ein Tag im Juni 1953

Leipzig, 17. Juni vor 65 Jahren

Im Nachlass meines Vaters habe ich einen Agfa Schwarz/Weiß-Rollfilm mit der Nummer 41 und interessanten Leipziger Negativen gefunden. Weil mein Vater  jedes Bild einzeln in einem Filmbuch eingetragen hat, wird schnell klar, dass da auch fünf Bilder vom 17. Juni 1953 mit dabei sind. Was auf diesen Bildern zu sehen ist und warum hier nebenstehend ein SED-Parteiabzeichen abgelegt worden ist, davon soll dieser Beitrag handeln.

1. Bilder

Bei den folgenden Bildpaaren habe ich jeweils auf der linken Seite die Bilder meines Vaters, Werner Stein, angeordnet – nach den Angaben aus seinem Filmbuch (nummeriert) und rechts (soweit möglich) sind die aktuellen Bilder zu sehen, die ich im Juni 2018 von ähnlichem Standort aus fotografiert habe. Vorweg, die alten Aufnahmen sind teilweise unscharf und etwas verwackelt. Das resultiert vermutlich aus der Aufregung des Fotografen. Weil die Sonne geschienen hatte, läßt sich aber über den Schatten sogar der Aufnahmezeitraum eingrenzen: zwischen 16:30 und 18 Uhr (!) Deshalb habe ich die aktuellen Fotos zum besseren Vergleich auch am späteren Nachmittag aufgenommen.

(1) Am Königsplatz
Königsplatz – frühere Bezeichnung des heutigen Wilhelm-Leuschner-Platzes

Links im Bild heute die Stadtbibliothek, rechts das Polizeipräsidium.

(2) Durchblick zum brennenden Pavillon der NF von der Reichsstraße

NF – Nationale Front, Zusammenschluss der DDR-Parteien und Massenorganisationen

Dieser Häuser-Durchblick läßt sich heute nicht mehr fotografieren. Die Gebäudeteile am rechten und linken Bildrand gehören zu den Resten der früheren rechtsseitigen Bebauung der Katharinenstraße. In Bildmitte sind links das Steildach der Thomaskirche und rechts davon der Giebel vom Konsum-Kaufhaus ,,Fortschritt“ am Thomaskirchhof zu sehen.

Heute steht auf vorderen Fläche ein Apartment-Wohnblock, der Anfang der 1960er Jahre als ,,Piazza-artige Markterweiterung“ geplant wurde.

(3) Am Markt

Links der Südteil des Alten Rathauses, in Bildmitte die Markt-Einmündung der Grimmaischen Straße mit dem markanten Gebäude des ehemaligen Reichshofs mit dem Türmchen, rechts der eingerüstete Giebel des Königshauses (das Messehaus am Markt entstand erst Anfang der 1960er Jahre als Buchmessehaus.
Auf dem linken Bild ist mir noch eine Kleinigkeit aufgefallen. Was hat mein Vater hier nur fotografiert – man sieht nur lauter Rücken. Und – wo schaun die Leute hin? In Richtung der Straßenecke zur Grimmaischen Straße. Wenn man diesen Bildteil mit der Straßenecke vergrößert, dann fallen ein paar Details auf: ein waagerechtes Rohr und ein paar kastenförmige Teile. Diese gehören zu einem sowjetischen Panzer vom Typ T-34, der dort steht ! Zur besseren Orientierung habe ich die Panzer-Silhouette über der Szene einkopiert.

(4) Markt mit brennendem NF-Pavillon

Blick zur Nordseite des Leipziger Marktes. Der Markt war am späten Nachmittag des 17. Juni 53 voller neugieriger bis aufgebrachter Menschen. Etwa in Bildmitte ist eine Rauchsäule zu sehen, die vom brennenden Pavillon der Nationalen Front an der Nordost-Seite des Marktes stammt. Im Hintergrund sind noch Reste der kriegszerstörten Leipziger Innenstadt zwischen Katharinen- und Reichsstraße zu sehen. Links das (da in Wiederaufbau befindliche) Haus Markt 5, rechts daneben heute die Alte Waage, deren Fassade erst seit Anfang der 1960er Jahre wieder am Markt zu sehen ist. Daneben sind auf der aktuellen Aufnahme der Bildermuseums-Würfel und der bereits genannte Apartment-Wohnblock und am rechten Bildrand der Nordteil des Alten Rathauses zu sehen. Heute sieht der Markt wieder schmuck aus.

(5) an der Wächterstraße
Der obere Teil der früheren Wächterstraße zwischen dem Landgericht und dem Polizeipräsidium heißt heute Dimitroffstraße.

Die alte Aufnahme mit dem Blick von der Wächterstraße in Richtung Wilhelm-Leuschner-Platz aus dem Jahr 1953 ist aus verschiedenen Gründen sehr interessant.

  • Zum Ersten: eine große Menschenansammlung auf dem Platz zwischen dem ehemaligen Reichsgericht und dem Landgerichtsgebäude (rechtes Gebäude). Das liegt sicher daran, dass sich im Areal des Landgerichts auch das Untersuchungsgefängnis befand, in das viele der im Laufe des 17. Junis verhafteten Demonstranten eingeliefert worden waren.
  • Zum Zweiten: wenn man genau hinschaut, dann kann man mit Blick in Richtung Leuschnerplatz noch ein paar Reste der ehemaligen Markthalle sehen.
  • Drittens fährt gerade eine Straßenbahn, vermutlich der Linie 5 aus dem Leipziger Süden kommend zur Haltestelle Tauchnitzbrücke.

2. Informationen

Was war eigentlich am 17. Juni 1953 allgemein und speziell in Leipzig passiert? Dazu stelle ich hier zur Vorgeschichte einen Nachwende-Artikel aus der Leipziger Volkszeitung (LVZ), zum eigentlichen Tag einen Auszug aus Wikipedia und zur DDR-Geschichtsdeutung zwei Artikel aus dem damaligen Neuen Deutschland (ND) vor.

Leipziger Volkszeitung (1991)

Der Juni 1953 sollte in Leipzig, der Geburtsstadt von Walter Ulbricht, festlich begangen werden. So hatte sich der Jubilar, der am 30. Juni seinen 60. Geburtstag feierte, seine ,,Ehrung“ gewünscht und nach Kräften selbst organisiert. Am Geburtstag sollte Ulbricht der Ehrenbürgerbrief überreicht und der Martin-Luther-Ring nach ihm umbenannt, ein ,,Bad in der Menge“ auf dem damaligen Karl-Marx-Platz organisiert werden. In der LVZ standen fast täglich ,,freiwillige“ Verpflichtungen zur Normenerhöhung aus Leipziger Betrieben – zu Ehren des freudigen Ereignisses selbstredend. Sie sollten den Eindruck erwecken, dass die Arbeiter voller Zustimmung ihre Normen erhöhen und damit monatliche Lohneinbußen von 40 bis 60 DM bei durchschnittlich 300 DM Monatslohn in Kauf nehmen würden. [Quelle #1]

wikipedia (aktuell – 2018)
An den Tagen um den 17. Juni 1953 kam es in der DDR zu einer Welle von Streiks, Demonstrationen und Protesten, die mit politischen und wirtschaftlichen Forderungen verbunden waren.
Eine besondere Rolle bei der Niederschlagung dieser Aktivitäten spielte der SED-Parteivorsitzende von Leipzig, Paul Fröhlich. Er befahl zwischen 13 und 14 Uhr den Leipziger VP- und MfS-Angehörigen den Gebrauch ihrer Schusswaffen. Fröhlichs Schießbefehl mussten zwei Menschen mit ihrem Leben bezahlen, mindestens weitere fünf Menschen wurden nach der Verhängung des Ausnahmezustandes (16 Uhr) Opfer der sowjetischen Truppen. [Quelle #2]

[Quelle #1] In vielen Leipziger Betrieben kam es zu Streiks. Hauptforderungen waren: Senkung der HO-Preise, Herabsetzung der Normen, Sturz der Regierung sowie gesamtdeutsche freie Wahlen.  Es gab Tote, viele Schwerverletzte, Festnahmen und harte Gerichtsverfahren gegen Demonstranten und Streikende.

Eigentlich ein schwarzer Tag in der deutschen Geschichte – das sah die SED-Staatsführung und deren Parteiorgan, das Neue Deutschland (ND), damals aber ganz anders.
Weil das heute kaum noch jemand glauben kann, habe ich hier als Text-Nachweis zwei Titelseiten-Artikel aus dem ND vom 18. und 24. Juni 1953 ausgewählt. [Quelle #3]
Schon am 18. Juni wurden im ND ausländische Agenten beschuldigt, die Unruhen in der DDR von Westberlin her ausgelöst zu haben (Artikel links).

Noch direkter und krasser wirkte der Artikel (rechte Seite) vom 24. Juni – acht Jahre nach Kriegsende wird darin auf die fast unglaubliche Parole faschistischer Umtriebe in der DDR zurückgegriffen. ,,USA-Spionagechef Dulles leitete den faschistischen Putsch“ lautet die Überschrift. Die  inneren Ursachen der Unruhen in der DDR werden mit keinem Wort erwähnt. Selbstkritik ist Mangelware.
Wer sollte es nach solchen Artikeln noch wagen zu widersprechen, schließlich hatten SED und Sowjetsoldaten ja laut ND soeben den dritten Weltkrieg und einen erneuten faschistischen Staat auf deutschem Boden verhindert.
Eine schwere Zeit für eine eigene und freie Meinungsäußerung!

3. Konsequenzen

Welche Konsequenzen hatte das für Staat und Volk?
Also – Walter Ulbricht wurde Ende Juni 53 trotzdem Ehrenbürger der Stadt Leipzig, und der Martin-Luther-Ring heißt immer Martin-Luther-Rind, er wurde zu Glück nicht umbenannt.
In einem politischen Witz aus dieser Zeit wurde Walter Ulbricht gefragt, ob man stattdessen die Karl-Liebknecht-Straße in Walter-Ulbricht-Straße umbenennen sollte. – Nein, das wollte er dann doch nicht, er wußte als alter Leipziger, dass diese Straße schließlich am [Connewitzer] Kreuz endet …  😉   😉   😉

Alles klar?

Nein, es fehlt ja noch die Geschichte vom oben ,,abgelegten“ Parteiabzeichen.
Das gehörte bis zum Juni 53 meinem Vater. Er war, wie viele junge Menschen nach dem Krieg im Jahr 1948 hoffnungsvoll in die neugegründete sozialistische Einheitspartei (SED) eingetreten, um am Aufbau der neuen und besseren Gesellschaftsordnung tatkräftig mitarbeiten zu können. Nach den Ereignissen des 17. Juni 53 verweigerte er der SED die Gefolgschaft. Mein Vater trat wie viele seiner Kollegen mutig aus dieser Partei aus. Ein politisches Mitwirken hatte er sich anders vorgestellt! Dieser Austritt hatte schließlich auch beruflich Folgen. Hatte er vorher als Konstruktions-Ingenieur im Funkwerk Leipzig einen exklusiven Einzelvertrag gehabt, so wurde dieser kurz vor Weihnachten am 23.12.1953 plötzlich aufgekündigt:
,,Auf Anweisung des Ministeriums wird eine Überprüfung der Einzelvertragsinhaber vorgenommen und diese veranlaßt uns, Ihren Vertrag mit dem 30.6.54 aufzukündigen. Die von Ihnen gezeigten Leistungen entsprechen nicht mehr den Richtlinien eines Einzelarbeitsvertrags. …
Ihr Einverständnis wollen Sie bitte auf beiliegendem Durchschlag, durch Ihre Unterschrift, erklären.“
Übrigens hat mein Vater im Funkwerk, später Fernmeldewerk Leipzig bis zum Jahr 1977 nie wieder eine Gehaltserhöhung bekommen – die Genossen saßen im Fernmeldewerk Leipzig am längeren Hebel und waren gegenüber Kritikern schon etwas nachtragend.

***

fiktives Dankeschön im Juni 2018

Hallo Papa, vielen Dank für Deine Bilder, Deinen Mut die Bilder zu machen und Deine Meinung konsequent zu vertreten.
Diese kleine Bilder- und Erinnerungsgeschichte habe ich für Dich geschrieben.

Weil Du bereits im Herbst 1977 verstorben bist, konntest Du die Wende zwölf Jahre später, vielleicht als kleine Genugtuung, nicht mehr miterleben. Im Oktober 1989 war ich montagabends mit dem Fotoapparat unterwegs in der Stadt und wir hatten auch zwei Kinder zu Hause  …


Quellenangeben

#1   Leipziger Volkszeitung (LVZ), Wochenend-Beilage vom 14. Juni 1991, Seite 5, Heidi Roth: Schusswaffeneinsatz gegen Personen befohlen, eigenes Archiv
#2   Wikipedia zum 17. Juni 1953 online https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_vom_17._Juni_1953
#3   Neues Deutschland, Berliner Ausgaben aus dem Zeitraum vom 17.-29.06.1953, eigenes Archiv

Fotos vom 17.06.1953 aufgenommen mit:
Rodenstock (4,5 x 6) mit Trinar 1:2,9, 75 mm auf Rollfilm Agfa Isopan F 17/10, entwickelt mit Rodinal (1:100, 40 min)

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