Wer war Konstantin?

In Neustadt-Neuschönefeld im Leipziger Osten gibt es zwischen der Kohlgarten- und der Eisenbahnstraße eine Konstantinstraße.
Über die Herkunft dieser Straßenbezeichnung ist bisher nicht viel bekannt.
Laut Vornamenbuch läßt sich Konstantin vom lateinischen Wort constans ‚beständig‘, ‚standhaft‘ ableiten – Konstantin bedeutet demnach „der Standhafte, der Beständige“.
Der Straßenname ist seit über 100 Jahren beständig – wer verbirgt sich hinter diesem Namen?
Konstantin der Große aus dem nahen Osten oder der unangepasste Liedermacher Konstantin Wecker waren zwar standhafte Personen und ein Straßenname könnte da heute schon passen …
Aber, ohne groß vorzugreifen – um die Beiden geht’s im Folgenden nicht.

Zunächst erstmal eine

Bestandsaufnahme

Die Konstantinstraße ist eine relativ kurze Straße im Leipziger Osten; sie beginnt an der Kohlgartenstraße, kreuzt die Lutherstraße, hat einen Abzweig an der Lorenzstraße (am Runkiplatz) und endet an der Eisenbahnstraße. In nebenstehender Skizze habe ich versucht die dazu gehörigen Häuser mit Hausnummern  und oranger Farbe kenntlich zu machen. Es gibt momentan 12 Hausnummern in der Konstantinstraße. Drei kommen vielleicht in der nächsten Zeit noch hinzu, wenn das Baufeld des ,,Konstantinum“ an der Ecke Kohlgarten-/Konstantinstraße fertig wird.

Dem aktuellen Leipziger Straßenverzeichnis mit Erläuterungen [Quelle #1] ist zu entnehmen, dass die Konstantinstraße erst seit dem 1. Januar 1906 in der heutigen Länge existiert: vorher gab es von der Kohlgartenstraße bis zur (überwölbten) Rietzschke eine Constantinstraße (auf Reudnitzer Seite) und eine Philippstraße auf der nördlichen (Neuschönefelder) Seite, siehe auch Beitrag Runkiplatz (2).
Im genannten Verzeichnis wird unter Konstantinstraße ausgeführt:
,,Bereits im ‚Neuen Adreßbuch für Reudnitz auf das Jahr 1869‘ als Constantin Strasse aufgeführt mit dem Hinweis ‚Zur Zeit noch nicht bebaut'“. und der Hinweis: ,,Bislang konnte nicht nachgewiesen werden, nach welcher Person die Benennung erfolgte.

Dem Wikipedia-Beitrag Kulturdenkmale des Leipziger Ortsteils Neustadt-Neuschönefeld [Quelle #2] kann man außerdem entnehmen, dass folgende Gebäude in der Konstantinstraße in der Denkmalliste vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen vermerkt sind:

  • Konstantinstraße 2, 4 im Jahr 1906 als Mietshäuser mit Putzfassade in geschlossener Bebauung errichtet,
  • Konstantinstraße 6 bis 16 im Jahr 1887 als Mietshäuser mit Klinkerfassade in geschlossener, Nr. 16 in halboffener Bebauung errichtet.

Belege zu den angegebenen Baujahren werden in dieser Liste aber nicht genannt.
Deshalb habe ich nochmals in meinem Archiv geblättert und als

1. Fundstelle

in den Situationsplänen der Dr. Schwabe’schen Neubauten in Reudnitz vom März 1888 nachgeschaut [1Blatt, Quelle #3]. Dort kann man folgende zwei interessante Details entnehmen:

  • Hier wird zum Ersten ein Gutsbesitzer mit dem Namen Constantin Schulze erwähnt, der im fraglichen Gebiet zwischen Konstantin-, Kohlgarten-, Elsastraße und der Rietzschke offensichtlich Grundstückseigentümer gewesen war:
    ,,Durch Vereinigung der vormals Dr. Gaudlitz’schen, Constantin Schultze’schen und Remmler’schen Grundstücke und der Mägdeherberge in Reudnitz, welche vom Marienplatze aus durch das Ranft’sche Pförtchen in wenigen Minuten zu erreichen ist, hat der Besitzer derselben, Dr. Wilmar Schwabe, einen Baukomplex geschaffen, bei dessen Bebauung darauf Bedacht genommen werden wird, im Osten Leipzigs, also in gesundester Lage, billige und gut eingerichtete Familienwohnungen zu schaffen, welche die Vortheile der Landwohnungen mit denen der Stadt in sich vereinigen werden.“
  • Und zum Zweiten sind die zu diesem Zeitpunkt im März 1888 bereits bestehenden Gebäude in der Constantinstraße auf einer Karte dunkel gekennzeichnet, siehe Skizze unten links.
    Daraus ist zu erkennen, dass die Häuser Nr. 12, 14 und 16  (aktuelles Bild rechts) bereits existierten und die Häuser Nr. 6 (Eckhaus), 8, 10 und 12 entgegen den Angaben in der Kulturdenkmalsliste [Quelle #2] erst im Jahr 1888 oder später gebaut worden sind.

Bei einer gezielten Recherche mit den Stichworten: ,,Constantin, Schulze, Reudnitz“ bin ich auf eine

2. Fundstelle

beim Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig gestoßen.
Dort liegt eine umfangreiche Akte über die Nachlassregulierung für den Gutsbesitzer Carl Dionys Constantin Schulze in Reudnitz über den Zeitraum von 1865 bis 1873 zur Einsichtnahme vor [Quelle #4]. Darin sind unter anderen aufschlussreichen Dokumenten, Unterlagen und Rechnungen auch die Todes-Anzeige von Carl Dionys Constantin Schulze (im Folgenden kurz als Constantin Schulze bezeichnet), Angaben über die Hinterbliebenen (Nachlass-Empfänger), die Vormund-Regelung für die minderjährigen Kinder und die Besitzverhältnisse des Familie Schulze enthalten.

Aber der Reihe nach:

  • Todes-Anzeige: ,,Dem Königl. Gerichtsamte Leipzig wird hiermit pflichtmäßig angezeigt, daß am 19. des Monats 1865 dieses Jahres um 3 Uhr des Mittags an Unterleibentzündung in dem unter Amtsgerichtsbarkeit gelegenen mit No. 154 bezeichneten Gute verstorben ist … Schulze Constantin, alt 53 Jahre, Gutsbesitzer hier.“ [Ergänzung: Todesdatum 19. November 1865, Alter: 52 Jahre, 9 Monate] Unter dem Punkt 4. ,,Ob Grundstücke zu dem Nachlasse gehörig und wo sie gelegen?“ steht: ,,dieser hat zwei Güter in Reudnitz und ist mitbesitzer einer Fabrike in Eutritzsch“
    Oben rechts die Todesanzeige aus der Leipziger Zeitung [Quelle #5].
  • die Hinterbliebenen:
    Alwine Cunigunde verw. Schulze geb. Schulze hatte laut Taufregister der Leipziger Nikolaikirche (zum Stand vom 1. Dezember 1865) gemeinsam mit Carl Dionys Constantin Schulze folgende Kinder
    1. Constantin Ernst, geb. 30. Mai 1845,
    2. Anna Constanze Elisabeth, geb. 17. Februar 1847, gest. 1. Januar 1851,
    3. Carl Oscar, geb. 1. August 1848,
    4. Rudolph Otto, geb. 8. Juli 1850,
    5. Jenny Alwine, geb. 1. November 1851,
    6. Richard Albert, geb. 14. Februar 1853 gest. 21. April 1854,
    7. Louise Margaretha, geb. 1. Juli 1854,
    8. Ludwig Eugen, geb. 2. Juli 1856, gest. 29. November 1856,
    9. Marie Elisabeth, geb. 10. October 1857, gest. 8. Februar 1858,
    10. Martha Caroline und
    11. Paul August, geb. 11. März 1861 (Gemelli – Zwillinge)
  • Als Vormund für die unmündigen  Kinder und die Regelung der finanziellen Obliegenheiten wurde der Kaufmann und Fabrikbesitzer Friedrich August Wilhelm Niemann aus Eutritzsch benannt.
    Er war der Geschäftspartner des verstorbenen Constantin Schulze gewesen.
  • Gutsbesitz: Laut Auszügen aus dem Flurbuch Reudnitz gehörten zum Besitz von Constantin Schulze mehrere Flurstücke und Güter in Reudnitz, Anger und Crottendorf
    so unter anderem die Flurstücke 23a, 23 b, 24 a, 24b, 25, 26, 311, 329, 418, 485 und 486 in Reudnitz.
    Laut einem Schreiben vom 20. Januar 1866 von Alwine verw. Schulze in den Nachlassunterlagen gehörten dazu auch Teile des Hahnemann’schen Gutes.
    Ich komme gleich nochmals darauf zurück.
  • Unter vielen Rechnungen ist eine interessante Straßenbaurechnung bemerkenswert:
    Rechnung für Herrn Constantin Schulze Reudnitz, vom 19. August 1865
    von Friedrich Schneider, Neuschönefeld
    den Straßenbau der Strecke von Reudnitz nach Neuschönefeld betreffend
    Demnach wurde noch zu Lebzeiten von Constantin Schulze mit dem Straßenbau von Reudnitz nach Neuschönefeld begonnen. Aber wo hat er das was bauen lassen? Weil ich gegenwärtig nicht auf das Flurbuch von Reudnitz zugreifen kann (Stadtarchiv  ist bis Ende Sept. 2019 geschlossen), fällt die Zuordnung der Flurstücke schwer.

Deshalb habe ich mit den Begriffen ,,Schulze, Hahnemann, Reudnitz und Gutsgebäude“ weiter recherchiert. Eine

3. Fundstelle

gibt schließlich darüber überraschend Aufschluss. Es handelt sich um ein kleines Buch von Paul Benndorf, in dem am Rande der ,,vergessenen Leipziger Goethestätten“ in Reudnitz auch über die Grundstücksangelegenheiten von J. G. Hahnemann und C. Schulze berichtet wird [Quelle #6]. Das Hahnemann’sche Gut befand sich damals gegenüber vom Reudnitzer Großen Kuchengarten und der Einmündung der heutigen Gabelsberger- in die Kohlgartenstraße (dort beginnt ja die Konstantinstraße!).
Auf Seite 14 und 15 steht:
,,J. G. Hahnemann starb am 25. März 1850 sein Sohn und Erbe gleichen Namens folgte ihm bereits ein Jahr später am 4. Juni im Tode. Er hatte das Anwesen am 1. März 1860 an Konstantin Schulze verkauft. Die Anlage einer Straße, die Reudnitz nach Neuschönefeld verbinden sollte, erforderte im Jahr 1865 den Abbruch der Gutsgebäude. Es betraf als Straßenflucht das Flurstück 23, das Schulze zunächst noch eigentümlich behielt (1), während er Flurstück 24, worauf Wirtschaftsgebäude und Stallungen sich befunden hatten, am 24. September 1867 an Konrad Reiter verkaufte.“
Zur Fußnote (1) ist vermerkt: Der Name ,,Konstantinstraße“ weist darauf hin, angelegt 1867.

Mit all den Informationen dieser Fundstellen komme ich zur

Folgerung

Die heutige Konstantinstraße in Neustadt-Neuschönefeld im Leipziger Osten hat ihren Namen vom Kaufmann und Gutsbesitzer Constantin Schulze (1813 – 1865) erhalten, der auf seinen Reudnitzer Grundstücken in der Zeit von 1865 bis 1867 eine Straße bauen ließ, die schließlich nach ihm benannt wurde.

… über die Fabrik in Eutritzsch

Constantin Schulze führte gemeinsam mit dem hier im Text genannten Friedrich August Wilhelm Niemann die Eutritzscher Buchbinderleinen-Fabrik Schulze und Niemann. Über diese alte Leipziger Firma soll in einem nachfolgenden Beitrag berichtet werden.


Quellen und Literatur:

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