Turnhalle im ,,Renaissancestyl“

Im April dieses Jahres habe ich per Mail einen interessanten Literaturtipp von Klaus Bernstein zur Turnhalle in der Torgauer Straße erhalten und gleichzeitig eine Anfrage zum heutigen Zustand.
Durch die Torgauer bin ich fast 20 Jahre lang jeden Tag zur Arbeit gefahren und kann deshalb als Augenzeuge sagen: ,,Klar, die Halle gibt’s noch!“
Genaueres wollte ich bei einem Interview mit dem Vorsitzenden des Allgemeinen Turnvereins (ATV) Volkmarsdorf einen Monat später vor Ort erfahren. Peter Zinke hat mir dabei auch erklärt, was es mit den Kreuzen links oben und mit den Zahlen 1858 und 1990 im Wappen des Vereins auf sich hat …
Hier geht’s los – und schön der Reihe nach:

1. Turnhallen-Anfrage

Klaus B. hatte einer Wiener Bauzeitschrift aus dem Jahre 1900 einen Artikel entdeckt, in dem ein Leipziger Architekt über den 1899 erfolgten Neubau einer Turnhalle für den „Allgemeinen Turnverein“ Leipzig-Volkmarsdorf berichtete:
Er zeigt den Grundriß, Aussen- und Innenansichten, beschreibt relativ detailliert die Finanzierung, nennt zwei Volkmarsdorfer Handwerker, die mitgewirkt haben usw.
„Turnhalle“ klingt heutzutage vielleicht etwas langweilig, so nach einfachem Flachbau, aber damals war das wohl nicht so, denn auf den ersten Blick könnte man das Gebäude für eine größere
Gründerzeit-Villa halten, mit den damaligen Türmchen und Erkern im Neo-Stil. Leider fehlt eine genaue Adressenangabe, es wird nur ein „Bauplatz an der Torgauer Strasse“ genannt, aber da damals die Menschen nicht so mobil waren vermute ich eher eine Adresse am Anfang (also stadteinwärts) der Torgauer Strasse, vielleicht zwischen Dornberger Strasse und Eisenbahnstrasse. Es würde mich interessieren, wie lange dieses Gebäude genutzt wurde und was daraus geworden ist (im 2. Weltkrieg den Bomben zum Opfer gefallen?). [Quelle #1]

Links, in einem Ausschnitt meines alten Stadtplans aus dem Jahr 1903 ist die im September 1899 eingeweihte Turnhalle in der Torgauer Straße 15 natürlich schon akurat eingetragen. Sie liegt (wie von Klaus B. schon vermutet) an der Torgauer Straße, hier auf dem Plan aus dem Jahr 1903 zwischen der Ewald- und Wilhelmstraße – das entspricht nach heutiger Straßenbezeichnung der Lage zwischen Dornberger- und Zollikoferstraße.

Ein Blick in die aktuelle Liste der Kulturdenkmale in Volkmarsdorf zeigt, dass das Gebäude der Turnhalle auch dort genannt wird:
Turnhalle Torgauer Straße 15, errichtet um 1900, Turnhalle der 18. Schule [da,mals X. Bürgerschule] in offener Bebauung; Putzfassade mit Sandsteingliederung, als Kulturdenkmal erfasst unter der Objekt-ID 09292861. [Quelle #2]

Die heute wieder schmuck aussehende Turnhalle ist ein Kulturdenkmal. Wie sah diese Turnhalle eigentlich nach der Erbauung im Jahr 1900 aus – gibt es da auch Bilder oder Zeichnungen? Ja, dazu schau ich mal in den bereits genannten …

2. Bau-Fachartikel

der Wiener Zeitschrift ,,Der Bautechniker“ Nr. 3 und 6 aus dem Jahr 1900.

Die beiden Artikel stammen vom Architekten Johann Gustav Pflaume in Leipzig und beschäftigen sich mit dem Neubau der Turnhalle des „Allgemeinen Turnvereins“ zu Volkmarsdorf-Leipzig. Darin heißt es:

Die Grundrisse dieser Turnhalle sind … [im Bild unten links] dargestellt. Die Halle hat eine Grundfläche von 480 m². Rechts und links vom Haupteingange befinden sich Wendeltreppen, welche besonderer Eingang nach der rückwärtigen Haupttreppe und auch nach den Garderoben führt, welche im Erdgeschosse neben der Turnhalle angelegt sind. Hinter dieser geräumigen Garderobe liegt nach einer Gallerie führen, die 60 m² Grundfläche hat.
Im Obergeschosse liegt neben der Treppe ein geräumiger Vorplatz, von dem aus vorderseits das Turnraths-Archiv und -Zimmer, hinterseits das Vorturner-Zimmer, sowie ein Pissoir und Abort zugänglich sind. An der Vorderfront befindet sich vor den Turnrathsräumen ein Austritt, der als Terrasse ausgebildet ist. Ueber dem Haupteingange der Turnhalle hat die innere Gallerie nach aussen einen zierlichen Balkon erhalten.

Zu den Schnitt-Zeichnungen auf der rechten Seite gibt es folgende Anmerkungen:

Wie unsere Beilage zeigt, macht die Vorderfront und auch die Längenansicht, eine sehr hübsche Wirkung. Der Zweck des Gebäudes gelangt in dem Aeussern sehr deutlich zur Erscheinung. Wir werden von diesem hübschen Gebäude in den folgenden Nummern unseres Blattes noch weitere Beilagen geben, welche einen Querschnitt, einen Theil des Längenschnittes und ein perspectivisches Bild der Vorderfront darstellen.

Das ,,perspectivische Bild der Vorderfront“ sieht man in der Abbildung rechts. Interessant an der Bauzeichnung ist die Fassadeninschrift über der Fensterfront: ,,ALLGEM / TURNVEREIN VOLKMARSDORF“. Diese Inschrift wurde beim Bau tatsächlich so ausgeführt wie ein Bildausschnitt der Fassade aus dem Jahr 1900 im Vergleich zur schlichten Fassung nach der Sanierung in den 1990er Jahren zeigt:

Im Zeitschriftenartikel hat der Architekt Johann Gustav Pflaume weiter aufgeführt:

Wenn es sich um eine gute Sache zum Wohle des Volkes handelt, so pflegt der Rath der Stadt Leipzig immer gross zu denken und daher überliess er dem Turnverein den ganzen Platz für einen geringen Pachtzins auf 50 Jahre. Nun war wohl der Platz da, aber wo sollte der Verein das Geld zum Baue der Halle beschaffen, die in einfachster Ausführung zu 60.000 Mk. veranschlagt war ?
Auch hier war es wieder der Stadtrath, welcher in erster Linie half, indem er dem Verein 28.000 Mk. zu einem mässigen Zinsfuss zur Verfügung stellte; 7000 Mk. konnte der Verein aus seinen Mitteln zum Neubau geben und 25.000 Mk. wurden in wenig Wochen in der Hauptsache von wenig bemittelten Bürgern des Stadttheiles Volkmarsdorf in Anteilscheinen aufgebracht.
An dieser Opferwilligkeit konnte der Verein erkennen, wie er mit seinen Volkmarsdorfern verwachsen ist.
Von den betheiligten [Volkmarsdorfer] Bauleuten sind namentlich zu nennen: Herr Baumeister Franz W e n d t, welcher die Maurerarbeiten ausführte. und Herr Zimmermeister Ernst H e m p e I. der die grossen Hallenbinder abgebunden und aufgestellt hat.
Die im modernen Renaissancestyl ausgebildete Halle zeigt in den Vorderfacaden den Giebel von 2 Thürmen flankirt; das erste Obergeschoss und das Dachgeschoss des Nebenhauses sind um 23 m gegen die Strassenfront zurückgesetzt, um die Halle in ihrem oberen Theile zu einer schönen Silhouette frei zu machen, hierdurch hat das Turnrathszimmer einen grossen Austritt an der Strassenfront erhalten. Der ganze Bau ist in Graukalkmörtel geputzt; Sandstein bat nur an der Strassenfront und auch hier in sparsamster Weise Verwendung gefunden. Der ganze Hallenraum ist mit hölzernen Dachbindern überdeckt, mit einer Holzdecke in Bogenform überspannt und hat bis zum Scheitel der Decke eine Höbe von 10 m. Die Dachflächen sind mit Ziegeln eingedeckt. [Quelle #3]

Baubeginn der Turnhalle war der18. März 1899, am 30. April war die feierliche Grundsteinlegung und bereits am 16./17. September fand die festliche Einweihung statt.
Damit hat die Turnhalle in diesem September (2019) ihr 120jähriges Baujubiläum.

Zeit, sich mal vor Ort umzusehen und umzuhören, bei einem Interview mit dem …

3. Allgemeinen Turnverein L.-Volkmarsdorf

genauer gesagt, mit einem ,,Urgestein“ dieses Vereins, Peter Zinke, der als Vorsitzender des ATV Volkmarsdorf 90 e.V. bereits über 40 Jahre im Turnverein tätig ist. Auf meine Frage, was das kryptisch anmutende Kreuz oben links im Vereinswappen bedeutet, hat es mich aufgeklärt, dass es dabei um das ,,Turnerkreuz“ geht, zusammengesetzt aus viermal ,,F“.
Das kommt auch im alten Turnerlied aus der Gründungszeit des ATV Volkmarsdorf um 1860 vor:
Laßt uns frisch, froh, fromm und frei
Fest die Fahne fassen
Und der Turner Losung sei:
Nur nicht locker lassen! (Turnvater Jahn)

Jahn bezog sich ausdrücklich auch auf die Redewendung „aus dem FF“, im Sinne von Stärke und Tüchtigkeit. Wer eine Fertigkeit (wie das Turnen) aus dem „FF“ beherrsche, könne es nicht nur sehr gut, sondern womöglich auch noch mehr auf anderen Gebieten. Der Begriff fromm wurde und wird in diesem Zusammenhang oft falsch gedeutet. Er hatte ursprünglich nichts mit dem religiös-kirchlichen Begriff der Frömmigkeit gemein, sondern meint tüchtig, fleißig. Naja, und der Begriff frei ist ja heute auch wieder ganz brisant: die Freiheit der Gedanken, der Andersdenkenden bis hin zur Bevormundungspolitik – ein heißes Pflaster …

Übrigens wird dieses Turnerkreuz mit dem 4 x F auch über die Grenzen hinweg verwendet

Englisch: Frank, fresh, frish, free
Französisch: franc, frais, fier, fort
Italienisch: Franco, fresco, fiero, forte
Spanisch: Franco, fresco, firme, fuerte

oder auf nicht ganz sportlichem Gebiet für ,,Filzpantoffeln, Fernsehen, Fußball und Flaschenbier“. [Quelle #4]

Über die Vereinsgeschichte hat mir Peter Zinke folgende Eckdaten genannt:

1858: wurde der Allgemeinen Turnvereins Volkmarsdorf 1858 gegründet (und genehmigt),
1899: erfolgte der Neubau und Einweihung der heutigen Turnhalle,
1943: beim großen Bombenangriff auf Leipzig (4. Dezember) wurde auch die Turnhalle von Brandbomben getroffen, die Flammen konnten aber durch den mutigen Einsatz des Hausmeisterehepaares im Keim erstickt werden.
Ende Oktober 1945: war erstmal Schluss mit dem Vereinsleben. Mit den Befehlen Nr. 124 und 126 der sowjetischen Militäradministration wurde Besitz und Vermögen des ATV L.-Volkmarsdorf beschlagnahmt. Erst im Jahr 1951 wurde durch die Stadt Leipzig wieder eine Nutzung der Turnhalle genehmigt (BSG Motor Mihoma, später Mikrosa).
1980 – 1989: wurde die Turnhalle der BSG Motor Mikrosa durch die Bauaufsicht mehrmalig gesperrt – der Abriss droht, konnte jedoch immer verhindert werden.
Dazu ein paar Bilder, die mir Peter Zinke für diesen Beitrag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Auf der linken Seite der folgenden Gegenüberstellung ist der schlechte Gebäudezustand der Turnhalle in den Jahren 1983/84 zu sehen. Die Bilder auf der rechten Seite habe ich im Mai dieses Jahres etwa aus dem gleichen Betrachtungswinkel aufgenommen.

1990: Am 25. September gründet sich der Allgemeine Turnverein Volkmarsdorf 90 e.V. neu, durch die Mitglieder der ehemaligen BSG Motor Mikrosa (Sektionen Volleyball, Tischtennis und Turnen).
1991: ab Oktober beginnt die Rekonstruktion der Turnhalle – Ende Januar 1993 findet schließlich die feierliche Wiedereröffnung mit der Schlüsselübergabe durch den damaligen Stadtrat Wolfgang Tiefensee an den Schulleiter der 18. Mittelschule, Richard Wolf und den Vorsitzenden des Turnvereins, Peter Zinke statt. [Quelle #5]
Nachstehend aktuelle Fotos von den Räumlichkeiten im Turnhallen-Gebäude:

Der Verein hat heute etwa 300 Mitglieder und ist in den Sportgruppen Volleyball, Karate, Tischtennis, Badminton, im Kinderturnen, der Gymnastik, der Aerobic und dem Rehasport aktiv. Eine Volleyball-Damen-Team spielt gegenwärtig in der Sachsenklasse.

Wie heißt es doch auf der Web-Seite vom ATV Volkmarsdorf (frei nach Churchill):
Keine Stunde im Leben, die man im Sport verbringt, ist verloren!
In diesem Sinne …

4. … nur nicht locker lassen (eine Zugabe)

Als mein Großvater Gerhard Stein im Jahr 1911 vom Militär entlassen wurde, fand er beim Rat der Stadt Leipzig Anstellung als Techniker im Hochbauamt und erhielt den ehrenden, aber sehr verantwortungsvollen Auftrag, in Leipzig-Eutritzsch Gebäude, Hallen und Tribünen für das im Jahr 1913 in Leipzig abzuhaltenden ,,Deutschen Turnfest“ zu bauen. Das brachte ihm nicht nur große Anerkennung bei seinen Vorgesetzten und der,,Deutschen Turnerschaft“, sondern von letzterer auch eine Prämie von 500 Reichsmark ein. Eine besondere Vorgabe zum Bau war bereits damals, dass alle Bauten aus unbehandeltem und wiederverwendbarem Holz zu konstruieren und zu bauen waren. Die repräsentative Gebäude wie der Haupteingangsbereich oder das Hauptrestaurant wurden mit Stoffen bespannt und mit Malereien verziert. [Quelle #6]

Überrascht habe ich in der Festschrift zum Turnfest 1912 (in Leipzig) auch über die besonderen Leistungen eines Turners aus dem Allgemeinen Turnverein L.-Volkmarsdorf gelesen. Unter den insgesamt 62.572 aktiv Turnenden hatten 1268 Turner am Sechskampf teilgenommen.
Zum Sechskampf gehörten damals die Disziplinen: 150 m-Lauf, Hochspringen, (Tau-) Hangeln, Stabweitspringen, Kugelstoßen und eine Pflichtfreiübung.
Wer beim Sechskampf 75 von maximal 110 Punkten erreichte, wurde zum Sieger erklärt und mit Eichenkranz und Urkunde ausgezeichnet. Unter diesen Siegern befand sich auch Kurt Claaß, 26 Jahre alt. Er gehörte zur Mannschaft des Allg. TV L.-Volkmarsdorf und zählte lt. Ergebnisliste auf der rechten Seite mit 95 erreichten Punkten zu den ,,Siegern“ des Wettbewerbs. Mit einer  ausgezeichneten Leistung kam er auf Rang 14. [Quelle #7]

Ein Blick ins Leipziger Adreß-Buch zeigt, dass Kurt Claaß vermutlich bis 1915 in der elterlichen Wohnung in der Natalienstraße in Volkmarsdorf gewohnt hatte und ab 1916 eine eigene Wohnung in der Bergstraße an der Ecke zur Kirchstraße bezogen hatte:

1912 – 15 Max Claaß, Schneider, Natalienstr. 18 I (L.-Volkmarsdorf)
1916 – 19 Kurt Claaß, Expedient, Bergstr. 32 II (L.-Volkmarsdorf)
1920 – 23 Kurt Claaß, Bürovorsteher, Bergstr. 32 II (L.-Volkmarsdorf)
1924 Kurt Claaß, Berarbeiter, Bergstraße 30 II (L.-Volkmarsdorf)
1925 – 1927 Curt Claaß, als Buchhalter bzw. Kontorist, Bergstraße 30 II (L.-Volkmarsdorf)
keine weiteren Einträge (evtl. verzogen) [Quelle #8]


Literatur- und Quellenverzeichnis:

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