Wintergarten-Kino: 1909 bis 1989 (Teil 1)

Warum repariert mich keiner?

Das ist eine interessante Geschichte, denn ich weiß nicht, wie sie zu Ende ging …
Die Adresse Eisenbahnstraße 56 – war einst ein Tanzsaal und wurde dann ein Kino. Es gehörte in seiner Blütezeit zu den fünf größten Kinos von Leipzig. Zum Ende der DDR-Zeit hin wurde der bauliche Zustand peu à peu immer schlechter, bis es im Frühjahr 1989, kurz vor der Wende, schließlich geschlossen wurde und Mitte der 90er Jahre abgerissen. Was gibt es über dieses Kino so alles zu berichten? Gemeinsam mit der Journalistin Kristin Vardi [# 1] versuchen wir mal der Sache auf den Grund zu gehen …

KINO-Mania an der Eisenbahnstraße

Dabei gab es auf der heutigen Eisenbahnstraße zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur das  Wintergartenkino, sondern zugleich das Kino Lipsia Neustadt, die Weiße Wand II, das Kino Ost-Passage-Theater, das  Ostendtheater, das Fortuna-Kino und auch davon nicht weit, das noch heute bestehende Kino Regina Palast auf der Dresdner Straße 56. [# 1, # 2]
Warum gab es denn derart viele Kinos im Leipziger Osten?
Wir vermuten, es liegt einfach daran, dass das Gebiet links und rechts der Eisenbahnstraße durch seine sehr dichte und kleinteilige Bebauung früher eine der bevölkerungsreichen Gegenden von Leipzig war. Dem Adressbuch der Stadt Leipzig aus dem Jahr 1910 ist zu entnehmen, dass von den fünf bevölkerungsreichsten Straßen Leipzigs allein drei (Eisenbahnstr., Ludwigstr. und Mariannenstr.) im Leipziger Osten, im Areal der Eisenbahnstraße zu finden waren: und so war kein Kino zu viel!

Vor-Film
Auf dem Grundstück der Eisenbahnstraße Nr. 56 wurde im Mai 1851 die erste Schankwirtschaft der Gemeinde Neuschönefeld mit der Bezeichnung ,,Zum Bergschlößchen” eröffnet. Im Saal dieser Gastwirtschaft fanden bis zur Eingemeindung von Neuschönefeld zu Leipzig im Jahr 1890 regelmäßig die Gemeinderatssitzungen und auch Tanzveranstaltungen statt. Dieser alte Saal-Anbau ist auf dem detaillierten Plan der Stadt Leipzig aus dem Jahr 1908 gut zu erkennen (Bild, links). Der um ein Teil des Grundstücks Nr. 58 um etwa ein Drittel erweiterte Kinosaal ist auf einem Stadtplan aus dem Jahr 1929 gut auszumachen (Bild, rechts). In unmittelbarer Nachbarschaft gab es ab dem Jahr 1912 auch ein Konkurrenzkino, das zuerst als ,,Ost-Passage Theater“ eröffnete und ab 1918 bis zu siner Schließung 1962 als ,,Lichtschauspielhaus“ bezeichnete Kino in der Eisenbahnstraße 74.

Das änderte sich im Jahr 1909 – das Kinomagazin „Der Kinematograph“ schrieb in Ausgabe Nr. 150:

#Leipzig. Wie wir erfahren, hat der in Schaustellerkreisen und unter den Kinematographenbesitzern rühmlichst bekannte Direktor H. J. Fey, welcher bereits zwei der grössten und elegantesten Theater in Leipzig besitzt, noch ein drittes unter dem Namen „Wintergarten“ erbaut. Das selbe fasst 1200 Personen und ist mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet. Der Theatersaal mit Galerie und herrlichem Foyer macht einen imposanten Eindruck. Daneben liegen konzessionierte Erfrischungsräume. Eine eigene Kapelle sorgt für künstlerische Musikbegleitung.
Ein Muster-Theater im wahren Sinne des Wortes.
[# 3]

In der Leipziger Volkszeitung stand am 27. November 1909 die rechtsstehende Eröffnungsanzeige: ,,Grösstes kinematogr. Schauspielhaus. Ein Muster-Theater von Eleganz und Luxus. Feenhafte Beleuchtung. Eröffnung mit einem Gala-Doppel-Weltstadt-Programm.“ Da wurde die Werbetrommel heftig gerührt! [# 7]

Das neue Medium Film weckte aber auch kritische Stimmen. In einer Denkschrift, betreffend die Kinematographentheater, die im Auftrage des Präsidiums des Deutschen Bühnenvereins im Jahr 1912 verfasst worden war, wird das ,,Überhandnehmen geschaffener Missstände“ beklagt. Beispielhaft wird das ausgerechnet am kinematographischen Theater „Wintergarten“ in L.-Neuschönefeld anhand eines amtlichen Berichte des Oberwachtmeisters G., an seine vorgesetzte Dienststelle erläutert:
,,Am 19. November 1910 (Totensonntag), hatte der Kinematographenbesitzer Direktor Fey für sein kinematographisches Theater „Wintergarten“ in L.-Neuschönefeld, Eisenbahnstrasse 56, Erlaubnis erhalten, in vorgenanntem Theater mehrere Lichtbildervorträge über Sonne, Mond und Sterne zu veranstalten.
Zu dem am Nachmittag um 1/2 4 Uhr angesetzten Vortrage hatten sich annähernd 750 Kinder sowie etwa 50 Erwachsene eingefunden. Schon bei Beginn des Vortrags war eine derartige Unruhe unter den Kindern eingetreten, dass der Vortragende, sowie die im Theater Angestellten wiederholt zur Ruhe ermahnt hatten.
Bei meinem Hinzukommen, kurz vor 4 Uhr nachmittags, war der Skandal der Kinder so gross, dass es dem Vortragenden nicht möglich war, irgend noch eine Erklärung über die vorgeführten Bilder abzugeben. Bei jedem Bilde, das vorgeführt wurde, wurde seitens der Kinder geschrien, gejohlt, gepfiffen, gezischt und mit den Beinen auf den Fussboden getrampelt.
Um die Ruhe unter den Kindern wieder herzustellen, liess ich sofort den Saal, der bis dahin dunkel war, erleuchten. Hierauf wurden die Kinder von einem Angestellten des Theaters nochmals in energischer Weise im Beisein des Unterzeichneten und eines Wohlfahrtsschutzmanns zur Ruhe ermahnt, worauf der Vortrag von vorn begann. Nunmehr erst konnte der sehr lehrreiche Vortrag ohne Unterbrechung zu Ende geführt werden.

Nachr. G., Oberwachtmeister.“ [# 4]

In den Anfangsjahren des Lichtspiels wurden neben kurzen, bis zu 20 min langen Stummfilmen auch Lichtbilder-Vorträge in den Kinos gezeigt. Die Stummfilme wurden meistens durch Klavierspiel oder kleine Orchester begleitet. Zur passenden Untermalung der verschiedenen Filmszenen wurden dazu häufig Themenlisten verwendet – von fröhlich über ernst und dramatisch bis tragisch. In den Folgejahren hat sich das neue Medium Kino zuerst als in mehreren Akten abgespielter Stummfilm und ab Ende der 1920er Jahre als Tonfilm durchgesetzt. Die anderen Bühnenveranstalter und -betreiber mussten sich mit dieser Konkurrenz im Tagesgeschäft wohl oder übel arrangieren.

Ab 1920 hieß das Kino Wintergarten-Lichtspiele und es gehörte von 1921 bis Kriegsende zum UFA-Konzern. [# 5]
Was liefen damals, in den Goldenen Zwanziger Jahren, so für Filme? In der Zeitschrift Kasino, Leipziger Kinoblätter, kann man z.B. folgendes Programm für Anfang Mai des Jahres 1924 im ,,Lichtspielhaus Wintergarten“ nachschlagen:
2. bis 5. Mai 1924:
Nelly die Braut ohne Mann, Filmspiel in 5 Akten und
Das begrabene Ich, Drama in 5 Akten
6. bis 8. Mai 1924:
Bob und Mary, Filmspiel in 6 Akten und
Menschenopfer, Drama in 5 Akten [# 6]

Wenn man pro Akt eine Filmrolle á 20 min ansetzt, dann dauerte so ein Stummfilm-Filmspiel etwa bis zu einer Stunde.

Unter meinen (wenigen) Originalbelegen habe ich in einer Tageszeitung der Leipziger Neuesten Nachrichten vom 20.März 1942 auf der Rückseite das rechts abgebildete Kinoprogramm entdeckt. Die Kinos im Leipziger Osten habe ich rot eingerahmt:

  • Ufa-Wintergarten, Eisenbahnstr. 56
  • Lichtschauspielhaus, Eisenbahnstr. 74
  • Fortuna-Lichtspiele, Eisenbahnstr. 162
  • Regina-Palast, Dresdner Str. 56

Wie man sehen kann, wurden in diesem dritten Kriegsjahr vor allem Lustspiel-Filme und Verwechslungskomödien gezeigt. Kinovorstellungen im Ufa-Wintergarten lassen sich bis Anfang 1945 durch Veranstaltungshinweise in der Tagespresse belegen.

[Teil 2 folgt hier]


Quellen:
# 1 Leipziger Volkszeitung (LVZ): 11.07.2017, S. 10 Kristin Vardi: Mit allem Komfort der Neuzeit
# 2 Kino-wiki-Eintrag
http://allekinos.com/Leipzig.htm
# 3 Zeitschrift Der Kinematograph Nr. 150/1909
# 4 Denkschrift betreffend die Kinematographentheater, im Auftrage des Präsidiums des Deutschen Bühnenvereins, 1912 aus: http://www.earlycinema.uni-koeln.de/documents/view/4670
# 5 Kinos in Leipzig, Wintergarten
http://filmtheater.square7.ch/wiki/index.php?title=Leipzig_Wintergarten_Neusch%C3%B6nefeld
# 6 Zeitschrift Kasino, Leipziger Kinoblätter, erschienen im Horstmann-Verlag im Mai 1924
nachträglich eingefügt
# 7 Leipziger Volkszeitung: 27.11.1909, vielen Dank an A. Hönemann für diese Werbeanzeige.

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3 Gedanken zu “Wintergarten-Kino: 1909 bis 1989 (Teil 1)

  1. Danke(auch an Frau Vardi) für die Geschichte und die Bilder!
    Ich erinnere mich immer gerne an die Besuche im „Wintergarten“, wenn ich in den 1980ern bei meiner Oma in Neustadt zu Besuch war und habe somit auch eine schöne Erinnerung an meine Oma.

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