Hier lockte die Lok

… Leipzig, Neustädter 30

Heute wird es nicht richtig hell, es herrscht (so typisches) vorweihnachtliches und kaltes Nieselwetter. Da geh ich freiwillig nicht raus, sondern krame mal in meinen Erinnerungs-Kartons. Dabei habe ich einen Brief aus dem Jahr 1991 von Gabriele Israel aus der Neustädter 30 mit einem alten Foto entdeckt.
Eine sehr interessante Sache !
Die Neustädter 30 ist gegenwärtig (Bild rechts) eine trostlose Ruine, selbst alte Inschriften sind Dank ,,künstlerischer“ Schmierereien kaum noch lesbar.
Gibt’s da noch mehr zu entdecken?

Ein Brief mit Bild

Text aus dem Brief von G. I. [um 1991]
,,Das beiliegende Foto ist vermutlich im Jahr 1938 aufgenommen und zwar im Gastraum ,,Zur Lokomotive“ in der Neustädter Str. 30!
Die Wirtsleute der ,,Lokomotive“ hießen Vetter. Ich nehme an, daß die junge Frau vorn (mit weißem Kragen) eine Tochter der Wirtsleute ist. Sie oder eine andere der Familie, lebt ja noch in unserem Wohnviertel und hat lange Zeit bei der Firma Dittmann gearbeitet. In der Mitte des Fotos ist meiner Meinung nach der Hausbesitzer Neust. 30, Herr Mundhenke, Otto, die Frau daneben eventuell seine Frau Emma. An der Theke (umarmt) Frau Sattler. Dahinter Hedwig Thomas mit ihrem Verlobten Walter Strohschneider.
Viele Arbeiter und vor allem arme Leute des Wohngebietes trafen sich gern mal ,,bei der alten Vettern“ zu einem Skat, einem Bier, einem Schwatz. Es soll immer reges Treiben in der ,,Lokomotive“ geherrscht haben.
Nachdem Frau Strohschneider gestorben ist, habe ich nach und nach ihre Briefe und Fotos aus den alten Zeiten gesichtet und weitergegeben oder verbrannt.
Gabriele Israel, Neust. 30″

Anmerkungen von mir:
1. Auf der linken Seite das genannte Bild vom fröhlichen Beisammensein in der ,,Lokomotive“.
2. Das Bild stammt nicht aus dem Jahr 1938, sondern aus dem Jahr 1940: hinter der Theke hängt ein Kalender für das Jahr 1940 an der Wand!
3. Zum Vergleich habe ich rechts den Eintrag Neustädter Str. 30 aus meiner Kopie vom Leipziger Adreß-Buch für das Jahr 1941 gegenübergestellt. Darin werden auch die Namen Mundhenke, Sattler, Thomas  und Vetter genannt.
4. Im Hintergrund an der Wand ist eine Urkunde für der ,,Lokomotivführer“ Wilhelm Vetter zu sehen. Ich denke, dass es da weniger um richtige Lokomotiven ging, sondern mehr um den Chef der Gaststätte als ,,Führer“ (vielleicht sogar als ironischer Seitenhieb auf politische Verhältnisse, wer weiß?).
5. Im Adressbuch für das Jahr 1947 taucht im Eintrag für dieses Haus auch eine Frau Hedwig Strohschneider auf. Offenbar hatten die Verlobten geheiratet und nach dem Krieg wohnte die Witwe (?) hier allein. Als Gastwirtin wird im Jahr 1947 Klara Vetter angegeben.

Historisches zur Neustädter 30

Das Haus in der Neustädter 30 ist schon sehr alt.
Laut den Nachträgen Nr. 96 und 98 im Flurbuch vom Rittergut und Dorf Schönefeld bei Leipzig aus dem Jahr 1870 erfolgte der Neubau eines ersten Wohnhauses auf der damaligen Parzelle 181 x am  17.12.1870 auf den Namen des Besitzers Friedrich Wilhelm Schuman. [Quelle #1]

Im Jahr 1874 wohnten in diesem Haus Neuer Anbau, Schönefeld Nr. 50 (später unter der BKN – Brandkatasternummer 50) insgesamt 40 Einwohner, davon waren 26 Kinder und zwar
8 Kinder unter 6 Jahren,
9 Kinder unter 14 Jahren und
9 Kinder über 14 Jahren. [Quelle #2]

Wie aus der Bebauungsskizze aus dem Jahr 1874 (rechts) ersichtlich, befand sich der älteste Teil dieses Hauses Nr. 50 damals direkt an der Mariannenstraße. Die hier genannte Haupt-Straße entspricht der heutigen Neustädter Straße.

Im Adreßbuch der Vororte von Leipzig für das Jahr 1880 sind die Häuser des Neuen Anbaus von Schönefeld bereits straßenweise durch nummeriert. Damit wurde das Haus mit der ehemaligen Nr. 50 zum Haus Hauptstraße 7. Als Hausbesitzer ist Wilhelm Schuhmann (mit ,,h“) als Productenhändler und Restaurateur eingetragen. [Quelle # 3]

Vermutlich hieß das Restaurant damals bis zum Jahr 1890 ,,(zur) Schneidemühle; denn gegenüber befand sich ja seinerzeit das Sägewerksgelände der Fa. Bäßler & Bomnitz, die Schneidemühle. Diese Bezeichnung läßt sich zumindest in der Adressbüchern für die Ostvororte Leipzigs für die Jahre 1888 und 1889 in der Hauptstr. 6 nachweisen. Als Restaurateur war in dieser Zeit Friedrich Tutzschke tätig und ich vermute, dass mit Abbruch und Umzug des Sägewerks im Jahr 1889 auch der Name der Restauration von ,,Schneidemühle“ in ,,zur Locomotive“ wechselte. [Quelle #4]

In den Folgejahren wechselte die Restauration zwar hin und wieder den Gastwirt, war aber immer als Schänkwirthschaft in Nutzung: Fr. E. Roschlau (1890 bis 1892), Johann Wilhelm Klepel (1893 bis 1897) und Franz Pauling (1898 bis 1919). Letzterer war über zwanzig Jahre Gastwirt im Restaurant zur Lokomotive. Ab dem Jahr 1902 wurde die Neustädter Hauptstraße in Neustädter Straße umbenannt und das Haus mit der BKN 50 wurde mit der Nr.  30 bezeichnet.
Zum Jahreswechsel 1906/07 konnte man am 31.12.1906 in der Leipziger Volkszeitung einen kleinen Neujahrs-Glückwunschartikel lesen:

Und in meinem Fundus habe ich noch eine alte Postkarten-Kopie von der Restauration ,,Zur Locomotive“ aus dem Jahr 1908 entdeckt – rechts daneben der Eintrag Neustädter Str. 30 aus meiner Kopie vom Leipziger Adressbuch für das Jahr 1909:

Als Hauseigentümer und Gastwirt ist Franz Pauling vermerkt. Interessant ist auch die der Eintrag von A. Zeilinger als Schriftsetzer in der 3. Etage. Auch im Adressbuch für das Jahr 1941 (siehe oben) und auch im Jahr 1947 ist im Adressbuch in der Neustädter 30 eine Frieda Zeilinger als Witwe eingetragen, vielleicht war das seine Frau (?).

In den zwanziger Jahren wechselten die Gastwirte in der Lokomotive wieder öfter: E. Zacher (1920 bis 1925), E. Kießling (1926), Conrad Kießler (1927), Otto Mundhenke und Nikolaus Rüdell (1928 bis 1929), Richard Richter (1930) und Willy Uhlig (1931).

Ab dem Jahr 1932 übernahm Wilhelm Vetter das Restaurant Zur Lokomotive, im Adressbuch nachweisbar bis zum Jahr 1943. Otto Mundhenke war ab dem Jahr 1928 Eigentümer des Hauses Neustädter 30. [Quellen für Adressbuch-Angaben #5]

Im ersten Adressbuch nach dem 2. Weltkrieg im Jahr 1947 waren im Haus Neustädter 30 folgende Einwohner aufgeführt:

Rudolph, Gertrud
Rudolph, Kurt Friseur
Ludwig, Walter Schlosser
Riede, Paul Rentner
Freier, Erich MaschSchloss
Sattler, Max Dreher
Lau, Bruno Glasreinig
Strohschneider, Hedwig Buchhalt
Vetter, Klara Gastw
Zeilinger, Frieda
Müller, Rudolf Photolithogr
Mundhenke, Otto Postfacharb

Was bleibt

Zumindest bis Mitte der 1990er Jahre war das Haus Neustädter 30 wie wir aus dem Brief von Gabriele Israel wissen noch teilweise bewohnt und ich denke so etwa ab der Jahrtausendwende stand das Haus leer. Ab dem Jahr 1993 wurde das Haus Neustädter Str. 30 übrigens in die Liste der sächsischen Kulturdenkmale unter der Objekt-ID 09293542 aufgenommen – vielleicht wäre es sonst auch schon längst abgerissen worden.

Ein Foto vom September 2008 läßt sich heute noch aus den älteren Aufnahmen von Google-StreetView entnehmen, siehe folgendes Bild links. Auf dem Bild habe ich das Doppelhaus mit dem älteren Teil an der Mariannenstraße und dem neueren an der Neustädter markiert. Beide Häuser stehen zwar leer, aber das Dach scheint zumindest gesichert gewesen zu sein. Rechts ein Vergleichsbild, das ich im Juli 2016 bei der Recherche zu den Neustädter BKN-Häusern aufgenommen hatte.

Im Jahr 2012 konnte man an der Fassade noch das ein oder andere Detail erkennen. Bert Hähne hat mir ein Bild aus dem Artikel ,,Bejahrte Bieretiketten I“ von Geheimtipp Leipzig zur Verfügung gestellt. [Quelle #8]

Auf diesem Bild (unten, links) kann man an der Hausseite zur Mariannenstraße noch Teile der alten Reklame der ehemaligen Connewitzer Brauerei  Ermisch Kronenbräu (Biedermannstraße) erkennen: (Ermisch) / Kronen Lager Bier / Bayrische Biere

Eine aktuelle Aufnahme (Bild, rechts) zeigt diesen ,,künstlerisch“ umgestalteten Fassadenteil des denkmalgeschützten Gebäudes. Ohne Sinn und Verstand – würde ich sagen!


Quellenangaben:

#1   Flurbuch über das im II. Steuerkreise im Stadtbezirke Leipzig liegende
Rittergut und Dorf Schönefeld bei Leipzig, 1840
#2   Acten im Intereße des Schönefelder Neuen Anbaues, Vol. I, Ergangen im Jahre 1873 bis Juli 1876,
Wohnungsliste in Schönefeld neuer Anbau, August 1874
#3   Adreßbuch der Vororte von Leipzig [für das Jahr 1880], Kopie Neuer Anbau von Schönefeld
#4   Adressbüchern für die Ostvororte Leipzigs für die Jahre 1888 und 1889, online SLUB Dresden
#5   Leipziger Adressbücher der Jahre 1890, 1892, 1909, 1919, 1920, 1925, 1926, 1927, 1928, 1930, 1931, 1938, 1941, 1943, 1947, 1949, online SLUB Dresden
#6   Zeitungsausschnitt aus der LVZ, vom 31.12.1906
#7   Liste der Kulturdenkmale in Neustadt-Neuschönefeld – Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Neustadt-Neusch%C3%B6nefeld
#8   Geheimtipp Leipzig, Bejahrte Bieretiketten I (1912): https://geheimtipp-leipzig.de/bejahrte-bieretiketten/

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