Eisenbahn Nr. 5

In einem alten Leipziger Kalender für das Jahr 1911 habe ich kürzlich in einem Beitrag über Leipziger Architekturaufgaben und ihre Lösungen in Text und Bild auch etwas über einen damaligen hochgelobten Neubau in der Eisenbahnstraße 5, im Leipziger Osten, gelesen. Ein höchst seltener Artikel – auch damals.
Was es mit diesem Haus so auf sich hat und was nebenstehendes Bild von einem Kanalisationdeckel mit diesem Haus zu tun hat, daran möchte ich mich im Folgenden mal versuchen.

Die heutige Geschichte beginnt damit, dass ich einen Leipziger Kalender für das Jahr 1911 aus dem Insel-Antiquariat in der Leipziger Ritterstraße erhalten habe.
In dem alten Kalenderbuch ist auf der Seite162 ein Bild mit einem neu erbauten Wohnhaus in der Eisenbahnstraße zu sehen, Bild unten links. Es geht um (damals) lobenswerte Beispiele von gelungener Wohn-Architektur und genauer gesagt um die Architekten Schmidt & Johlige und das Haus Eisenbahnstraße 5:
,,An dem Hause Eisenbahnstraße 2 ist vielleicht die Lösung der Ladeneinbauten noch nicht vorbildlich, weil die schwarzen Firmenschilder unliebsame Unterbrechungen bilden, aber der darüberliegende Teil wirkt durch sein Gelb und Rot, durch seine unaufdringliche und doch durchdachte wagerechte und senkechte Gliederung recht ansprechend.“ [Quelle #1]

Im Text ist zwar die Nummer 2 genannt, aber das ist mit Blick auf das Gebäude nicht zutreffend, die 2 wäre das Eckhaus eingangs der Eisenbahnstraße auf der linken Seite gewesen. Ein Vergleich der (groben) heutigen Gebäudekostellation und der alten Ladenbezeichnungen lt. Adressbuch 1911 zeigen eindeutig, dass es sich um die Nr. 5 handelt.
Die Einträge im Leipziger Adressbuch (LAB) 1911 lauten, entsprechend dem Bild:

  • Otto Starke, Blumenhandlung
  • Max Schmelzer, Vogel- und Zierfischhandlung (J.Mindes konnte ich nicht finden)
  • Hugo und Emilie Keyßner, Schallplatten-Zentrale, eingetragen unter dem Namen M.H.  Keyßner, gegr. 1888 [Quelle #2]

Das Gebäude hat heute (rechtes Bild) äußerlich fast keine Ähnlichkeit zur so gelobten ursprünglichen Bauausführung. Die Fassade ist in den 1960er Jahren „entschnörkelt“ und geglättet worden. Auch nach der Sanierung in der 1990er Jahren hat man das so beibehalten – Schade eigentlich.

Soweit schon mal ganz interessant, aber es kommen noch zwei Gesichtspunkte dazu:

1. Warum wurde dieses Grundstück erst so spät in den Jahren 1905-09 bebaut?
Der Großteil der Neustädter Bebauung in dieser Gegend erfolgte bereits in den Jahren von 1890 bis zur Jahrhundertwende.
Auf dem Ausschnitt der rechts abgebildeten Postkarte aus dem Jahr 1905 ist aber gut zu erkennen: es gab noch eine Bebauungslücke auf der linken Seite der Eisenbahnstraße. [Quelle #3]

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass an dieser Stelle das Flüßchen Rietzschke früher seinen Lauf hatte – später auch in überwölbter Form, von der Melanchtonstraße kommend, die Eisenbahnstraße und das Gebiet von Neustadt in Richtung der Bahngleise unterquerte. Es gab lange Zeit ein Bebauungsverbot der Rietzschke-Grundstücke.
Auf dem folgendem Kartenausschnitt links noch gut zu erkennen: das Grundstück Eisenbahnstr. Nr.5 ist noch unbebaut. Als Besitzer ist im LAB Friedrich Oberländer mit dem Saal der Kaiserhallen eingetragen. Der Saal ist als größeres Gebäude hinter dem eigentlichen Grundstück mit einem Verbindungsteil zum Eck-Restaurant der Kaiserhallen zu erkennen. [Quelle #3]

Schließlich ist das Grundstück in den Jahren 1905-09 über die Rietzschke-Verwölbung oder -Verrohrung (?) von der Bierbrauerei Klein-Crostitz, F. Oberländer A.G. bebaut worden. Die Bierbrauerei aus Klein-Crostitz war auch Eigentümer des Hauses Eisenbahnstraße 1, der Kaiserhallen.
Ja, richtig, es handelt sich bei Friedrich Oberländer aus Klein-Crostitz um einen Vorgänger der heute in Leipzig und Umgebung bekannten (und beliebten) Brauerei der Urkrostitzer Biere.
Auf dem rechten Kartenausschnitt aus dem Jahr 1929 sieht man die seit 1910 geschlossene Bebauung an der Eisenbahnstraße.

Mitte der 1980er Jahre , als wir noch in der Gegend wohnten, hatte ich mal von einem Vorort-Termin von Mitgliedern vom Wohnbezirksausschuss (WBA 101) mit Stadtverordneten gehört, bei dem es um die fast ständig feuchten bis unter Wasser stehende Keller der Grundstücke Ernst-Thälmann-Straße 5 und 7 ging. Ich weiß allerdings nicht, ob dieser Besuch damals was bewirkt hatte …
Da könnte es aber höchstwahrscheinlich um die undicht gewordene Verwölbungs-Bebauung der Rietzschke gegangen sein, die dort noch heute unterm Gebäude durchfließt 😉
Auf dem Bild rechts aus dem Jahr 2016 kann man in der Mitte der Melanchtonstraße die Kanalisationsdeckel der Rietzschke-Wölbleitung erkennen. Im Hintergrund ist etwa in Bildmitte das Gebäude der Eisenbahnstr. 5 zu sehen. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch den oben im Vorspann gezeigten Kanaldeckel fotografiert – ein Rietzschke-Kanal-Einstiegsdeckel ….

2. Was hatte es mit der Schallplatten-Zentrale auf sich?

Aus dem Leipziger Adreßbuch (LAB) auf das Jahr 1911 ist zu entnehmen, dass im Parterre-Bereich des Hauses auch ein Laden mit der Bezeichnung ,,Schallplatten-Centrale“ (1910) bzw. ,,Schallplatten-Zentrale“ (ab 1911) befand. Das läßt sich auch im vorweihnachtlichen Anzeigenteil der Leipziger Volkszeitungen aus den Jahren 1910 und 1911 nachlesen. [Quelle #4]

Da gab es also neben dem größten Plattenlager im [Leipziger] Osten auch eine Reparaturwerkstatt für alte Musikwerke, alle Sorten Nadeln, Laufwerke, Federn und Ersatzteile. Toll – und noch toller klingt es, dass dieser Laden im Jahr 1888 gegründet worden sein soll – ein Schallplattenladen aus dem Jahr 1888 – das macht stutzig …
Die ersten serienmäßig hergestellten Schallplatten kamen erst in den Jahren 1889/90 in den Handel. Gab es hier einen bisher unbekannten genialen Leipziger Erfinder und Vordenker?

Ein Blick in die Adressbücher zeigt::

  • Ursprünglich wurde lt. LAB ab 1888 ein Kaufmann E. Leonh. Hnr. Hugo Keißner aus der Leipziger Färberstr.16 pt. erwähnt,
  • ab 1890 wird das Delicatessen- u. Colonialwaarengeschäft von Leonhard Heinrich Hugo Kei(y)ßner unter der Firmen-Bezeichnung Julius Scholz Nachfolger am Südplatz 9 pt. genannt,
  • ab 1894 ist dieses Geschäft in der Volkmarsdorfer Eisenbahnstraße 115 (Volkmarsdorf) und ab 1896 unter der Inhaberin Berta Helene Keyßner als Heringsräucherei nachweisbar, schließlich
  • ab 1905 mit der Inhaberin Martha Helene Keyßner (M. H. Keyßner) unter der Bezeichnung Leipziger Herings-Räucherei und Fisch-Einlegegeschäft, gegr. 1888. [Quelle #2]

Kurz recherchiert kommt also der Werbe-Gag schnell heraus: dieses Gründungsjahr bezieht sich auf die ersten kaufmännischen Aktivitäten der Familie Keyßner (ursprünglich Keißner) und nicht auf den Plattenhandel.

Also keine Tradition des Geschäfts als frühreife Schallplatten-Einleger, sondern mehr als renommierte Fisch-Einleger … ! 😉 😉 😉

Nachbetrachtung:
Keyßner’s Schallplatten-Zentrale hatte nur bis zum Jahr 1913 Bestand, ab dem Jahr 1914 bis zum Jahr 1917 übernahm Richard Deininger das Geschäft unter gleichem Namen. Die Blumenhandlung ist nach den Angaben in den LAB’s unter verschiedenen Geschäftsbesitzern bis zum Jahr 1921 nachweisbar. In den 20er Jahren werden als Nachfolger der drei Geschäfte verschiedene Kaufleute genannt, auch ein Rauchwaren-Geschäft für das bessere Klientel war dabei.


Quellenverzeichnis:

#1   Berhard Riedel in Leipziger Kalender 1911 (8. Jhg.), Druck und Verlag von Fr. Richter GmbH, Leipzig, Seite162-63

#2 Leipziger Adressbücher der Jahre 1888 bis 1930, online SLUB, siehe http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/84176/1/

#3 aktuelle Fotos aus der Gegend um die Eisenbahnstraße, alte Pläne und Postkarten der Stadt Leipzig aus dem eigenen Archiv

#4 Leipziger Volkszeitungen der Jahre 1911, 1912, online SLUB, siehe http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/141582/1/

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