Tag des Rechenschiebers

Kürzlich habe ich in meinem Kramkasten meinen alten Reiss-Rechenschieber, liebevoll ,,Schätzeisen“ genannt, wiedergefunden. So ein Teil war bis Mitte der 1970er Jahre unverzichtbarer Bestandteil der Schul-Mathematik und durfte im ingenieur-technischen Alltag nicht fehlen. (Rechts: 12 x 12 = ?)
Heute könnte doch gut und gern der Tag des Rechenschiebers sein – besonders weil genau vor 50 Jahren so ein Rechenschieber sehr weit herumgekommen war.
Dazu mehr im Beitrag …

1. etwas Mathe-Nachhilfe

Ja, wir haben damals tatsächlich mit dem Rechenschieber gerechnet, haben damit die Schule und das Studium gemeistert. So ein Rechenschieber hat keinen „On“-Schalter und keine Tasten und das Abschätzen von zu erwartenden Ergebnissen spielte eine große Rolle (daher die liebevolle Bezeichnung ,,Schätzeisen“). Im Prinzip konnte man damit nur multiplizieren und dividieren, aber das wurde im Grunde genommen auf das Addieren und Subtrahieren von logarithmischen Werten zurückgeführt. Deshalb sieht die Skala oben im Bild auch etwas zahlenmäßig gestaucht aus [aber, genug dazu …].

Die ersten auch in der Raumfahrt eingesetzten Computer waren im Vergleich zu heutigen Smartphones tausend Male langsamer und störungsanfälliger. Das war auch bei den ersten Mondflügen der NASA so und deshalb hatte z.B. Edwin (Buzz) Aldrin bei der ersten Mondlandung noch einen kleinen Pickett N600-ES-Rechenschieber dabei, damit er bei Ausfall des Bord-Computers in der Mondlandefähre schnell mal die Flugbahnen berechnen/abschätzen konnte (!!!) [Quelle #1]
So hat faktisch am 20. Juli 1969 auch der erste Rechenschieber den Mond erreicht und ist dort erfolgreich mit gelandet 😉  😉  .

2. (West-)Fernsehbilder vom Ausstieg

Um 4 Uhr morgens am Montag, den 21. Juli 1969 hat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betreten und ich saß an diesem zeitigen Morgen auch vor unserem Fernseher und sah die erste Übertragung vom Mond. Diese (fast) Live-Übertragung fand natürlich nicht im DDR-Fernsehen statt – wir haben damals gebannt Westfernsehen geguckt … und auch fotografiert, wie die zwei folgenden Aufnahmen belegen. Auf denen konnte man allerdings nur mehr oder weniger Schemenhaftes erkennen.
Links kann man bei gutem Willen ein Stück Bein(stumpf) in heller Umgebung erkennen und rechts könnte man glauben, dass jemand mit beiden Beinen irgendwo steht …
und dazu knarzend sprach: „That’s one small step for man, one giant leap for mankind“ –> auf Deutsch: „Das ist ein kleiner Schritt für Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit“.

Die schlechten verrauschten Bilder hatten aber auch technische Hintergründe. In der Funkschau aus dem Jahr 1969 stand darüber folgendes:

,, … infolge des großen Informationsflusses zwischen Mond und Erde und umgekehrt [stand] nur eine Video-Bandbreite von 10 Hz bis 500 kHz für 320 Zeilen pro Vollbild und 10 Bildwechseln pro Sekunde zur Verfügung.
Zu dieser geringen Auflösung kamen der Übertragungsweg von fast 400.000 km, die Umsetzung zunächst in die 525-Zeilen-Norm, die anschließende Weiterleitung über Nachrichtensatelliten und für die Bundesrepublik Deutschland die erneute Transcodierung in die 625-Zeilen-Norm als qualitätsmindernde Faktoren hinzu.“ [Quelle#2]

Zusätzlich, nicht im Funkschau-Artikel erwähnt, kamen für uns DDR-Bürger als weiterer ,,qualitätsmindernder“ Faktor der schlechte Westempfang hinzu (in Leipzig ging’s mit einer gute Yagi-Antenne gerade noch so).

3. DDR-Presseschau zur Mondlandung

Kurz, knapp und ohne Pathos wurde die Mondlandung auch in der DDR-Presse erwähnt.
Die folgenden Artikel habe ich damals aufgehoben.
Weil die LVZ eine ,,Morgen“-Zeitung war, konnte bei Redaktionsschluss gegen Mitternacht, erst am 21. Juli über die Mondlandung berichtet werden (Artikel links). Demgegenüber stand in der Abendzeitung vom gleichen Tag (Artikel rechts) schon etwas über den ersten Mondspaziergang von Neil Armstrong und Edwin Aldrin. [Quellen # 3 und 4]

Einen kleinen Seitenhieb konnte sich das Parteiorgan LVZ (Artikel links) allerdings nicht verkneifen: ,,… die Qualität der Funkverbindung … ließ vorübergehend zu wünschen übrig“ – das hätten natürlich unsere Genossen besser hinbekommen, wenn es denn bis zum Mond geschafft hätten 😉  😉  😉  .

Anmerkung zu Zeitangaben:
Fakt ist, als die Landefähre „Eagle“ auf dem Mond landete, war es in den USA und auch in Deutschland (DDR und BRD) noch Sonntag, der 20. Juli 1969.
Als der Astronaut Neil Armstrong einige Stunden später erstmals seinen Fuß auf die Mondoberfläche setzte, war es in koordinierter Weltzeit UTC (englisch Coordinated Universal Time, französisch Temps universel coordonné), der Zeitzone, die auch auf dem Mond gilt, bereits 2.54 Uhr montags, am 21. Juli 1969. In den USA war aber in US-amerikanischer Zeit noch der Abend des 20. Juli 1969 (natürlich zur besten Fernsehzeit!).
Genau genommen fand der erste Schritt auf dem Mond am frühen Morgen des 21. Juli 1969 statt. Nicht jedoch in den USA, dort gilt auch fünfzig Jahre später der 20. Juli 1969 als der Tag des ersten Mondschrittes.


Quellenangaben

Quelle #1:   wikipedia, Rechenschieber, online: https://de.wikipedia.org/wiki/Rechenschieber

Quelle #2:  Funkschau 1969/17, Apollo 11 – die Menschheit war Augenzeuge, S. 599 f.:

Quellen #3 und 4:   Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom 20. Juli 1969 zur Mondlandung und die Leipziger Abendzeitung (AZet) auch vom 20. Juli 1969 berichtete abends bereits vom Mondspaziergang

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