Die Brache (2)

Nach der Beschreibung des ,,Status quo“ der Brache in der Eisenbahnstraße im ersten Teil bleiben noch die Fragen offen: welche Häuser standen hier als Nr. 103 und 105, wem gehörten die Grundstücke, wer wohnte hier früher und welche Bewandtnis hat es mit der eigenartigen Lage der Grundstücke?

Dazu werde ich in meinen alten Karten und Unterlagen nachschlagen und online mal online in diversen Büchern und Zeitungen recherchieren …
zunächst ein Blick in die
2. Vergangenheit

Zuerst habe ich mir alte Pläne und Karten von Leipzig angeschaut, die einen Rückschluss auf die Lage und Anordnung der Gebäude zulassen.
In das erste Bildpaar links unten habe ich einen Ausschnitt aus dem Plan der Stadt Leipzig aus dem Jahr 1929 eingefügt. Er stammt wie so viele meiner Unterlagen von meinem Großvater Gerhard Stein, der in dieser Zeit als Stadtbaumeister im Tiefbauamt beschäftigt war. Solche Pläne vom Vermessungsamt des Rates der Stadt Leipzig gehörten zu seinen täglichen Arbeitsunterlagen. [Quelle #1]
Auf dem Kartenausschnitt ist das betreffende Stück Eisenbahnstraße mit den rot umrandeten Grundstücken Nr. 103 und 105 zu sehen. Wie zu sehen ist, sind die beiden Häuser in offener Bauweise und entgegen allen anderen Gebäuden an der Eisenbahnstraße nicht in die sonst einheitliche Häuserfront eingeordnet – das ist schon ein eigenartiger Ausnahmenfall in der Eisenbahnstraße.

Aus den mir vorliegenden Hinweisen und Unterlagen habe ich außerdem eine Bebauungs-Skizze der beiden Grundstücke (etwa um 1910 … 1920) erstellt, auf der neben den Häuser-Grundrissen auch die entsprechenden Treppenzugänge, Wege, Flurbuch- und Brandkataster-Nummern (BKN) dargestellt sind.
Ein Vergleich mit der heutigen Situation vor Ort zeigt, dass der Treppenzugang zum früheren Gebäude Nr. 103 heute noch (teilweise) erhalten ist. Der Treppenzugang zum früheren Gebäude  Nr. 105 war meines Erachtens bereits Mitte der 1970er Jahre nicht mehr vorhanden. Daraus könnte man schließen, dass dieses Haus damals schon abgerissen war. Aus den Nummerierungen entsprechend Flurbuch (359, 359 a) und Brandkataster (Abt. A und Abt. B) könnte man außerdem schlussfolgern, dass das Grundstück Nr. 105 vor dem Nachbargrundstück Nr. 103 bebaut worden ist, dazu später noch ein paar Erläuterungen.
Vom Adreß-Buch der Stadt Leipzig aus dem Jahr 1929 habe ich in meinen Unterlagen auch ein paar Auszüge über die Häuser an der Eisenbahnstraße. Genau genommen erschien das Adreß-Buch für das Jahr 1929 bereits Anfang Dezember 1928 und weist damit etwa einen Stand vom Oktober/ November 1928 auf. [Quelle #2]
Den betreffenden Ausschnitt mit den Hausnummern Eisenbahnstraße 103 und 105 aus dem Teil II, Seite 97 habe ich hier links eingefügt.
Als Eigentümer (E.) sind für beide Häuser die ,,Rühlschen Erben“ angegeben.

Was kann man diesen Unterlagen allgemein entnehmen?

  • Eisenbahnstraße 103 mit Flurbuchnummer 359a und BKN Volkmarsdorf, Abteilung B 400. Das Haus Nr. 103 war gemäß den Ausführungen in den recherchierten Unterlagen ein villen-ähnliches Gebäude mit großen und möglicherweise komfortablen Etagenwohnungen. In dem Haus wohnten auch der Verwalter (V.) für beide Häuser und in der 1. Etage ein Dirigent. Das schaun wir uns gleich mal etwas genauer an.
  • Eisenbahnstraße 105 mit Flurbuchnummer 359 und BKN Volkmarsdorf, Abteilung A 121. Im etwas kleineren Haus Nr. 105, das vermutlich ein dreigeschossiges Mehrfamilien-Mietshaus mit jeweils zwei kleineren Wohnungen pro Etage gewesen war, wohnten die etwas ,,gewöhnlicheren“ Leute wie Handlungsgehilfen, Sortierer, Schlosser und Ruheständlern.

Als Beispiel möchte ich hier die Recherche-Ergebnisse zu den Bewohnern des Hauses Eisenbahnstraße 103 in der ersten Etage und im Erdgeschoss vorstellen. In alphabetischer Reihenfolge zunächst zur ersten Etage:

Didam, O., Dirigent

Bei diesem Eintrag handelt es sich um Otto Didam (1890 – 1966), der sich als Leipziger Chorleiter, Musiker und Dirigent einen Namen gemacht hat. Er wurde erstmalig im Adreß-Buch des Jahres 1928 hier erwähnt, könnte also ab dem Jahr 1927 bereits hier im Haus mit seiner Familie gewohnt haben. [Quellen #3] Er war mit der Sängerin Hedwig Didam-Borchers (1891–1976) verheiratet. Die beiden wohnten hier im Haus mit ihrem Sohn Olaf Didam (1925–2009), der später ebenfalls als Leipziger Chorleiter bekannt wurde.

Ab März 1919 übernahm Didam den Männer- und Gemischten Chor Leipzig, der sich noch im Herbst des gleichen Jahres in Leipziger Volkschor umbenannte. Ab dem Jahr 1925 erweiterte Didam die Leipziger Chorlandschaft zur Arbeitsgemeinschaft Didamscher Chöre, der sich dann auch noch der Männerchor Zentrum-Süd und der Jugendchor der Sozialistischen Arbeiterjugend anschlossen. Das Repertoire der Chöre war vielseitig: Madrigale, klassische vokalsinfonische Werke, Volks- und Arbeiterlieder sowie zeitgenössische Chorlieder.

Wie man einem Zeitungsartikel (unten links) entnehmen kann trat Otto Didam unter anderem auch als Musiker gemeinsam mit seiner Frau Hedwig Didam-Borchers bei Kammermusikabenden in Leipzig auf. Im anderen Artikel (rechts) wird er als Leiter des Sängerchors Leipzig-Zentrum-Süd und Genosse Otto Didam bei einer Begrüßungsfeier des Bundes sozialistischer Freidenker im Jahr 1929 angekündigt. [Quellen #4]

Da war es nicht verwunderlich, dass die ab 1930 als Volkssingakademie Leipzig auftretenden Chöre im Jahr 1934 durch die Nazis verboten wurden. Viele Sänger wechselten daraufhin in die im Jahr 1918 gegründete Neue Leipziger Singakademie, deren Chorleitung Didam bereits (vorsorglich) ab 1933 mit übernommen hatte. [Quellen #5]

Auch nach dem 2. Weltkrieg war Didam sofort wieder als Chorleiter aktiv. Nach der Umbenennung der Eisenbahnstraße (ab 1. August 1945) wohnten die Didams jetzt in der Ernst-Thälmann-Straße 103. Wie der Anzeige im (letzten) Adressbuch des Jahres 1949 (links) zu entnehmen ist, war er zu der Zeit Leiter der Neuen Leipziger Singakademie und des Philharmonischen Orchesters Leipzig. Ab 1954 wurde wieder der alte Name der Leipziger Volkssingakademie geführt. Im Jahr 1962 übergab der nun 72-jährige Otto Didam die musikalische Leitung an seinen Sohn Olaf Didam, der sie bis 1990 innehatte. In den Fernsprechbüchern Bezirk Leipzig von 1959 und 1966 ist unter dem Namen Otto Didam (verstorben im Jahr 1966) ein Eintrag in der Ernst-Thälmann-Straße 103 als „Chordirigent“ zu finden. In den Ausgaben von 1973, 1976 wird unter dieser Anschrift und Telefonnummer seine Witwe Hedwig Didam genannt (verstorben im Jahr 1976). Das deckt sich mit meiner Beobachtung aus dem ersten Teil Der Brache, dass dieses Haus in der Ernst-Thälmann-Str. 103 Mitte der 1970er Jahre noch bewohnt war. Weitere Aussagen zum Haus sind schwierig, zumindest ist klar, dass Sohn Olaf Didam seit den 1950er Jahren nicht mehr bei seinen Eltern gewohnt hatte, sondern in der Riebeckstraße bzw. im Rapunzelweg.
Die Recherche von Wohnanschriften aus der DDR-Zeit ist schwierig, weil es keine Adressbücher mehr gab. Ersatzweise habe ich mit Unterstützung durch Andreas H. Ergebnisse aus den Fernsprechbüchern des Bezirks Leipzig nutzen können. Das funktioniert aber nur deshalb, weil die Didams einen Telefonanschluss hatten … [Quelle #6]
Zur Info: der Chor der Leipziger Volkssingakademie singt seit 1991 in kleinerer Besetzung als Kammerchor Leipziger Volkssingakademie e.V.

Jetzt noch zum Adreß-Bucheintrag aus dem Jahr 1929 zur Wohnung im Erdgeschoss:

V. Rühl, B., Privata

Im Klartext handelt es beim diesem Eintrag des Verwalters Rühl, B. um Frau Berta Rühl, das kann man im namentlichen Einwohnerverzeichnis des Adressbuchs nachschlagen.
Ich gehe mal davon aus, dass sie auch zu den Erben gehörte.
Nach den Einträgen in den Leipziger Adreß-Büchern von 1890 bis 1943 und den beiden Adreßbüchern für die Ostvorstadtorte von Leipzig aus den Jahren 1888 und 1890 waren die Rühl’s mindestens im Zeitraum von 1888/89 bis 1943 in diesem Haus wohnhaft.

Laut einem Eintrag im Adressbuch 1888 wohnten die Rühls als Besitzer der Dampfbrauerei Ferdinand Rühl noch in der Volkmarsdorfer Elisabethstraße 21. Aus Adreßbuch des Jahres 1890 sind zwei Änderungen ersichtlich:

  1. die Brauerei ist auf seine Frau Emilie Rühl übergegangen, ich vermute, dass Ferdinand Rühl im Jahr 1888 oder 89 verstorben war.
  2. die neue Besitzerin Emilie Rühl (mit Familie) wohnt seit mindestens 1889 in einem relativ neuen Haus in der Eisenbahnstraße 24, siehe Ausschnitt aus dem Leipziger Adreß-Buch 1890 unten, links.

Aus dem Ausschnitt wird ersichtlich, dass in dieser Zeit in der Eisenbahnstraße viel gebaut wurde: es gibt viele Baustellen und Neubaue und nach der Eingemeindung der Ostvororte zu Leipzig wurden die Hausnummerierungen angepasst. Die neuen, heute noch aktuellen Hausnummern sind jeweils in Klammern angegeben.
Das villen-ähnliche Gebäude mit der Nr. 24 (103) war, so vermute ich, extra für den inzwischen verstorbenen Brauereibesitzer Rühl gebaut worden, auch wenn dort im Endeffekt nur seine Frau (mit der Tochter Berta) einziehen konnte. Laut den Einträgen in den Leipziger Adressbüchern gehörte auch das dreigeschossige Nachbarhaus, die Nr. 26 (105) ab dem Jahr 1890 den Rühl’s. Wie die oben, rechts stehende Anzeige aus der Leipziger Volkszeitung des Jahres 1895 zeigt, wurde in der Volkmarsdorfer Brauerei unter dem Namen Ferdinand Rühl auch weiterhin Bier gebraut. Die Brauerei-Geschichte möchte ich hier nicht vertiefen, das könnte mal ein anderer Beitrag werden – nur soviel: bis zum Jahr 1904 war Emilie Rühl Mitbesitzerin der Brauerei, dann wurde die Brauerei Rühl mit allen drei Grundstücken an der Elisabethstraße (Nr. 17, 19 und 21) an die Leipziger Brauerei zu Reudnitz, Riebeck & Co verkauft. [Quelle #7]
Ab dem Jahr 1916 wird im Leipziger Adreß-Buch nur noch Berta Rühl in der Erdgeschoss-Wohnung des Hauses Nr. 103 erwähnt, vermutlich war ihre Mutter Emilie Rühl im Jahr 1915 verstorben. [Quellen #3]
Nach dem Jahr 1945 ist von den Rühl’s in den Adressbüchern niemand mehr in Leipzig zu entdecken. Vielleicht sind die Nachfahren ins Baden-Württembergische verzogen und möglicherweise gibt es im Zusammenhang mit der Versteigerung der Brachen-Grundstücke Eisenbahnstraße 103 und 105 im vorigem Jahr einen Zusammenhang mit den Rühlschen Erben, wer weiß …?

Um den Konjunktiv geht es auch bei der folgenden Betrachtung in die

3. vollendete Vergangenheit
Ungeklärt ist bis hierher immer noch die eigenartige Lage der beiden Grundstücke in der Eisenbahnstraße 103 und 105.
Aber, ich hab da eine Idee … und versuche diese mal anhand der Adressbuch-Eintragungen aus dem LAB 1929 und ein paar älteren Karten zu erklären.

In der Skizze unten links habe eine Karte der Leipziger Umgebung von Gerlach aus dem Jahr 1833 etwas vereinfacht und nach Norden ausgerichtet dargestellt. Zu sehen ist, dass sich die Häuser von Volkmarsdorf damals vor allem im Gebiet der heutigen (unteren) Liebmannstraße und zwischen dem Flüßchen Rietzschke (hier Ritzschke genannt) und dem Rabet konzentriert hatten. Abseits vom Dorf gab es in dieser Zeit in nordöstlicher Richtung noch eine Windmühle.

Auf dem Bild, rechts habe ich in den Stadtplan-Ausschnitt aus dem Jahr 1929 mit den Angaben der Brandkataster-Nummern (BKN) aus dem Adreß-Buch des  Jahres 1929 vergleichen und die mit  der Abteilung A bezeichneten Gebäude grün eingefärbt. Das könnte meines Erachtens ja die älteren Gebäude der Gemeinde Volkmarsdorf gewesen sein. Alle neuen Gebäude wurden später der Kataster-Abteilung B zugeordnet.

Hypothese: wenn man die beiden Karten nebeneinanderliegend vergleicht, dann läßt sich eine gewisse Ähnlichkeit der Häuserlage in der älteren Karte mit den grün eingefärbten Häusern der BKN Abt. A nicht leugnen und am oberen Rand könnte das ehemalige Mühlengrundstück ( = heute Eisenbahnstraße Nr. 105 ) damals auch mit der älteren Katasternummer (Vo A 121) ausgewiesen worden sein.

Auch auf der bereits im List-Platz-Beitrag gezeigten Karte mit den Eisenbahnlinien aus dem Jahr 1860 ist diese Windmühle, neben einer weiteren, westlich gelegenen, zu sehen. Ich habe diesen Kartenausschnitt hier links noch einmal vergrößert dargestellt. Dabei wird auch ersichtlich, dass in diesem Geländebereich ein kleiner bahnbau-technischer Gelände-Einschnitt bei der ebenen Gleisführung erforderlich war. Das Gebäude auf diesem Karten-Ausschnitt, links neben der angedeuteten Windmühle, könnte auf der Fläche des heutigen Volkmarsdorfer Flurstücks 359 ( = Katasternummer Vo Abt A 121) gestanden haben.

Das könnte auch heute noch auf dase unterschiedliche Höhenniveau zwischen dem ,,Hügel“ des Brachengeländes und der niedrigeren Straßenlage der Eisenbahnstraße hinweisen.

Bevor ich’s vergesse: falls noch jemand alte Fotos oder Bilder, Geschichten oder Ideen zu diesem Thema hat, dann bitte bei mir melden …


Literatur und Quellenangaben:

Quelle #1:   Plan der Stadt Leipzig, herausgegeben vom Vermessungsamt (Ausschnitt L.-Ost), 1929 (eigenes Archiv)

Quelle #2:   Leipziger Adreß-Buch 1929, Auszugskopien (eigenes Archiv)

Quellen #3:    Leipziger Adreß-Bücher der Jahre 1905 bis 1949, online SLUB: http://adressbuecher.sachsendigital.de/suchergebnisse/adressbuch/Book/list/leipzig/1905/

Quellen #4:   Anzeigen mit Otto Didam aus Leipziger Volkszeitung, 5. November 1927, Seite 14 und vom 30. März 1939, Seite 16, online SLUB: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/141582/1/

Quelle #5:   Otto Didam, Biografie, online unter https://de.wikipedia.org/wiki/

Quellen #6:   Branchen-Fernsprechücher, DDR Leipzig, 1950, 1952, 1957, 1988 (Danke an Andreas Hönemann)

Quelle # 7:   Informationen zur Dampfbrauerei Rühle, Volkmarsdorf von Andreas Hönemann

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