Frieden oder Krieg?

An der südlichen Grenze des alten Gemeindegebiet von Neuschönefeld zu Reudnitz und Volkmarsdorf gab es einen kleinen Platz an der Kreuzung Rabet / Melchior- / Martha- und Adelheidstraße mit einem öffentlichen Brunnen und einem Kriegerdenkmal.
Brunnen und Pumpe waren bereits ein Thema (Fundstück: Delphin Nr. 141), daher heute ein paar Zeilen und Bilder zum Kriegerdenkmal, dass an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erinnerte und ursprünglich gar keins gewesen war …

1. Friedensfeier und Friedenseiche(n) (1871)
Zur Gemeindegeschichte von Neuschönefeld ist

  1. glücklicherweise im Jahr 1890 (Anschluss Neuschönefeld an Leipzig) ein Buch mit dem Titel Geschichte der Gemeinde Neuschönefeld vom früheren Gemeindevorstand Moritz Weißbach erschienen und
  2. kann man das auch heute noch relativ unaufwendig online als Digitalisat der SLUB (Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden) lesen.

In diesem Buch sind auch die Vorbereitung und Durchführung einer Friedensfeier anläßlich der Beendigung der deutsch-französischen Kriegs 1870/71 beschrieben:
,,Aus der Mitte des Gemeindecollegiums bildete sich am 24. Mai 1871 ein Comité behufs entsprechenden Empfangs der heimkehrenden Krieger, welches sich mit den hier bestehenden Corporationen in’s Vernehmen setzen und einen Aufruf an alle Ortseinwohner erlassen sollte, den Häusern ein festliches Gewand zu geben und der Jubelfeier nicht fern zu bleiben, auch verwilligte der Gemeinderath einen Betrag zu den unvermeidlichen Aufwendungen. Am Sonntag den 17. Juni 1871 erfolgte die allgemeine Friedensfeier. Zum Andenken an diesen Tag wurde eine Friedenseiche auf dem Platze, wo sich jetzt das Kriegerdenkmal befindet, gesetzt und an demselben Tage geweiht.
Der jedenfalls nahrungslose Erdboden brachte sie, ebenso die später nachgepflanzten, nicht zum Aufblühen; sie waren dürr geworden und mußten nach einiger Zeit wieder entfernt werden.“ [Quelle #1]

2. von der Siegeseiche zum Kriegerdenkmal (1879)
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Zeitungsausschnitt aus dem Leipziger Tageblatt vom 2. September 1879. Darin wird acht Jahre nach der ersten Baum-Anpflanzung in einer Leserzuschrift nicht mehr von einer Friedenseiche, sondern einer Siegeseiche gesprochen:
,,Lsr. Volkmarsdorf, 1. September.
Die Neuschönefelder sogenannte ,,Siegeseiche“ auf dem freien Platze, neben dem bis vor 14 Tagen das Gemeindebureau sich befand, ist bekanntlich wiederholt eingegangen. Genau auf demselben Orte hat nun Neuschönefeld den Gegenstand seines sehnlichsten langen Wunsches, ein Kriegerdenkmal errichtet und gestern eingeweiht. Es ist eine 2 Meter hohe vierseitige abgestumpfte Pyramide von weißem sandstein, auf dergleichen rothem von 6 Quadrat-Metern Umfang ruhend; ringsum ein eisernes Geländer, daß etwa 13 Quadrat-Meter Raum einschließt. Auf der Nordseite des Denksteins steht: ,,Ihren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 gefallenen Söhnen. Die Gemeinde.“
Auf der Ostseite:
,,Kühn setzten sie ihr Leben ein
Für Deutschlands Recht und Deutschlands Ehre; drum sollen sie gepriesen sein
Die Märthyrer der deutschen Heere!“
auf der Südseite: ,,Gefördert durch hiesige Vereine und freiwillige Beiträge“ – und auf der Westseite die Namen der 8 Gefallenen …
Daneben zieren das Denkmal noch ausgehauenen Guirlanden, Lorbeerkränze, eiserne Kreuze etc. Es kostete ungefähr 900 Mark. Der erhebende Weiheact bestand in Gesängen (verschiedener Gesangvereine), einer ergreifenden Festrede (des Pastors Schmidt), der Denkmals-Uebergabe (durch den Vorsitzenden des Comité an den Gemeindevertreter) und in Ansprache und Bekränzung (durch Jungfrauen). – Ein zweiter Glanzpunkt war der Festzug, die Illumination und die überreiche Ortsschmückung. Neuschönefeld zeigte sich in dem schönsten Festkleide. Tausende von Menschen wogten auf den Straßen. Das Fest war ein höchst gelungenes, wahres Volksfest.“ [Quelle #2]

Vermutlich wurde das Neuschönefelder Kriegerdenkmal wie so viele andere nach dem 2. Weltkrieg im Jahr 1946 abgerissen. Vielleicht kann jemand dazu genaueres mitteilen …

3. weitere bemerkenswerte Unterlagen habe ich bei der Recherche noch entdeckt:

  • in der Fotothek des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig gibt es erstaunlicherweise ein Foto vom Neuschönefelder Kriegerdenkmal, dass vom bekannten Leipziger Fotografen Hermann Walter aufgenommen wurde. [siehe Quelle #3]. Auf diesem Foto sind hinter dem Kriegerdenkmal am Rabet die Häuser Rabet 14 bis 20 (auf der Reudnitzer Seite vom Rabet!) zu sehen: Rabet 14 mit dem „Restaurant zum Kriegerdenkmal„, Nr. 16 mit einer Produktenhandlung und dem Malermeister R. Kirsten im Hinterhaus, Nr. 18 mit dem Zigarrenhändler Pabst (lt. Leipziger Adreß-Buch 1907). Das höhere Haus links ist die Reclamstr. 51
  • von Otto H. aus Schönefeld habe ich die Kopie einer alten Postkarte mit einem Bild vom Rabet erhalten, das etwa um das Jahr 1905 aufgenommen wurde, Bild oben links [Quelle #4]. Das Foto wurde mit Blick nach Osten aufgenommen. In der Mitte des Bildes ist das Neuschönefelder Kriegerdenkmal zu erkennen. Links davon sind das Haus Rabet 13, die Einmündung der Melchiorstraße und die schnurgerade verlaufende Adelheidstraße zu erkennen [später: Otto-Runki-Straße]. Rechts neben dem Denkmal und der Litfaß-Säule kann man ein Stück Marthastraße sehen und ganz rechts am Bildrand die Straße Rabet.
  • in einer Zeitungsanzeige vom 31. Dezember 1913 gratuliert auch das ,,Restaurant zu Kriegerdenkmal“ im Haus Rabet Nr. 14 seinen Gästen, Freunden und Bekannten zum Jahreswechsel, oben rechts [Quelle #5]. Das ist eigentlich ein starkes Stück: ein Restaurant auf der Reudnitzer Seite vom Rabet nimmt hier Bezug auf das Neuschönefelder Kriegerdenkmal (!!!) – dabei hatte ja auch Reudnitz neben der Markuskirche an der Dresdner Straße (Nr. 59) seit dem Jahr 1896 ein eigenes Kriegerdenkmal, dass an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erinnerte. Sicher lag hier das Geschäftsinteresse höher als das Lokal-Bewusstsein der Restaurantbetreiber und für die Gäste aus der nahen Umgebung gab’s ganz bestimmt keine Probleme mit dem Kriegerdenkmal.
  • In meinem Filmarchiv habe ich noch eine Rollfilm-Aufnahme aus dem Jahr1978 entdeckt, auf der dieses Reudnitzer Kriegerdenkmal links neben der Markuskirche zu sehen ist. Das Foto wurde von der Feldstraße [heute: Anna Kuhnow-Str.] in Richtung Straße der Befreiung [heute wieder: Dresdner Straße] aufgenommen. Die Bildserie rund um die Markuskirche, aus der auch dieses Foto stammt, hatte ich damals kurz vor der Kirchensprengung im Februar 1978 aufgenommen [Quelle #6].

Literatur- und Quellenverzeichnis:

Quelle #1: Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 2. September 1879, Seite 14, online bei SLUB: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/268014/14/0/

Quelle #2: Moritz Weißbach: Geschichte der Gemeinde Neuschönefeld, 1889, S. 51/52, Abschnitt XVI. Denkmäler, …

Quelle #3: Kriegerdenkmal im Rabet, Hermann Walter (1907), Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, online: https://www.stadtmuseum.leipzig.de/ (unter Suchbegriff bb045495 eingeben)

Quelle #4: Postkarte Kriegerdenkmal Rabet (Otto H., Schönefeld)

Quelle #5: Leipziger Volkszeitung, vom 31. Dezember 1913, Anzeige auf Seite 3, Rest. z. Kriegerdenkmal, online aus SLUB-Bestand http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/141582/1/

Quelle #6: eigenes Foto vom Kriegerdenkmal an der Reudnitzer Markuskirche vom Februar 1978 (unmittelbar vor der Kirchensprengung)

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