Mails from OZ (part 2)

Fotos von alten Bekannten

Sean hat mir noch ein paar weitere interessante Bilder vom Leipziger Osten aus Australien ge-mailt. Diese hatte er im Sommer des Jahres 1990 von der Breiten Straße aus aufgenommen. Das ist die Gegend um die ,,Grüne Schänke“ wie der Leipziger so sagt.  Dazu zählt auch der Bildausschnitt (rechts) mit den grauen Fassaden, vielen Trabbis, Ostautos, einer ,,Barkasse“ und dem Blick nach Süden zur Riebeckbrücke.  Was da so auf seinen Bildern zu sehen ist, was es mit dieser Grünen Schänke so auf sich hat und wie es heute dort so aussieht – Überraschung droht … !

An der Ostseite der Breiten Straße liegt ein kleiner Park, der nur selten auf heutigen Stadtplänen verzeichnet ist: der Ramdohrsche Park.

Dort am Parkrand hatte Sean bei der ersten Aufnahme gestanden, von der auch der Bildausschnitt oben stammte.

Das Bild zeigt den linken (westlichen) Straßenabschnitt der Breiten Straße, von der Ecke zur Crottendorfer Straße bis zum Täubchenweg. Das betrifft im Bild von rechts nach links die Häuser Breite Straße vom Eckhaus Nr. 22 bis zur Nr. 32. Diese Häuser wurden alle vor 1890 gebaut. Besonders hervorzuheben die alten Landstraßenhäuser Nr. 24, Nr. 26 und Nr. 28, die vor dem Jahr 1880 bereits auf alten Karten zu sehen sind. Weil es die meisten der Häuser links von der Nr. 22 bis zum Täubchenweg heute nicht mehr gibt, habe ich einen alten detaillierten Plan der Stadt Leipzig, herausgegeben vom Tiefbauamt aus dem Jahr 1908 (aus dem Fundus meines Großvaters Gerhard) hinzugezogen, um die einzelnen Häuser zuzuordnen, siehe Kartenausschnitt mit einkopierten Hausnummern und den alten Gemeindegrenzen rechts.

Mehr zur Geschichte, Handel und Gewerbe in diesen Häusern habe ich bereits im Beitrag ,,Geteilter Anger“ beschrieben, bei Bedarf einfach mal rüberschaun.

Mitte September 2017 habe ich an der Breiten Straße ein aktuelles Bild aufgenommen. Anstelle der alten Häuser ist auf der rechten Straßenseite ein Pflegestift entstanden. Den Bildausschnitt links habe ich von einer GoogleEarth-Aufnahme aus dem Jahr 2006 entnommen. Darauf kann man teilweise noch Abriss-Brachflächen, z.B. von den alten Landhäusern Nr. 24 bis 28 und noch nicht abgerissene ältere Bebauungen erkennen, z.B. am oberen Bildrand die Hofbebauung der Breiten Straße Nr. 5 und 7 (dazu gleich mehr).

Übrigens ist eine ähnliche Aufnahme der alten Landstraßenhäuser auch im Beitrag ,,Geteilter Anger“ zu sehen, siehe Bild links. Das Foto mit den ,,teil-begrünten“ leerstehenden Häusern stammt von Lutz Göschel. Er hatte es kurz nach der Wende im Jahr 1990 in der Breiten Straße von der Ecke Zweinaundorfer Straße mit Blick nach Norden, in Richtung zur Grünen Schänke, aufgenommen.

An dieser Stelle ein paar Anmerkungen zur Grünen Schänke. Die Grüne Schänke war eine bereits um 1700 erwähnte, inzwischen längst abgerissene Gaststätte im Ortsteil Anger vor den einstigen Toren der Stadt. Sie lag damals an einer Straßenecke der alte Landstraße, die von Leipzig über Wurzen, Oschatz und Meißen nach Dresden führte. Nach mehreren Umbauten rückten Restaurant und Ballsaal hinter die mehrgeschossigen Häuser an der Breiten Straße. Genauer gesagt: die ,,Grüne Schänke“ hinter die Häuser mit der Straßennummer 1 bis 5 und die benachbarte Restauration ,,Drei Mohren“ hinter das Haus Nr. 7. Unten links: ein Ausschnitt aus der LVZ vom 12 . Januar 1912 zeigt, dass in diesen Ballsälen Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts immer was los war.

Obwohl in den 1970er/80er Jahren in der Grünen Schänke kein Gastronomiebetrieb mehr stattfand, wurde die Gegend unter den Leipzigern mit ,,an der Grünen Schänke“ beschrieben. Und das wird, zumindest bei eingeborenen Leipzigern auch heute noch so verwendet, obwohl es gar keine Grüne Schänke mehr gibt.     🙂

Nahezu legendär war die Straßenkreuzung an der Grünen Schänke. Dort gab es bis zum Ende der 1980er Jahre die letzte große Straßenkreuzung ohne Verkehrsampel, nur mit Postenregelung und der Spezialität ,,Dreiseitensperrung“. Da musste damals jeder Leipziger Fahrschüler mindestens während der Fahrstunden oder (wie ich) sogar zur Fahrprüfung durch.

Ende der 1980er Jahre sind meine Frau und ich auf der Suche nach brauchbaren und preiswerten Gebrauchtmöbeln auch in einer Lagerhalle eingangs der Breiten Straße gewesen. Der Tordurchgang war rechts am Eckhaus Nr. 1. Die große, sehr in Mitleidenschaft gezogenen Möbel-Lagerhalle entpuppte sich als ehemaliger Ballsaal der Grünen Schänke, mit marodem Parkettboden und undichtem Dach. In den Einen Teil dieser Hofbebauung  kann man noch auf der oben gezeigten GoogleEarth-Aufnahme (von 2006) erkennen.

Das Bild unten rechts zeigt die aktuelle Bebauung Eingangs der Breiten Straße / an der Grünen Schänke.

Links, heute zum Ortsteil Reudnitz-Thonberg gehörend, das Eckhaus Breite Straße/Geyerstraße
Nr. 8   im Jahr 1899 gebautes Miethaus in halboffener Bebauung mit Läden (Klinkerfassade; Holztäfelung und Stuck im Eingang), Kulturdenkmals-ID: 09293664.

Von der Bildmitte nach rechts gehören die Häuser der Breiten Straße zum Ortsteil Anger-Crottendorf:
Nr. 5   in den 1870er Jahren gebautes Mietshaus in halboffener Bebauung mit Hofpflasterung und Giebelwerbung (Putzfassade mit Sandsteingliederung), dahinter im Hof früher der Ballsaal ,,Grüne Schänke„, Kulturdenkmals-ID: 09293660 und rechts bis zum  Bildrand,
Nr. 7   in Jahr 1898 gebautesMietshaus in geschlossener Bebauung mit Tordurchfahrt (zum ehemaligen Ballsaal ,,Drei Mohren„), mit Hinterhaus und Hofpflaster (Putzfassade; geätzte Treppenhausfenster; Windfangtür), Kulturdenkmals-ID: 09293662.
[Quelle: Wikipedia Liste der Kulturdenkmale, ID – vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen vergebene Objekt-ID des Kulturdenkmals]

*****

Aber, zurück zum Aufnahme-Standort am Ramdohrschen Park. Dort am Parkrand hatte Sean auch bei der zweiten Aufnahme gestanden, mit Blick nach Westen in Richtung der Leipziger Innenstadt.

Das folgende Bild links, aus dem Jahr 1990, zeigt einen Teil der ominösen Straßenkreuzung an der Grünen Schänke. Im Vordergrund ist ein Stück (der Anfang) der Breiten Straße zu sehen, von links nach rechts die Gebäude und Einfahrt zum ehemaligen Reudnitzer Straßenbahnhof. In Bildmitte folgt die ,,Straße der Befreiung 8. Mai 1945″. Das war für die Anwohner ein ,,Wortungetüm“ auf Briefumschlägen und auf behördlichen Formularen – heute heißt sie wieder schlicht und kurz: Dresdner Straße. Und rechts die alte Reudnitzer Bebauung bis zum Haus Kapellenstraße Nr. 22, als Eckhaus zur Erich-Ferl-Straße [heute wieder Wurzner Straße]. Zum Eckhaus Nr. 22 und der alten Bebauung kann man im Beitrag ,,Spitzenbild …“ nachschlagen.

Besonders zu bemerken: es fährt hier eine Tatra-Straßenbahn der Linie ,,44″. Leider läßt sich aus meinen Unterlagen nicht mehr nachvollziehen, welche Strecke diese Bahn im Linienverkehr gefahren ist. Hier kommt sie offensichtlich aus Richtung der Breiten Straße (aus Stötteritz) und fährt, vielleicht als E-Bahn (Einsatz-Wagenzug) oder als Verstärkung im Berufsverkehr in Richtung Innenstadt. Ich habe mal in meinen Unterlagen nachgeschlagen, welche Straßenbahn-Linien im Jahr 1990 in der Gegend an der Grünen Schänke gefahren sind:
Linie 4   zwischen Stötteritz und Knauthain,
Linie 6   zwischen Paunsdorf-Nord und Gohlis, Landsberger Straße,
Linie 8   zwischen Anger-Crottendorf und Lausen,
Linie 20   zwischen Probsthaida und Gohlis-Nord und
Linie 22   zwischen Dölitz und Thekla, bog von der Breiten Straße nach rechts in die Ferlstraße ab.

Das rechte Bild ist eine aktuelle Aufnahme, die ich Mitte September 2017 etwa von gleichen Aufnahme-Standort am Ramdohrschen Park gemacht habe. Das für Leipzig zu DDR-Zeiten typische Häuser-Grau hat sich gewandelt – inzwischen sind fast alle Häuser im Bildbereich saniert, hell und schmuck.

Das Leipziger Straßenbahnnetz wurde im Jahr 2001 stark umgestaltet, angepasst bzw. ausgedünnt. Heute fahren hier daher nur noch die Straßenbahnen der
Linie 4   zwischen Stötteritz und Gohlis, Landsberger Straße und
Linie 7   zwischen Sommerfeld und Böhlitz-Ehrenberg.
Auf dem Bild ist übrigens eine neue XL-Straßenbahn der Linie 4 zu sehen.
Teilweise wurden Straßenbahnen aber durch Buslinien ersetzt bzw. ergänzt – heute fahren hier die Buslinien 70, 72 und 73.

Hinweis:
siehe auch vorheriger Beitrag über Bilder von Sean aus der Wendezeit zu Häusern in der Lilienstraße im Leipziger Osten: Mail from OZ (part 1)


Quellen:

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