geteilter Anger

Der Bildausschnitt mit den ,,teil-begrünten“ leerstehenden Häusern stammt vom einem Foto, dass Lutz G. kurz nach der Wende im Jahr 1990 in der Breiten Straße im Osten Leipzigs aufgenommen hatte. Darauf sind noch die längst verschwundenen  alten Straßenhäuser Breite Straße Nr. 24, 26 und 28 der ehemaligen Gemarkung Anger (damals zu Anger-Crottendorf gehörend) zu sehen.
Was war früher hier los und was ist jetzt daraus geworden?

Zunächst zum Foto aus dem Frühjahr 1990. Es wurde im Leipziger Osten offenbar von der Ecke Zweinaundorfer / Breite Straße mit Blick nach Norden (zur ,,Grünen Schänke“ [früher: Grüne Schenke mit e]) aufgenommen. Weil es die Häuser von links  bis zum größeren Haus nach rechts heute nicht mehr gibt, habe ich einen alten detaillierten Plan der Stadt Leipzig, herausgegeben vom Tiefbauamt aus dem Jahr 1908 (aus dem Fundus meines Großvaters Gerhard) hinzugezogen, um die einzelnen Häuser zuzuordnen, siehe Kartenausschnitt mit einkopierten Hausnummern rechts. Demnach sind auf dem Straßenabschnitt zwischen dem Täubchenweg und der Crottendorfer Straße links die viergeschossigen Häuser Breite Straße Nr. 32 und 30, danach die älteren dreigeschossigen Häuser Nr. 28, 26 (teil-begrünt) und 24 und daran anschließend das Haus Nr. 22 zu sehen. Hinter der Crottendorfer Straße ist das Eckhaus Breite Straße Nr. 16 zu erkennen und quer im Hintergrund die Häuser an der Bernhardstraße.

    Interessantes:

  • im Jahr 1990 entsprach die Bebauung in diesem Straßenabschnitt auf den ersten Blick noch den Angaben vom Plan aus dem Jahr 1908 ( ! ),
  • die Häuser Nr. 24 bis 32 sind, dem äußeren Zustand nach zu urteilen, bereits seit längerer Zeit unbewohnt bzw. unbewohnbar,
  • auf der rechten Straßenseite sind auf dem Foto rechts von der Fußgängerampel noch ein kleines Trafohäuschen und ein größerer Baum am Straßenrand zusehen,
  • auf dem Kartenausschnitt habe ich zur Orientierung auch die Namen der alten Gasthöfe ,,Grüne Schänke “ und ,,Drei Mohren“ mit angegeben – zu letzterem , siehe auch Beitrag Volkmarsdorfer Pflastersteine,
  • rechts unten ist das Haus der 13. Polizeiwache auf der Kreuzung Zweinaundorfer / Breite Straße angegeben in dem mein Urgroßvater Bruno im Jahr 1890 seinen Dienst als Leipziger Schutzmann aufnahm. Die Wache befand sich im alten Schulgebäude des alten Ortsteils Anger in der Zweinaundorfer Straße 1 und
  • Die Bebauung an der Breiten Straße im Leipziger Osten gehörte zum Ortsteil Anger (von Anger-Crottendorf). Das läßt sich anhand der Strich-Punkt-Grenzmarkierung gut erkennen.

Was kann man zu den Häusern und noch erkennbaren Ladenzonen auf dieser linken Straßenseite herausfinden? Ich habe das mal in den Adreß-Büchern der Stadt Leipzig aus dem Jahr 1929 und 1949 für den Straßenabschnitt zwischen der Crottendorfer Straße und dem Täubchenweg nachgeschlagen.

Die Hausnummern 18 und 20 wurden ausgelassen, daher folgt nach der Nr. 16 die
Nr. 22: In der Denkmalsschutzliste wird als Baujahr 1880 angegeben.
1929   Eisenwarenhandlung Alwin Richter (seit 1885)
1949   Eisenwarenhandlung Alwin Richter und Tischlermeister Walter Radloff
Nr. 24: vor 1880 bereits auf Karten zu sehen, mit Hinterhaus
1929   Bäckermeister Junghans
1949   Feinbäckerei und Konditorei Paul Voigtländer, Schuhmachermeister Gustav Rothert, Seifenfabrik Carl Wunderlich, Friseur Fred Tittelbach
Nr. 26: vor 1880 bereits auf Karten zu sehen
1929   keine Angaben
1949   Schuhmacher Paul Andritzki, Kunstgewerbe H. Zimmerschmidt
Nr. 28: vor 1880 bereits auf Karten zu sehen
1929  Fleischermeister P. Gruner
1949   Fleischermeister Willy Schmidt
Nr. 30: um das Jahr 1890 gebaut
1929   keine Angaben
1949   Verlag und Großbuchhandlung Helmut Leipnitz
Nr. 32: um das Jahr 1890 gebaut
1929   keine Angaben
1949   Drogist Erich Hesselbarth, Lebensmittel Luise Landmann

Die folgenden Bilder, aus GoogleMap (links) und GoogleEarth (rechts) entnommen, zeigen einen Zwischenzustand aus den Jahren 2006 … 2008 nach Abbruch der baufälligen Häuser in der Breiten Straße Nr. 24 bis 28. Die Ruinen der Häuser Nr. 30 und 32 stehen noch. Ein Teil der Häuser an der Breiten Straße sind bereits saniert.

Nach der Gemeindegebietsreform im Jahr 1992 wurden die Leipziger Stadtteile umgegliedert.
Ergebnis: die Demarkationslinie zwischen dem (neuen) Stadtteil Reudnitz-Thonberg und Anger-Crottendorf verläuft jetzt genau mitten auf der Breiten Straße.
Die frühere Bebauung des ursprünglichen Breitstraßendorfs Anger auf der linken Straßenseite der Breiten Straße gehört ab 1992 zu Reudnitz-Thonberg. Das ist aus historischer Sicht sehr gewöhnungsbedürftig – Fazit: ein geteiltes Anger.

Aktuell habe ich in dieser Woche versucht ein Bild (unten links) vom gleichen Fotostandort (aktuelle Karte aus openstreetmap) wie beim Bild  von Lutz G. aus dem Jahr 1990 aufzunehmen.

    Aktuelles:

  • auf der Anger-Crottendorfer Seite der Breiten Straße ist rechts von der Fußgängerampel kein Trafohäuschen mehr zu sehen, dafür einer von vielen nach 1990 gepflanzten Straßenbäumen,
  • auf der Reudnitz-Thonberger Seite befindet sich auf der Fläche der ehemaligen Bebauung Breite Straße 24 bis 32 und um die Ecke herum im Täubchenweg seit 2011 der ,,Pflegewohnstift Reudnitz“ mit 84 Wohneinheiten,
  • das Haus Breite Straße Nr. 22 wurde saniert, das eingerüstete Haus ist die Nr. 16 und im Hintergrund sind sanierte Gebäude in der Bernhardstraße zu sehen.
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