neue Namen brauchte das Land …

Straßenumbenennungen im Leipziger Osten, 1945

Über die Straßenumbenennungen in Leipzig zur Wendezeit (um 1990 herum) wurde viel geredet, geschrieben und diskutiert. Das war unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg anders – die Einwohner hatten damals andere Sorgen …

Sie kampierten in kaputten Häusern, hatten Hunger, es war kalt und die Infrastruktur lag am Boden. Mein erster schlichter Stadtplan nach dem Krieg stammt vom Paul List-Verlag aus dem Jahr 1947 und ist auf sehr bröseliges Papier gedruckt. Es gab offenbar kein besseres Papier in der ehemaligen Buchmetropole. In diesem Beitrag soll es um meine ersten Stadtpläne nach dem Krieg und die Straßenumbenennungen, speziell im Leipziger Osten gehen.
Mein Vater war zum Kriegsende kriegsdienst-verpflichtet (zur Dienstleistung ,,beurlaubt“ wie es so prosaisch hieß) in Berlin und hat die offiziellen Lagemeldungen über den Leipziger Raum im April 1945 in seinem Taschenkalender notiert, Kopie rechts. In Leipzig war bekanntlich bereits am 19. April 1945 der Krieg zu Ende, die Stadt wurde von amerikanischen Truppen besetzt.

Straßenumbenennung zu Ersten

Die alten NS-Verwaltungsstrukturen wurden noch Ende April aufgelöst, eine Militärregierung eingerichtet und einen Monat später, am 19. Mai 1945, erfolgte eine erste Durchführungsbestimmung zur Rückbenennung solcher Straßen und Plätze , die während der Nazizeit nach NS-Personen benannt worden waren.

Im Leipziger Osten (Neustadt, Neuschönefeld, Volkmarsdorf und angrenzendes Reudnitz) betraf das meiner Kenntnis nach nur eine Straße und einen Platz:

  • Alfred-Kindler-Straße rückbenannt in Kirchstraße
  • Horst-Wessel-Platz rückbenannt in Volkmarsdorfer Markt

Straßenumbenennung zum Zweiten

Nachdem Anfang Juli 1945 die amerikanischen durch sowjetische Besatzungstruppen abgelöst worden waren, kam es am 01.08.1945,  veröffentlicht im Informationsblatt Nr. 16 der Stadtverwaltung  Leipzig, zu weitaus größeren Straßenumbenennungen – auch im Leipziger Osten:

Neustadt/Neuschönefeld

  • Eisenbahnstraße in Ernst-Thälmann-Straße
  • Kirchstraße in Hermann-Liebmann-Straße
  • Tauchaer-Straße in Rosa-Luxemburg-Straße
  • Adelheidstraße in Otto Runki-Straße

Volkmarsdorf

  • Ewaldstraße in Dornbergerstraße
  • Volkmarsdorfer Markt in Ernst-Thälmann-Platz
  • Wurzner Straße in Erich-Ferl-Straße

Wie man sieht: viele Straßen wurden nach kommunistischen und sozialdemokratischen Politikern und Widerstandskämpfern umbenannt. Viel von Ihnen hatten während der NS-Diktatur ihr Leben verloren.

Links oben, der Plan der Stadt Leipzig aus dem Jahr 1947, ohne Angaben der Straßenbahn-Liniennummern. Im Fahrbetrieb der Straßenbahnen gab es noch erhebliche technische Schwierigkeiten, so dass es nur sehr langsam zu einem regulärem, fahrplanmäßigen Verkehr kam.
Rechts, der Plan der Messestadt Leipzig zur Frühjahrsmesse 1949. Auf dessen Rückseite ist neben den wichtigen Angaben zu den Lebensmittel-Kartenstellen (eine davon auch im Leipziger Osten) auch ein kleines Verzeichnis umbenannter Straßen und Plätze von Leipzig aufgelistet – bis dahin gab es insgesamt 119 Umbenennungen.

Straßenumbenennung zum Dritten

Wer aufmerksam die beiden alten Stadtplan-Ausschnitte betrachtet, wird feststellen, dass z.B. die Dresdner Straße im nördlichen Reudnitz und die Neustädter Wissmannstraße noch nicht gleich im Jahr 1945 umbenannt wurden. Das geschah erst nach Gründung der DDR im Jahr 1950 und betraf im Leipziger Osten folgende Straßen:

  • Wissmannstraße in Schulze-Delitzsch-Straße
  • Dresdner Straße in Straße der Befreiung 8. Mai 1945
  • Marschallstraße in Husemannstraße

Auf meinen Plan der Messestadt Leipzig aus dem Jahr 1953 sind schließlich alle umbenannten Straßen zu sehen. Für Leipzig sind auf der Kartenrückseite insgesamt 286 ( ! ) umbenannte Straßen und Plätze verzeichnet.

Beinahe hätte ich’s vergessen – zur Ergänzung noch eine Bahnhofsumbenennung:
der Reichsbahn-Haltepunkt Leipzig-Alfred-Kindler-Straße an der Brücke nach Schönefeld war natürlich im Mai 1945 auch in Leipzig-Kirchstraße rückbenannt worden.

Die Brücke hieß vermutlich auch ,,Kindler“-Brücke und wurde auch mit umbenannt – dass kann ich aber nicht genau nachvollziehen. Im August 1945 wurde der Haltepunkt erneut umbenannt in Leipzig-Schönefeld, siehe Kartenausschnitt 1947 und auf dem Kartenausschnitt aus dem Jahr 1953 ist er schließlich als Haltepunkt Leipzig-Ost verzeichnet. Und so hieß er ja auch bis zu seiner Schließung Ende des Jahres 2012. Aber vielleicht wird er zukünftig wieder revitalisiert, wenn die zweite Tunnelröhre den Osten und Westen Leipzigs unterquert …    😉   🙂   😉

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