Ode an die Brot- und Kuchenbäcker zu Reudnitz

grundstueck-lb-joachim-2017

Kohlgartenstraße im Jahr 2017: links (gelb) mit Haus-Nr. 18, rechts (grau) Ranftsche Gasse 14

Das Areal auf dem Bild von der ,,Reudnitzer Tristesse“ an der Kohlgartenstraße im Leipziger Osten hat einen interessanten historischen Hintergrund.
Eine aktuelle Recherche ergab, dass an dieser Stelle im 18. und 19. Jahrhundert links der heutigen Gabelsbergerstraße das Haus der bedeutenden Landbrot-Bäckerfamilie Joachim stand und auf der rechten Seite der über Reudnitz und Leipzig hinaus berühmte und bekannte ,,(Große) Kuchengarten“. Darüber soll hier berichtet werden …Die hier im Folgenden dargestellten historischen Zusammenhänge der beiden Bäckereien beginnen etwa Mitte des 18. Jahrhunderts und reichen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Beginnen möchte ich im ersten Teil mit der bis jetzt unbekannteren Geschichte der Landbrot-Bäckerfamilie Joachim.

Brotbäckerei Joachim, Reudnitz

1722 Johann Jacob Joachim heiratet Anna Rost, die einzigste Tochter des Stötteritzer Landbrot-Bäckers Andreas Rost und wird damit ,,Brod-Becker“ in Stötteritz, 1733 erbt er auch das Bäckerei-Gebäude und wird 1751 auch zum Richter in Stötteritz gewählt.

1739 wird der Sohn und Nachfolger Johann Jacob Joachim geboren (aus zweiter Ehe), er wird auch Bäcker und kauft 1771 in den Volkmarsdorfer Straßenhäusern ein Haus und verlegt die Bäckerei mit allen Backrechten (Backgerechtigkeit) dorthin.

brotbaeckerei-18131804 verpachtet Johann Jacob Joachim seine Bäckerei und verkauft im Jahr 1808 die Backgerechtigkeit an seinen Sohn und Erben Johann Carl Jacob Joachim (geb 1780 in Volkmarsdorf).

1808 Johann Carl Jacob Joachim heiratet Marie Rosine Kirst, die Tochter des Volkmarsdorfer Landbrot-Bäckers Daniel Gottfried Kirst, dessen Frau ein Grundstück  No. 42 in Reudnitz besaß (die spätere Kohlgartenstraße 65 / seit 1895 ist das mit heutiger Straßen-Nummerierung das Areal in der Kohlgartenstraße 18).

reudnitz_18281822 verlegte Johann Carl Jacob Joachim die Landbrot-Bäckerei in dieses Haus nach Reudnitz. Das alte Haus wurde abgebrochen und im Jahr 1824 völlig neu erbaut.

1832 wird Johann Carl Jacob Joachim zum gewählten Wort- und Verhandungsführer der ,,concessionirten Leipziger Landbrot-Bäcker“ gewählt. Diese Funktion, vor allem zu Durchsetzung der Rechte gegenüber den Leipziger Stadt-Bäcker-Innung, hat er bis 1850 ausgeübt.

1837 bittet er z.B. im Auftrag der Reudnitzer Bäcker den Rat der Stadt Leipzig um Erlass des Backofenzinses. Unterzeichnet ist diese Eingabe natürlich von ihm, aber auch von den Reudnitzer Bäckern Kosseind, Felsche )*, Greif, Salomon und der Meisterswitwe Marie Rosine verw. Händel )**.
Anmerkungen: )* Johann Conrad Felsche als Reudnitzer Bäcker und Konditor ist vermutlich der Vater vom Schokolatier und Kaffeehausgründer Wilhelm Felsche. )** Das ist sicher die Witwe des Bäckers Heinrich Händel vom Nachbargrundstück des ,,Kuchengartens„.

gebr-joachim-reudnitz1845 übernimmt sein (1819 geborener) Sohn Carl Friedrich Joachim als ausgelernter Bäcker die Reudnitzer Landbrot-Bäckerei. Er erwarb im Jahr 1857 das Leipziger Bürgerrecht und konnte damit seine Brote ungehindert auch in der Stadt verkaufen. Mit außergewöhnlichem Geschick errichtete er in Leipzig eine Reihe von Filialen: Ranstädter Steinweg 13, Nürnberger Straße 37, Windmühlenstraße 27, Colonnadenstraße 11 und Berliner Straße 6. Das Hauptgeschäft mit der Fabrik-Bäckerei verblieb in der Reudnitzer Kohlgartenstraße 65.

image-1481875 übernahmen seine Söhne Georg Max Joachim (geb. 1850) und Carl Friedrich Joachim, jun. (geb. 1848) des Vaters Brotbäckerei und lassen sie ins Handelsregister der Stadt Leipzig eintragen. Sie zeichnen mit ,,Gebrüder Joachim„.
Interessant ist ein undatierter Beleg [vermutlich aus den Jahren 1875 …1880]  von einem ,,Reudnitzer Gemeinde-Feuerwehr-Marsch„, der ,,dem Hauptmann der freiwilligen Gemeinde-Feuerwehr zu Reudnitz Herrn Fritz Joachim freundschaftlichst gewidmet“ wurde. Das könnte der Vater Carl Friedrich Joachim gewesen sein, der lt. Adressbuch der Vororte von Leipzig (1880) als Hausbesitzer und Privatmann in der Grenzstraße 36, gleich um die Ecke von der Landbrot-Bäckerei (Kohlgartenstraße 65) wohnte. Carl Friedrich Joachim war lt. Chronist Otto Moser in der Zeit von 1869 bis 1882 Gemeindeältester in Reudnitz.

1884 stirbt Carl Friedrich Joachim und seine Söhne werden Inhaber die Firma ,,Gebrüder Joachim, Brotbäckerei in Reudnitz und Leipzig„.

1889 wird Reudnitz (gemeinsam mit Anger-Crottendorf) zur Stadt Leipzig eingemeindet und in der Folgezeit auch viele der ehemaligen Vororte, damit gibt es keine Diskussionen mehr zum Thema Landbrot-Bäcker.

1898 wird das alte Bäckerei-Gebäude in der Kohlgartenstraße von der Stadtgemeinde im Zuge von Grundstücks-Veränderungen erworben und abgerissen. Die bis dahin nur schmale ,,Schlippe“ zur Leipziger Straße (inzwischen Gabelsbergerstraße) wurde anschließend zur Straße verbreitert und das Grundstück um 1900 neu bebaut. Wenn heute man genau hinschaut ist es auch noch ziemlich eng an der Stelle …

1900 ,, … am 24. November finden sich die beiden Inhaber der Firma abermals beim Registriergericht des Amtsgerichtes ein.“ Die Firma ,,Gebrüder Joachim“ wurde gelöscht. ,,Die Leipziger Brotfabrik Gebr. Joachim, Paetz & Comp. in Leipzig-Eutritzsch war ins Leben getreten„.
Inhaber sind Georg Max Joachim, Carl Friedrich Joachim und Carl Richard Otto Glanzberg. [Kapp: Geschichte der Leipziger Landbrotbäcker, S. 65]  Am Standort in Eutritzsch wurde eine neue und größere Brotfabrik aufgebaut, in der schließlich das legendäre ,,Stern-Brot“ gebacken wurde.

–> Aber das kann man ja schon in den Beiträgen von Geheimtipp Leipzig lesen (siehe Quellen-Verzeichnis)
Anmerkung: Die Darstellungen und Eigentümer-Verhältnisse aus der ,,Geschichte der Leipziger Landbrotbäcker“ in den Jahren 1897 … 1900, zwischen dem Abbruch des Bäckereigebäudes in der Reudnitzer Kohlgartenstraße und dem Neuanfang in Eutritzsch, sind nicht ganz eindeutig. Da wird in andere Quellen auch eine Firma Voigtländer & Kittler mit genannt und auch das Gründungsdatum der ,,Leipziger Brotfabrik Gebr. Joachim, Paetz & Comp. in Leipzig-Eutritzsch“ könnte bereits im Jahr 1897 gelegen haben.


Über den Reudnitzer (Großen) Kuchengarten ist schon viel geschrieben worden, z.B. auf wikipedia (siehe unten). Daher möchte ich hier im zweiten Teil nur die wichtigsten Zahlen mit ein paar Zitaten als Illustration zeigen.

(Großer) Kuchengarten

1763 erbte die Ehefrau von Samuel Händel den seit etwa 1755 bestehenden Reudnitzer Kaffeegarten. Der Reudnitzer Chronist Otto Moser schreib darüber:
,,In ganz besonderem Flor stand nach dem Siebenjährigen Kriege der Kuchengarten, welchen der Reudnitzer Bäcker Händel angelegt hatte. Durch Goethe ist der Reudnitzer Kuchengarten unsterblich geworden.
Der junge Student Goethe war hier in den Jahren 1765 bis 68 oft zu Gast und hat dem Kuchenbäcker Händel (Hendel) in seiner späteren ,,Dichtung und Wahrheit“ (2. Teil, Ende des Siebenten Buches) ein Denkmal gesetzt:
,, O Hendel, dessen Ruhm von Süd zum Norden reicht,

Du bäckst, was Gallier und Briten emsig suchen:
Mit schöpfrischem Genie originelle Kuchen.

1774 übernahm der Sohn Heinrich Händel das Lokal, er wurde später als ,,Kuchenprofessor“ bekannt.
,,Eine genaue Schilderung des berühmten Kuchengartens finden wir in einer Niederschrift aus dem Jahr 1785. Da wird berichtet, daß alle Leckermäuler der Stadt und des Landes und viele Fremde, hierher strömten, besonders zur Kirsch- und Pflaumenzeit, und um Fastnachten, wo es Pfannenkuchen gab.“ [Moser, Chronik von Reudnitz: S. 56]
,,Anzeige. Hiermit zeige ich einem hochzuverehrenden Publikum ergebenst an, daß vom Sonntag, den 30. Januar d. J., so wie auch Montags, Mittwochs und Freitags, frische Pfannkuchen bei mir zu haben sind. / verwitwete Händel, im Kuchengarten.“ [Leipziger Zeitung, Nr. 24 vom 28. Januar 1825, Freitags, S. 232]

1820 erfolgte ein Neubau des Kuchengartens mit städtischem Charakter und im Jahr 1829 wurde ein Saal für Konzerte und Tanzveranstaltungen errichtet. Nach dem Tod Heinrich Händels heiratete die Witwe den Bäcker Heinrich Pufendorf.

1835 … 1845 zählt der ,,Kuchengarten“ auch viele prominente Besucher. Mendelssohn schrieb kurz nach der Ankunft im September 1835 an seinen Vater, die Ouvertüre zum Sommernachtstraum werde ,,im großen Kuchengarten und früh bei den Brunnengästen von vollständigen Orchestern mit Saiteninstrumenten im Freien“ aufgeführt. [DIE ZEIT, 25.02.2010 Nr. 09, Wie Leipzig im 19. Jahrhundert Deutschlands Musikhauptstadt wurde von Doris Mundus]
Auch Robert Schumann und Clara Wieck trafen in den Jahren1832 bis 1844 sich gern im Reudnitzer Kuchengarten, auch mit Gästen wie Franz Liszt [Tagebücher].

1840 wurde der Leipziger Gewandhaus-Posaunist Carl Traugott Queisser Inhaber des Kuchengartens. Er hatte 1822 Händels Tochter Dorothea geheiratet. Aber mit dem Kuchengarten ging es finanziell bergab, so dass er 1841/42 verkauft werden mußte.

kohlgartenstrasse_1875-801861 ,,Der Kuchengarten bestand bis in die sechziger Jahre des … [19.] Jahrhunderts, wo er durch Kauf an den Buch- und Kunsthändler Albert Henry Payne gelangt, der das Grundstück parcellirte und sein Geschäft hierher verlegt. Das alte, vom Bäcker Händel erbaute Haus hat sich erhalten.“ [Moser, Chronik von Reudnitz: S. 56]

1862 stellte der Kuchengarten seinen gastronomischen Betrieb ein und Payne betrieb fortan seine Englische Kunstanstalt, die später sein Sohn als Payne-Verlag fortführte. Die Anschrift vom Kuchengarten lautete ursprünglich Reudnitz – Grenzstraße 21, später Kohlgartenstraße 66 und schließlich bis heute Ranftsche Gasse 14.

1875 … 80 stellte sich die Situation an der Kohlgartenstraße im Leipziger Osten wie auf nebenstehender Karte skizziert dar:

  • die Leipzig-Dredner Eisenbahn fuhr noch bis 1879 durch die Eisenbahnstraße in Richtung Dresden,
  • eine eingleisigeVerbindungsbahn von den nördlich gelegenen Bahnhöfen (Dresdner, Berliner, Thüringer und Mageburger Bf) führte von 1851 bis 1878 quer durch Reudnitz,
  • an der Kohlgartenstraße hatten sich eine Reihe neuer Firmen angesiedelt (siehe Kasten rechts aus Adreßbuch 1880) und wie man sieht, wächst Leipzig stetig und zunehmend mit seinen Vororten zusammen,
  • diese Gebäude an der Kohlgartenstraße gibt es heute alle nicht mehr, sie wurden alle um 1900 herum abgerissen und durch städtische Mietshäuser ersetzt (Ausnahme Nr. 66: erst 1924 umgebaut),
  • ein Stück des einstigen Flüßchen Rietzschke floss noch durch den Rest der einstmaligen Rietzschken-Aue und
  • heute (ab 1992) gehört dieses ursprünglich Reudnitzer Kerngebiet zum Ortsteil Neustadt-Neuschönefeld.

Quellen:

  • Kripp, Andreas – Bilder, Texte, Unterlagen – vielen Dank für das Bereitstellen der Unterlagen!  Außerdem betreibt er als Nachfahre der Gebrüder Joachim die Facebook-Seite Leipziger Brotfabrik Gebr. Joachim, Pätz & Co.
  • Andreas Hönemann unterstützte mich bei den historischen Recherchen
  • Kapp, Arno – Geschichte der Leipziger Landbrotbäcker in Verbindung mit der Geschichte der Familie Joachim, Scheibmaschinen-Vorlage, Leipzig 1948, bisher unveröffentlicht, außer in zwei Beiträgen bei
  • Geheimtipp Leipzig [BLOG] mit Veröffentlichungen zum ,,Stern-Brot aus Eutritzsch“ (Teil 1 und Teil 2) [Dank an Bert H. – die erstenbeiden Quellen haben wir gemeinsam genutzt]
  • Wikipedia-Artikel – Großer Kuchengarten
  • Moser, Otto – Chronik von Reudnitz, Verlag Max Hoffmann, 1890 [online SLUB]
  • wortblende-Artikel ,,… über die Rietzschke, Kohl, Goethe und Napoleon“ (erschienen im Heft 9/1995 im Neustädter Markt-Journal)
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2 Gedanken zu “Ode an die Brot- und Kuchenbäcker zu Reudnitz

  1. Andreas Hönemann: …ist sehr aufschlussreich zu lesen, wie die familiären Zusammenhänge waren.
    1. Sie schreiben „1822 verlegte Johann Carl Jacob Joachim die Landbrot-Bäckerei in dieses Haus nach Reudnitz.“ Dann ist die Abbildung des Gebäudes „…aus der Völkerschlacht “ (das gleiche Bild ist bei mir mit „um 1800“ betitelt) vermutlich die von Ihnen erwähnte Bäckerei in den Volkmarsdorfer Straßenhäusern. Wenn ja, lässt sich das Gebäude irgendwie zuordnen? Müsste ja dann die linke Seite der Torgauer Straße sein, in dem Teil zwischen dem Abzweig der ehem. Kirchstraße und etwa der ehem. Ewaldstraße.
    [Antwort Harald St.: Ja, die früheren „Volkmarsdorfer Straßenhäuser begannen an der heutigen Hermann-Liebmann-Straße und reichten etwa bis zum Abzweig der Torgauer Straße, paar Häuser vor der Ecke Ewaldstraße. Wenn man im Adressbuch von 1880 nachblättert, dann findet man zu dieser späteren Zeit zwei Bäcker: im Haus Nr. 9 Otto Berger als „Brodbäcker“ und im Haus Nr. 7 Herm. Kramer als Bäckermeister. Beide Häuser lagen etwa in der Mitte der Straßenhäuser und es könnte sein, dass die Joachims in einem dieser Häuser die Brotbäckerei hatten, vielleicht dem Haus Nr. 9, weil da noch ein Brot-Backofen stand???]
    2. Sehr interessant finde ich auch folgende Passage (wo steht das denn?): „1900, am 24. November finden sich die beiden Inhaber der Firma abermals beim Registriergericht des Amtsgerichtes ein. Die Firma ,,Gebrüder Joachim“ wird gelöscht und die ,,Leipziger Brotfabrik Gebr. Joachim, Paetz & Comp. in Leipzig-Eutritzsch“ angemeldet. Inhaber sind Georg Max Joachim, Carl Friedrich Joachim und Carl Richard Otto Glanzberg.“
    [Antwort Harald St.: Das habe ich aus „Arno Kapp“, Seite 65 und ich habe auch in den LAB (Leipziger Adreßbüchern) recherchiert: bis 1898 ist dort im Gewerbeverzeichnis die „Fa. Gebrüder Joachim, Kohlgartenstraße 18“ unter II 4. Bäcker eingetragen. Ab 1899 ist die „Leipziger Brotfabrik, Gebr. Joachim, Pätz & Co“ eingetragen. In diesem Jahr standen noch beide Firmennamen drin.]

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