Ein Prost auf den PAPSER

Lang ist es her, als im ,,Papser“‚ das Tanzbein geschwungen und opulent geschwoft wurde. Die Amüsement-Gemächer in der Kirchstraße 85 (heute Hermann-Liebmann-Straße) – Ecke der Ludwigstraße waren aber eine Institution im Ostteil der Stadt und werden vielen junggebliebenen Zeitzeugen noch gut in Erinnerung sein.
Hat sich eigentlich mal jemand gefragt wie der Name ,,Papser“ zustande kam? Ausgedacht wurde er sehr wahrscheinlich vom Kneiper Max Wreesmann, hier rechts auf dem Bild.

[Ein Gast-Zeit-Beitrag von Andreas Hönemann mit Anmerkungen und Ergänzungen im Prolog durch Harald Stein und im Epilog durch Bert Hähne]

1. Prolog

Die Parzellierung des ehemaligen Schönefelder Flurstücks 181 g in einen kleineren Teil 296 fand im November 1871 statt. Davon wurden dann am Kirchweg im Neuen Anbau von Schönefeld (später Leipzig-Neustadt) nochmals die Parzellen 296 a und b abgetrennt und aus dem Teil 296 a entstand dann das mittlerweile sehr schön sanierte Gebäude an der Ecke Hermann-Liebmann-/ Ludwigstraße mit der Brandkatasternummer 149 im Osten Leipzigs.
Es steht heute in der Liste der Kulturdenkmale in Neustadt-Neuschönefeld [# Quelle 1]. Vielen dürfte es auch durch die ebenfalls aufpolierte Giebel-Reklame für Bier aus Markranstädt bekannt sein [# Quelle 2].
Das Gebäude mit der ursprünglichen Hausnummer 149 könnte durchaus im Jahr 1875 gebaut worden sein, siehe nachstehende Skizze einer Karte von E. Siegel aus dem Jahr 1875. Auf der Karte ist es bereits zu sehen.

Zumindest stand dieses Haus auch auf diesem Grundstück. Auf meinem Stadtplan aus dem Jahr 1912 sieht der Grundriss des Hauses Kirchstraße 85 aber noch sehr ähnlich aus wie auf der 1875er Karte. Es könnte natürlich sein, dass es später nochmals an den Nebengebäuden oder der Fassade umgebaut wurde …

Bei einer Zeitungsrecherche hab ich eine Anzeige aus dem Leipziger Dorfanzeiger 28 (1878) entdeckt. In der No. 4 vom 12. Januar 1878 steht auf der Seite 11 folgende Anzeige:

Gesucht wird zum 15. Januar ein ordentliches, zuverlässiges Mädchen für häusliche Arbeit. Zu melden mit Buch bei Dr. med. Rochlitzer, Schönefeld, Anb., Kirchweg 149, p.

Im Adreßbuch der Vororte von Leipzig für das Jahr 1880, auf Seite 533, ist der im Zeitungsartikel genannte Dr. med. H. Rochlitzer auch in diesem Haus Kirchweg 2 eingetragen. Besitzer war damals die Witwe J. Ros. Schröter als Materialwaaren- und Produktenhändlerin eingetragen. Eine Gaststätte gab es damals offenbar noch nicht [Quelle 3].

2. Gast-Zeit

Zwischen 1880 und 1887 beginnt dann an der Straßenfront zum Kirchweg, später Kirchstraße, eine über 100 Jahre andauernde gastronomische Nutzung. Einen ersten Namen für die dortige Gaststätte findet sich im Leipziger Adressbuch (LAB), danach trällerte die verehrte Kundschaft von mindestens 1897-1898 in der ,,Sängerhalle“ [# Quelle 4].
Um 1899 sorgte der Wechsel des Tresen-Betreibers auch für eine Änderung der Lokal-Titulierung, nun wurde bis nach 1900 in ,,Burg Wettin“ gezecht und gezockt.

Anschließend taucht wieder der Ausdruck ,,Sängerhalle“ auf, was sich spätestens mit einer Anzeige von 1905 belegen lässt. Inhalt ist der Verkauf des ,,Rossfleisch Speisehaus‚“ und ,,Restaurant zur Sängerhalle“ von Emil Schellenberger an Carl Uhlitzsch. Offen bleibt ab wann die Restauration den Titel ,,Sängerhalle“ zurück erhielt.

Herr Schellenberger war übrigens kein Unbekannter in der Gegend, es betrieb in der nahe gelegenen Kirchstraße 80 eine Roßschlächterei und Wurst-Fabrik mit 7 Filialen in verschiedenen Stadtteilen. Die wohl recht erfolgreich arbeitende Firma verleitete den Inhaber 1904 nicht nur zum Kauf der Immobilie Kirchstraße 85, sondern beflügelte ebenso seine Ambitionen zum Kneipier. Nachfolger Uhlitzsch betrieb das Wirtshaus schließlich ab März 1905 als ,,Schellenbergs Rossfleisch-Speisehaus“ weiter.
Die ,,Sängerhalle“ existierte bis Ende 1909. Dann ging diese Bezeichnung auf eine Lokalität in der Kirchstraße 68 über, welche dort bis nach 1949 als Durstlöscher fungierte.

Ab Dezember 1909 versuchte Robert Mühler mit seiner ,,Ost-Schänke“ den Stammtischlern die Taler aus der Tasche zu entlocken. Laut Wirtschaftsnamen-Verzeichnis LAB wurde der Begriff bis mindestens 1913 verwendet. In der Zeit taucht aber auch der Wortlaut ,,Papser‚ auf. Wirt Mühler war nach zweijähriger Zapf-Zeit des kredenzens müde und pensionierte sich selbst.

Da passte es gut, dass im Laufe des Jahres 1911 Max Wreesmann-Ritter das Feilbieten von Gaumenfreuden als fade erachtete, sich von seiner Kolonialwarenhandlung in der Ludwigstraße 79 lossagte und in den geselligeren Tätigkeitsbereich eines Schankwirt überwechselte.
Und eben dieser Wreesmann-Ritter warb Sylvester 1911 in einer Offerte: „Achtung! Beim Papser grosser Rummel!
Da haben wir nun den Debütgebrauch dieser mysteriösen Buchstabenreihe, und wissen dank Walter Rothschuh und Harald Stein, dass ,,Papser“ vor 1918 das Soldatenwort für Zivilist war.

Auf diese Weise könnte die ,,Sängerhalle“ vom ,,Papser“ verdrängt worden sein, wann genau der Namenswechsel stattfand ließ sich noch nicht herausfinden.

Aus dieser Zeit stammte auch die hier untenstehen abgebildete Postkarte mit dem Restaurant & Café zum ,,Papser“, das auch schon als ,,Konzert-Haus“ mit täglichem Schrammel-Konzert
und ,,warmer Küche bis 2 Uhr nachts“ (!) beworben wurde. Der Poststempel weist auf ein Absendedatum im Jahr 1913 hin. Damals gab es sogar kleine Bäumchen am Straßenrand (!) Und Markranstädter Biere gab’s damals auch schon (Inschrift ,,Bürgerliches Brauhaus Leipzig-Markranstädt“ am Haus), wann mag die seitliche Fassadenmalerei mit Kellner und Hund entstanden sein – erst in der zwanziger Jahren?

Anfang der 20er Jahre wird nur noch mit der Bezeichnung Konzerthaus ,,Papser“ geworben, wie man in den Zeitungsanzeigen aus der LVZ lesen kann. Allerdings schien sich ein Fehler in der Ortsbezeichnung hartnäckig über mehrere Jahre gehalten haben: das Gebäude an der Ecke Kirchstraße / Ludwigstraße steht auf Neustädter Gebiet und nicht in Neuschönefeld (!)

In einer Anzeige aus dem Jahr 1928 ist die Ortszuordnung der Kirchstraße zu Leipzig-Neustadt wieder korrekt:

Intoniert wurde trotzdem noch lange Zeit, die Wände der Gaststätte ,,Zum Papser“ wurden bis nach 1966 temperamentvoll zum Dielentanz beschallt.
Dann war Schluss.

Als nach der Becker-Ära und kurzem Zwischenspiel eines privaten Pächters die HO (Handelsorganisation) die Gaststätte übernahm und eine Art Nobellokal namens ,,Achtern Strom“ in maritimem Stil daraus machte, änderte sich die Besucherstruktur [Quelle 5].
Nun war eine stilvollere Aufnahme von Nahrungsmitteln in den mittlerweile vergilbten Mauern angedacht, die neue Epoche kulinarischer Genüsse kam im maritimen Ambiente daher. Ende der 1960er Jahre eröffnete das Restaurant ,,Achtern Strom“. Ausgestattet im Seemannsstil samt charakteristischem Fisch-Bukett konnten die seinerzeit am Globetrotten gehinderten Gäste mit der Mix-Grill-Platte ,,Matrosenart“ oder dem Saßnitzer Seemannsspieß zumindest auf diese Weise eine Prise Weite der sieben Weltmeere goutieren.

Bilder: aus ,,Gastliches Leipzig“ – Restaurant Achtern Strom, 1984

Bis Mitte der 1980er Jahre ruderte man sich als Nachtclub mit Neptun- und Nixen-Bar an die Spitze der im Leipziger Osten nur rudimentär vorhandenen Armada populärer Vergnügungsmöglichkeiten.
Der ,,Achtern Strom“ hatte noch geöffnet. Aber, das Gebäude verkam immer mehr, die Mieter zogen aus. Links im folgenden Bild, das ich im März 1989 aufgenommen habe kann man den ruinösen Zustand erahnen.

Leider wurde nach der Wende 1989 abgewrackt, der DDR-Lust- und Laune-Kreuzer verkümmerte zur Imbiss-Schute, Bild rechts.

Schade.

3. Epilog

Auch der ,,Imbiss-Schute“ war nur noch ein kurzes Intermezzo beschert. Bald stand das ganze Haus leer und wurde zur Ruine. Im Jahr 2005 wurde das Gebäude Hermann-Liebmann-Straße 85 in die Liste von städtebaulich und denkmalpflegerisch unverzichtbaren Gebäuden (Wohngebäude und wohnhausartige Geschäftshäuser) mit überwiegend akutem Sicherungsbedarf aufgenommen [# Quelle 6]. Da hatte es gute Chancen auf eine spätere Sanierung. Endlich ab dem Jahr 2013 tat sich was. An der Fassade zur Hermann-Liebmann-Straße war ein frisch verputzter vertikaler Streifen zu sehen, untere Bilder, links. Im Beitrag ,,Schnell noch hin!“ bei Geheimtipp Leipzig erfolgte die Aufklärung im ,,Nachtrag am 07.11.2014:
Von Sandra aus der Ateliergemeinschaft Zündkerzenwerkstatt haben wir erfahren, was es mit dem Streifen in der Hermann-Liebmann-Straße 85 auf sich hat: „Ja, der vertikale Streifen macht neugierig, hinter ihm verbirgt sich ein komplett sanierter Raum, sozusagen ein Kunstprojekt des Architekten. Künftige Mieter können sich diesen Raum bereits ansehen und haben so eine Vorstellung davon, wie das Haus künftig aussehen soll. Das Achtern Strom (die ehemalige Gaststätte unten im Haus, später ein Imbiss) haben wir nur im Rahmen des Freiraum-Festivals am 13. September 2014 bespielt … Das Haus wird saniert und soll danach vermietet werden. Es wurde uns nur für diesen einen Tag zur Verfügung gestellt.“ [# Quelle 7] ​​

Wie es ein halbes Jahr später aussah (Bild rechts) wird hier berichtet: ,,Nachtrag am 04.06.2015: Das Haus mit dem Streifen ist mittlerweile so gut wie fertig saniert, alles weiß und blau und schick, sogar die uralte Werbung für Markranstädter Bier wurde erneuert!“ [auch # Quelle 7].

Nur ein paar Tage später, am 10. Juni 2015, berichtet die LVZ von einem Teeranschlag auf das frisch sanierte Haus Hermann-Liebmann-Straße 85.
Am frühen Montagmorgen [08.06.2015] wurde auf das fast fertig sanierte Mehrfamilienhaus in Neustadt-Neuschönefeld ein Anschlag verübt. Die Täter konnten flüchten. 
Vermutlich hätten zwei Personen zwischen 6 und 7 Uhr die wasserunlösliche schwarze Flüssigkeit an die Fassade geworfen, so die Polizei. „Offenbar hat die ‚Gentrifizierungsdebatte’ auch den Leipziger Osten erreicht“, meint Behördensprecher Uwe Voigt. Doch die Tat ging nach hinten los: In dem jahrelang leerstehenden Haus an der Ecke zur Ludwigstraße, das eine Investorin vor dem Verfall rettete, sollen keine teuren Luxusappartements entstehen. Stattdessen sind günstige Wohnungen geplant.
[# Quelle 8]

Hinweis: aktueller BLOG-Beitrag in Geheimtipp Leipzig ,,Beim Papser großer Rummel“


Literaturquellen:

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s