Akten-Einsichten (Neustadt 4)

Geschäftsbericht Neustadt bei Leipzig, 1887

Neustadt bei Leipzig war ganze neun Jahre (von 1881 bis 1889) eine selbständige Gemeinde und hat als solche natürlich auch interessante jährliche Geschäftsberichte der Gemeindeverwaltung verfasst und herausgegeben. Am 26. März 1888 erschien in der Leipziger Vorstadt-Zeitung, 10. Jahrgang, Nr. 47 der ,,Geschäftsbericht der Gemeindeverwaltung zu Neustadt bei Leipzig auf das Jahr 1887″.
Im Jahr 1887 gab es aber auch Informationen, die aus verschiedenen Gründen nicht in diesem Geschäftsbericht standen. Dazu wird es hier ein paar Anmerkungen geben.
[Weil heute nicht jeder die alte Frakturschrift lesen kann, habe ich den vollständigen Text mal kurz in Latein abgetippt sowie Kommentare zum besseren Verständnis angefügt – in der Rechtschreibfassung von 1888 natürlich.]
I. Gemeindeverwaltung.
Die Entwickelung der Gemeinde ist auch in dem verflossenen Geschäftsjahr in steter Zunahme begriffen gewesen.
Nachdem bis zum Jahresschluß 1886 sich der Verkauf des sämtlichen Gemeindeareals an der Eisenbahnstraße vollzog, entwickelte sich im Jahr 1887 eine rege Bauthätigkeit im hiesigen Orte, so daß der Ort nicht allein wiederum an schönen Gebäuden bereichert worden ist, sondern naturgemäß auch einen nicht unerheblichen Zuwachs an der Bevölkerung erhalten hat.
Durch die im  Berichtsjahre beendete Trottoirlegung auf der Eisenbahnstraße sowie infolge der von den Besitzern an der neuverlängerten Hedwigstraße, der Allee- und Kirchstraße freiwilligen und in der älteren Hedwigstraße auf Grund regulativmäßiger dergleichen Herstellung ist begonnen worden, so daß auch die Belegung der übrigen Fußwege mit Granitplatten sich nach und nach in gleicher Weise vollziehen dürfte.
Infolge der im Berichtsjahre vollführten Pflasterung der Kirch- und älteren Hedwigstraße bleibt nur noch die Pflasterung dreier zur Zeit noch makadamisierten Straßen übrig.
Durch die Bepflanzung der Hedwigstraße mit Akazien, zu welcher noch die Bepflanzung der Kirchstraße mit Platanen kommt, wo bereits zu im Berichtsjahre die Vorbereitungen getroffen worden sind, erhält der Ort eine neue Zierde.
In wohlfahrtspolizeilicher Beziehung ist die erfolgte Regulierung des Aftermieter- und Schlafstellenwesens für das Wohlbefinden der Einwohnerschaft von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit.
Für den Feuerlöschdienst sorgt eine 42 Mann starke wohlorganisierte Feierwehr nebst einer dergleichen über 100 Mitglieder starke ,,Freiwillige Schutzmannschaft bei Feuersgefahr“.
Die Geschäfte des Gemeinderates wurden in 20 Plenarsitzungen erledigt. Weitere 2 anberaumte Sitzungen blieben beschlußunfähig.
Ausschußsitzungen fanden 23 statt, wovon 7 auf den Finanz-, 10 auf den Bau-, 2 auf den Wohlfahrts- und 4 auf den Steuerausschuß entfallen.
Aus dem Gemeinderate schied vor Ablauf seiner Wahlperiode wegen Wegzugs Herr Theodor Thieme, während am Anfange des berichtsjahres die Herren Brähne, Friedrich, Werchau, Hesse und Fischer sowie später an Stelle des Herrn Theodor Thieme Herr Stein neu eintraten; die am Ende des Jahres 1886 auszuscheidenden Herren Windisch, Kallmeier und Gentzsch aber wurden aufs neue gewählt und sind im Gemeinderate verblieben.


Anmerkung 1: Trottoir – erhöhter Fußweg neben der Fahrbahn

Anmerkung 2: makadamisierte Straße – nach ihrem Erfinder Mac-Adam bezeichnete aus einer oder mehreren Schotterlagen von verschiedener Korngröße und Härte bestehende Schotterstraße

Anmerkung 3: zum gewählten und im obigen Teil des Berichts nicht erwähnten Gemeinderatsmitglied Hermann Eichhorn (Sozialdemokrat).  Er war von Beruf Steinmetz, wohnte damals in der Mariannenstraße 27 (BKN 131), das ist das heutige Haus Mariannenstraße 67.
Im Artikel aus der Leipziger Vorstadt-Zeitung, 9(1887), Nr. 18, vom 4. Februar 1887 heißt es:
,,Lokales. Neustadt. … Ich muss hier konstatieren, daß ich weder in roten Manschetten noch in roter Krawatte in die Sitzung [des Gemeinderates] gegangen bin und alles was hierüber verbreitet wurde erlogen ist. Das ganze kindische Vorgehen ist für einen Mann zum Lachen; das mag sich auch der Schreiber der betreffenden Korrespondenz gesagt sein lassen. Meinen Wählern zur Kenntnis, daß ich nach Austrag dieser Angelegenheit im Gemeinderat denselben bez. Mitteilung machen werde.    H. Eichhorn“

Weil der konservativ eingestellte Neustädter Gemeinderat eine Gemeinderatssitzung mit dem sozialdemokratischen Wählervertreter Hermann Eichhorn ablehnte, wurden zwei Gemeinderatssitzungen wegen seiner Teilnahme abgebrochen. Im Gemeinderatsbericht wurden diese wie man oben lesen kann, als ,,beschlußunfähig“ mit erwähnt.
In der Leipziger Vorstadt-Zeitung, Nr. 33, vom 7. März. wird schließlich unter dem Punkt Lokales, Neustadt von der Niederlegung des Gemeinderats-Mandates von H. Eichhorn berichtet und in Nr. 40, vom 16. März ist unter einer amtlichen Bekanntmachung zu lesen:
,,Neustadt. Ergänzungswahlen des hiesigen Gemeinderates … aus der Klasse der Unangesessenen
Clemens Fischer, Schlosser, als Ausschußperson, letzterer ist als Ersatzmann an Stelle des erwählten, indessen zurückgetretenen Steinmetz Hermannn Eichhorn als wirkliches Mitglied einberufen.
14.3.1887. Der Gemeindevorstand Dietrich“


Die Verwaltungsregistrande weist 845, die Armen- bez. Steuer- und Pfändungsregistrande weisen 892 bez. 1588 Nummern nach. Abgänge überhaupt 6767.
An staatssteuerpflichtigen Personen zählte Neustadt 2902, hierzu kamen im Laufe des Berichtsjahres 1039 Personen, dagegen kamen 1029 in Wegfall.
Erstere sind mit einem Gesamteinkommen von 2963099 Mk. veranlagt, wovon
337948 Mk. auf den Grundbesitz,  60584 -„- auf Kapitalzinsen,  2006432 -„- auf Gehalt und festen Lohn,  558135 -„- auf Handel und Gewerbe entfallen.  Die abzugsfähigen Schuldzinsen betragen 188240 Mk.
Hierzu kommen  43 auswärts wohnende Besitzer hiesiger Grundstücke, mit einem hieraus zu versteuernden Einkommen von 95447 Mk. und 19 Besitzer von hiesigen Handels- und Gewerbe-Etablissements mit einem Einkommen von 115700 Mark, so daß als steuerpflichtiges Gesamteinkommen 2986006 Mk. sich ergeben.

Die Einnahme der Steuern und Schulgelder beliefen sich auf 112955 Mk. und zwar:
58771 Mk. Gemeindeanlagen, 1182 Mk. dergl. Reste aus früheren Jahren, 26077 Mk. Staats-Einkommensteuer, 5563 Mk. Grundsteuer, 6164 Mk. Brandkassenbeiträge, 263 Mk. katholische Kirchenanlagen, 140 Mk. Handels- und Gewerbekammern-Beiträge, 13785 Mk. Schulgeld, 1010 Mk. dergl. Reste aus früheren Jahren.
Zahlungsauflagen wurden 5795 erlassen, wofür an Gebühren 567 Mark eingegangen sind. An Hundesteuern wurden 990 Mk. vereinnahmt. Requisitionen wegen Steuerrückständen sind 288 an auswärtige Behörden ergangen.
An Abgaben bei Besitzveränderungen wurden 2249 Mk. vereinnahmt. Der Vollstreckungsbeamte erhielt 1398 Pfändungsaufträge und erlangte 5262 Mk.
Unterstützungen wurden gewährt an 51 Personen, davon sind 21 Ortsangehörige, 9 Landarme und 21 anderwärts Ortsangehörige. Außerdem sind für 21 Kinder Ziehgelder zu zahlen gewesen. Davon sind 14 Ortsangehörige, 2 Landarme und 5 anderwärts Ortsangehörige. Ferner sind 9 Personen an andere Armenverbände, innerhalb derselben wohnhaft, hier aber ortsangehörig, Unterstützungen gewährt worden.

II. Polizieiverwaltung.
Die Registrande II. weist 2721 Nummern auf.
Die Sportelkasse vereinnahmte in 4763 Posten 3193 Mk. 10 Pf.
Anmeldungen sind 2112, dagegen Abmeldungen 1546 zu verzeichnen. Ausgestellt wurden: an Wohnungsanmeldescheinen 1796, an Verhaltscheinen und Führungsattesten 906, an Beglaubigungen 116, an Dienstbüchern 49, an Arbeitsbüchern 122, an Arbeitskarten 2, an Gewerbeanmeldescheinen 116, an Musik- und Tanzerlaubnisscheinen 171, an Armutszeugnissen 67, an Zeugnissen und Bescheinigungen verschiedener Art 162, Reisepässe fürs In- und Ausland 124. Strafverfügungen wurden 394 erlassen, wofür 1051 Mk. Strafgelder vereinnahmt wurden.
Die Impfliste ergibt 1080 Nummern. An Abstempelungen der Polizen sind 183 Mk. 75 Pf. vereinnahmt.
Bei der hiesigen Meldestelle für die Ortskrankenkasse zu Leipzig wurden 853 Personen an- und 762 Personen abgemeldet.
Neubauten wurden 20 angemeldet. Hiervon sind 12 Gebäude fertiggestellt und bezogen worden.
Die am Jahresschlusse vorgenommene Zählung ergab 9005 Personen, welche in 220 Vorder- und 58 Hintergebäuden wohnen.
Bei der am 21. Februar stattgefundenen Reichstagswahl übten von 1744 Wahlberechtigten 1434 die Wahl aus, während bei der Landtagswahl am 18. Oktober von 1110 Wahlberechtigten 602 Wähler von ihrem Rechte Gebrauch machten.

III. Standesamt.
Registrande: 219 Nummern.
Die Amtshandlungen bestanden in 435 Geburtseinträgen gegen 451 im Vorjahre, 73 Aufgebotsverhandlungen gegen 74 im Vorjahre, 70 Eheschließungen gegen 72 und 221 Sterbefälle gegen 230 im Vorjahre.
Geburtsurkunden sind 82, Heiratsurkunden 12, Sterbeurkunden 148 und standesamtliche Ermächtigungen 4 ausgefertigt worden.
An Standesamtgebühren wurden 128 Mk. 25 Pf. vereinnahmt.


Anmerkung 4: Sportelkasse – Kasse für Nebengebühren bei Gerichtsämtern oder Verwaltungsbehörden.

Anmerkung 5: Am 10. Oktober 1887 erfolgte auf dem Areal des früheren Dampfsägewerks von Gustav Adolph Glitzner im benachbarten Neuschönefeld zwischen Eisenbahnstraße 31 und Sophienstraße 13/14 die Eröffnung des Marienbades.
Leipziger Vorstadt-Zeitung, am Mittwoch, den 12.10.1887:

,,Größtes Schwimmbassin mit elektrischer Beleuchtung.
… Herr Glitzner machte Studienreisen, aus deren Frucht das am vorigen Montag eröffnete, zu Ehren der Frau Marie Glitzner ,,Marienbad“ benannte Bad zu betrachten ist.
Sein Bassin ist 22,50 Meter lang und 11 Meter breit, mithin noch einmal so groß wie das Bassin des Sophienbades und einenhalbmal größer als das des Dianabades. Der Wasserstand beträgt an der flachsten Stelle 0,75 Meter, an der tiefsten etwas über 3 Meter. Es enthält 550 Kubikmeter Wasser.
Die Wellenvorrichtung, von Bachmann & Reuter in Reudnitz gefertigt, wirkt stärker als die uns bekannten und befriedigt in hohem Maße.
Die Beleuchtung geschieht durch zwei große Bogenlichter, in den Zellen und Korridoren werden Glühlichter verwendet.“

→ Siehe auch Beitrag über das ,,Marienbad“ im Leipziger Osten.

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