Heimdicksche Nummern

Gestern sind wir bei einem schönen sonnigen Herbst-Spaziergang über den Leipziger Südfriedhof auch am Gedenkstein der Schriftstellerin Lene Voigt an der Prominenten-Ecke in der Abteilung II vorbei gekommen, siehe Bild rechts.

Was viele nicht wissen: sie hatte als Kind mit ihren Eltern in der Neustädter Ludwigstraße gewohnt – wo genau, dem möchte ich hier mal nachgehn …

Lene Voigt aus der Ludwigstraße

Lene Voigt wurde am 2. Mai 1891 als Helene Alma Wagner in Leipzig, Sidonienstraße Nr. 14 (heute Paul-Gruner-Straße) geboren. Die Eltern mit Helene haben anschließend von 1891 bis 1898 in der Neustädter Ludwigstraße gewohnt. [Quelle #1]
Zur genauen Hausnummer gibt es allerdings unterschiedliche Angaben:

– In der Lene-Voigt-Biografie ,,Meine Lene“ von Tom Pauls aus dem Jahr 2017 steht auf Seite 28:

,,1893 zogen Bruno und Alma Wagner mit ihrer Tochter in die Ludwigstraße 40. Eine Minute Fußweg weg von der Nummer 46. Die alte Wohnung schien Alma zu eng, die Wände zu dünn, die Nachbarn hören das Geschrei des Kindes, meinte sie. Die neue Wohnung hatte ein Zimmer mehr, Platz für die Tochter, Platz für ein zweites Kind.“ [Quelle #2]

– Der MDR zeigt auf seiner Seite ,,Damals im Osten ein Bild mit dem Untertitel:

,,In diesem mittlerweile unbewohnten Haus in der Ludwigstraße 48 im Leipziger Osten verbrachte Lene Voigt ihre ersten zwei Lebensjahre.“ [Quelle #3]

– Das Hotel ,,Leipziger Hof“ in Neustadt an der Ecke Hedwig-/Ludwigstraße erkennt im Nachbarhaus Ludwigstraße 46 das Lene-Voigt-Haus:

,,Die hochverehrte Leipziger Mundart Dichterin Lene Voigt, Autorin der „sächsischen Loreley“ und nach wie vor zahlreicher Kabarettabende in Leipzig (z.B. Leipziger Brettl), verbrachte ihre ersten Lebensjahre im Neustädter Markt in der Ludwigstraße. Die Besucher unseres Biergartens sitzen heute genau dort, wo Lene Voigt im Hof gespielt haben dürfte. Am Haus Ludwigstraße 46, heute Teil des Leipziger Hofs, wurde im Juni 2003 [eine Gedenk-] Tafel angebracht.“ [Quelle #4]

Na, was ist da nun richtig:   Ludwigstraße 40?, 46? oder 48?

Zur Aufklärung habe ich in den Leipziger Adreß-Büchern der Jahre 1891 und 1893 nachgeschaut.
Dort gibt es zwei Eintragungen: 1891/92 mit einer Wohnung der Familie Wagner in der Ludwigstraße 46 und ab 1893 in der Ludwigstraße 40. [Quelle #5]

Beim genauen Überprüfen dieser Eintragungen fällt auf, dass in der zweiten und dritten Etage fast die gleichen Mieter eingetragen sind – ein Zufall?
Nein: im Zuge der ,,großen“ Eingemeindung von Vororten zur Stadt Leipzig im Jahr 1891 wurde auch die Straßen-Nummerierung angepasst. Bisher war es wie auch in der Neustädter Ludwigstraße üblich gewesen die Häuser auf der linken Straßenseite beginnend hinzu bis zum Straßenende und auf der rechten Seite zurück laufend durchzunummerieren. Das wurde ab dem Jahr 1893 auch in der Ludwigstraße geändert. Jetzt galt: auf der linken Straßenseite beginnende wechselseitige Nummerierung – also links die ungeraden und rechts die geraden Hausnummern. Das ist auch heute nahezu der Standard in Deutschland.

Wie aus der Gegenüberstellung in den Plänen ersichtlich ist, handelt es sich bei den Hausnummern 46 (1892) und 40 (ab 1893) um das selbe rot markierte Haus!

Wahrlisch heimdicksche Nummern!

Das richtige Haus, in dem damals die Familie Wagner mit der kleinen Lene in Neustadt gewohnt haben, ist die heutige Ludwigstraße 40, siehe nebenstehendes Bild. Und wie man den obigen Textzitaten entnehmen kann, es gibt auch heute noch viel Fantasie bei schriftstellerischer Tätigkeit. Da kommt auch schnell mal noch ein Zimmer dazu …

Fazit: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser!   😉   😉   😉

… zwei Nachträge

    1.  der ganz oben auf dem Bild vom Südfriedhof gezeigte Gedenkstein wurde erst im Jahr 1986 aufgestellt, gestiftet übrigens vom Leipziger Kabarett Academixer. Eine späte Würdigung von Lene Voigt, die als Schriftstellerin im Jahr 1936 von den Nazis Schreibverbot erhielt und auch zu DDR-Zeiten zuerst verpönt, dann erst spät wiederentdeckt wurde.
      Aus dem Jahr 1987 stammt mein erstes Lene-Voigt-Buch mit dem Titel ,,Mally der Familienschreck„, herausgegeben von Wolfgang U. Schütte im Verlag Tribüne. Es beinhaltet eine Sammlung von meist hochdeutschen Lene-Voigt-Texten. [Quelle #6]
    2. In diesem kleinen Taschenbuch ist mir auf der Seite 180 beim Text zum Hörspiel ,,De Glawierschtunde“ aufgefallen, dass eine der handelnden Personen ,,de Bähnerten“ ist. Und was heute die Wenigsten wissen:

      ,,Ilse Bähnert ist die Paraderolle von Tom Pauls. Doch der Mime hat sie nicht erfunden. Frau Bähnert stammt aus der Feder der sächsischen Mundartdichterin Lene Voigt (1891-1962).“ [Quelle #7]
      ,,Tom Pauls verdankt der Schriftstellerin Lene Voigt seine beliebteste Figur: die renitente sächsische Rentnerin Ilse Bähnert.“ [Quelle #2]

    und eine Zugabe:

    [eine Strophe aus ,,Die Lindenstadt“]
    Schon unsre Dichterferschten briesen
    De scheene Stadt am Bleißestrand
    Wo um de Bromenade sprießen
    De Linden wie ’ne griene Wand.
    —————————————————————————-


    Literatur und Quellen:

    #1   Lene-Voigt-Gesellschaft e.V., Informationen zu Leben und Werk der Autorin und zur Arbeit der Gesellschaft, online: http://www.lene-voigt-gesellschaft.de/lebensweg/

    #2   Tom Pauls: Meine Lene, Aufbau Verlag GmbH&Co KG, Berlin 2017, online: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/meine-lene.html

    #3   MDR, Heute im Osten, Damals im Osten, Lene Voigt, online: https://www.mdr.de/damals/archiv/bildergalerie4868.html

    #4   Hotel Leipziger Hof: Lene Voigt – sächsische Mundart Dichterin, online: https://www.leipziger-hof.de/Lene_Voigt.htm

    #5   Leipziger Adreß-Buch 1891 (und 1893), online (SLUB): http://adressbuecher.sachsendigital.de/suchergebnisse/adressbuch/Book/list/leipzig/1891/

    #6   Wolfgang U. Schütte: Lene Voigt – Mally der Familienschreck (Reihe Angebote), Verlag Tribüne Berlin 1987

    #7   Eine Verbeugung vor Lene Voigt, online: https://www.wochenkurier.info/sachsen/artikel/eine-verbeugung-vor-lene-voigt-40249/

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