier noch ein paar Impressionen vom Gebäude im September 2019:


Literatur- und Quellenangaben, Dankeschön:

  • Quellen:
    [1]:   Die Herkunft dieses Ausspruchs ist umstritten, er wird auch Charles Dickens zugeschrieben, aber meine englischen Forumfreunde sagten dazu: „There is nothing better than a friend, unless it is a friend with chocolate” is a saying that has been printed on many gift items. The saying was created by Linda Grayson’s Printwick Papers. However, Charles Dickens (1812-1870) has frequently been credited for the saying because people have confused Printwick Papers with the Dickens book The Pickwick Papers (1836-1837).
  • [2]:   Liste der Kulturdenkmale in Leipzig Neustadt-Neuschönefeld, Hermann-Liebmann-Straße 95 und Meißner Straße 64
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Neustadt-Neusch%C3%B6nefeld
  • [3]:   Deutsches Architektur Forum
    – „Soziale Stadt“-Programmgebiet, „Leipziger Osten“, Gebäudezustand, Stand: März 2009 als unsaniert, leerstehend (52): Hermann-Liebmann-Straße 95
    D-A-F Projektkarte Leipzig/Halle
    – Sanierung eines gründerzeitlichen Wohn- und Geschäftshauses.
    Hermann-Liebmann-Straße 95, 04315 Leipzig, (geplanter) Baubeginn: 2019-06-01
    http://www.dafmap.de/d/lhal.html?id=2042&mt=4&zoom=16
  • [4]:   Leipziger Adressbücher (LAB) der Jahre 1892 bis 1949, online über SLUB Dresden: http://adressbuecher.sachsendigital.de/suchergebnisse/adressbuch/Book/list/leipzig/1892/
  • [5]:   Leipziger Volkszeitung der Jahre 1907 bis 1913, online über SLUB Dresden: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/141582/1/

Dankeschön:
– für das Fundstück Tablett und die Kopie der Ansichtskarte vom Nachbarhaus Meißner Str. 64 an Frank Heinrich,
– für das Fundstück Kakao-Zeitungsausschnitt aus der Leipziger Volkszeitung vom 1. März 1907 an Andreas Hönemann

2 Gedanken zu “Chokoladen-Laden

  1. Wunderbar! Ich liebe solche Geschichten und stöbere selbst gerne online in den alten Adressbüchern, habe darin meinen Opa gefunden und konnte genau recherchieren, wann sie wo gewohnt haben. Künftigen Generationen wird sowas wohl nicht mehr so möglich sein, mit all dem Datenschutz und so 😉

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