Volkmarsdorfer Pflastersteine, Nachtrag

eine ,,VEB“-Geschichte

Zum Beitrag vom 3. März dieses Jahres zu den Volkmardorfer Pflastersteinen habe inzwischen eine Zuschrift von Lutz Göschel aus Nürnberg erhalten. Sein Vater, Erich Göschel, war in der Erich-Ferl-Straße Nr. 21 Eigentümer eines Radio-Fachgeschäfts.
Was das mit nebenstehenden Bildausschnitt samt Gully, Fußwegpflasterung, dem angedeuteten Haltestellenschild und einem ,,VEB“ zu tun hatte, dem möchte ich in diesem Artikel nachgehen.

Lutz Göschel, Nürnberg:
,,Mein Vater, Jahrgang 1904, wurde in der Cichoriusstraße 7 geboren, während meine Mutter allerdings „aus Schlesien gewesien“ ist. Mein Vater hatte sein Geschäft ja bereits im Mai 1945 in der Erich-Ferl-Str 21 angemeldet und ich selbst bin 1949 in Markkleeberg zur Welt gekommen.“[Gewerbeanmeldung am 16.5.1945!]
Zum Geschäft in der Erich-Ferl-Straße Nr. 21 findet man in alten Branchenfernsprechbüchern folgende Einträge:
1950 Erich Göschel – Lautsprecheranlagen,
1963 Erich Göschel – Rundfunk- u. Lautsprecheranlagen.

Das Geschäft befand sich im Gebiet der Volkmarsdorfer Straßendörfer. Auf dem linken Bild mit dem Stadtplan-Ausschnitt habe ich das Haus mit der Nr. 21 (Brandkatasternummer – BKN 2) grün gekennzeichnet. Auf dem rechten Bild ist das Radio-Fachgeschäft in der 1960er Jahren zu sehen. Beachtenswerte Details: rechts am Straßenrand ein Gully und links am Gebäude ein Haltestellenschild der Straßenbahn. In der Ferlstraße fuhren damals die Linien ,,3″ und ,,6″.

,,Wir haben viele Jahre in der Neumannstraße [Anger-Crottendorf] gelebt. Der Schulweg zur RIWA [Richard-Wagner-Schule] war kurz, nur 10 Minuten. Anfang der 70er Jahre sind wir um die Ecke in die Theodor-Neubauer-Str. 19a gleich gegenüber der [Trinitatis-]Kirche gezogen, wo ich auch konfirmiert wurde.


Eine seltene Straßenaufnahme der Erich-Ferl-Straße mit alter Bebauung aus der Wendezeit um 1990. Blick von der Kreuzung Wiebelstraße zur Einmündung Juliusstraße (helles Gebäude) und dem Straßenverlauf der Ferlstraße folgend nach Osten. Links das Haus Nr. 21 mit dem ehemaligen Radio-Geschäft und dem Straßenbahn-Haltestellenschild.

Der Ortsteil Volkmarsdorf war ja einer der ältesten Stadtteile Leipzigs, wo auch ein Lehrer aus meiner Berufsschule für Elektrotechnik (Franz-Flemming-Str.) wohnte. Die meist 150 Jahre alten Häuser hat man damals „nur mit Sturzhelm“ betreten können und dort habe ich Außendienst gemacht und Radios und Fernseher repariert  … ausgetretene Treppenstufen, undichte Dächer, Geruch nach Bohnerwachs und endlos Dreck. Das Rundfunk-Geschäft war unser VEB = Vaters eigenen Betrieb [Anmerkung: VEB – Abkürzung für Staatsbetriebe ,,Volkseigener Betrieb“].

Eigentlich wollte ich in Mittweida studieren, aber dann hat meine Schwester 1971 mit ihrem Mann über Rumänien durch die Donau ihren Freischwimmer gemacht und meine Pläne haben sich zerschlagen.
Nach reiflicher Überlegung hat dann im Mai 1974 mein Vater sein Geschäft aufgegeben, weil ich noch keine Meisterprüfung hatte und sind regulär in den Westen übergesiedelt um uns (mittlerweile war ich auch verheiratet und war Vater) ein halbes Jahr später nachzuholen.“

Die meisten meiner Fotos stammen aus der Zeit kurz nach der Wende, da mich die Behörden nach meiner Flucht von 1974 für die Dauer von 14 Jahren, also bis kurz vor der Wende, nicht mehr reingelassen haben.

Auch hier die beachtenswerten Details in den Aufnahmen des Hauses Nr. 21 (links) aus der Wendezeit und (rechts) kurz vorm Abriß Mitte der 1990er Jahre: Haltestellenschild, Gully am Straßenrand und Fußwegpflasterung zur Hofeinfahrt.

Ein Ausschnitt von einer Google-StreetView-Aufnahme vom September 2008 zeigt im linken Bild noch die Straßen- und Fußwegsituation nach dem Abriss aller Volkmarsdorfer Straßenhäuser in der Höhe des ehemaligen Grundstücks Wurzener (Erich-Ferl-) Straße Nr. 21, erkennbar an den Details am Straßenrand: dem Gully, der Fußwegpflasterung zur Hofeinfahrt und der Straßenbahn-Haltestelle (heute hält hier die Linie ,,7″).
Das Bild auf der rechten Seite mit der häuserleeren Wurzener Straße habe ich im Frühjahr 2017 von der Kreuzung Wiebelstraße mit Blick zur Juliusstraße aufgenommen – etwa Vergleichbar mit der Aufnahme der noch fast vollständig bebauten Erich-Ferl-Straße (großes Bild oben im Text) aus der Wendezeit.


Vielen Dank an Lutz Göschel für Bilder und Geschichten!

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Ein Gedanke zu “Volkmarsdorfer Pflastersteine, Nachtrag

  1. Danke(auch dem Herrn Göschel) für die interessante Geschichte und die schönen(alten)Bilder!
    Schon erstaunlich, wie sich das Aussehen dieser Gegend im letzten Vierteljahrhundert verändert hat.

    Gefällt mir

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