Boulevard Hedwigstraße, 1908

Ende der 1980er Jahre habe ich von Jochen G. aus der Ernst-Thälmann-Straße 27 ein paar interessante ältere Postkarten aus dem Gebiet von Neustadt-Neuschönefeld mal übers Wochenende zum Anschauen bekommen. hedwig-1908-sNein, überlassen wollte er sie mir leider nicht – ich durfte mir aber Fotokopien anfertigen. Und auf einer dieser Postkarten, herausgegeben vom Verlag Seb. Hess, Papier- und Schreibwaren, Eisenbahnstraße 30, ist ein interessanter Blick durch die damals von Geschäften gesäumte und sehr belebte Hedwigstraße in Richtung Norden zur Heilig-Kreuz-Kirche zu sehen. Ein Stück Stadtgeschichte!

In welchem Jahr könnte dieses Foto entstanden sein?

Nach einer online-Recherche bei der SLUB in den Adreßbüchern der Stadt Leipzig der Jahre 1902 bis 1912 konnte ich den Zeitraum, in dem das Foto für die alte Postkarte der Hedwigstraße aufgenommen wurde etwas einschränken: zwischen 1905 und 1910. Deshalb greife ich hier mal auf die Angaben aus dem Adreßbuch der Stadt Leipzig aus dem Jahr 1908 zurück, um ein paar Informationen zu den gezeigten Häusern und Geschäften nachschlagen zu können.

Jetzt aber zur Recherche im Adreßbuch des Jahres 1908:

hedwig-links hedwig-2016

hedwig-1908-43 hedwig-2016-12-23

links das alte Postkartenmotiv aus den Jahren 1905 … 1910. Fast in jedem Haus gab es mindestens ein Geschäft, kaum zu glauben – seinerzeit ein richtiger Boulevard der ,,kleinen Leute“!

rechts ein aktuelles Bild vom Dezember 2016 aus etwa gleicher Aufnahme-Position (110 Jahre später!). Die vordere Querstraße ist jeweils die Ludwigstraße.

Weiter mit der Recherche im Adreßbuch:

hedwig-rechts hedwig-1908_hg

Bemerkenswert zur Adreßbuch-Recherche:

  1. Die Hauseigentümer sind meistens ,,kleine Leute“ – Ladenbesitzer, Gastwirte, Fleischermeister, Kaufleute usw.
  2. Fast jedes der Häuser in der damaligen Hedwigstraße hat einen Laden, ein Geschäft oder in manchen Fällen sogar ein Café wie das ,,Odessa“.
  3. Im Haus Hedwigstraße 13 ist lt. Leipziger Adreßbuch ein Zigarrenfabrikant Carl Schulze in pt und 1. Etage eingetragen. Es könnte sein, dass er dort auch eine kleine Zigarren-Manufaktur betrieben hat – aber nur für wenige Jahre. Im LAB 1909 und 1910 ist nur noch eine Zigarrenhandlung angegeben und ab 1911 gibt es dort keinen Carl Schulze mehr … Als Nachfolger zog dort über viele Jahre eine Wäscherei und Plätterei ein. Das (ruinöse) Bild (unten rechts) habe ich im Zusammenhang mit einer kleinen Recherche zum Gewerkschaftler Arthur Heimburger im März 1989 aufgenommen. Heimburger wohnte Anfang des 20. Jahrhunderts auch im Haus Hedwigstraße 13. Das ist das linke, zugemauerte Haus. Über dem Ladeneingang ist noch ein Teil der alten Inschrift zu erkennen: ,,Martin Langer Wasch u. Plätt …“ … geschäft? / … anstalt? – sowas in der Art jedenfalls.
    Kaum zu glauben, dass dieses Haus heute saniert als Doppelhaus mit der Nr. 15 im hellen Glanz wiedererstanden ist ( ! ).
  4. Die Heilig-Kreuz-Kirche ist übrigens auch noch ziemlich neu, sie wurde am 31. Oktober 1894 eingeweiht.
  5. Ach ja, das Kopfsteinpflaster auf den Aufnahmen von 1908 und 1962 stammt ursprünglich aus dem Jahr 1886/87, siehe auch Gemeinderatsbericht von Neustadt bei Leipzig von 1886.

Die Bürger von Neustadt waren Anfang des 20. Jahrhunderts stolz auf ihren Stadtteil, das Erreichte und daher hat man auch fleißig solche Postkarten an die Verwandtschaft verschickt …!

 

hedwig-1962_02q2 hedwig-02d

Als kleine Zugabe habe ich in meiner Bildersammlung noch eine Neustädter Aufnahme vom Mai 1962 entdeckt (linkes Bild). Damit biete ich jetzt einen Vergleich der Häuser aus dem gleichen Blickwinkel im Aufnahmeabstand von etwa 55 Jahren – 1908 – 1962 – 2016!

1908: Die Ausgangspostkarte zeigt die bereits 30 bis 40 Jahre alten Gebäude noch im ,,Bestzustand“. Die Straße ist noch voller Geschäfte und Gaststätten.

1962: Auf dem Bild aus den 1960er Jahren ist der Verfall der meisten Gebäude schon zu erkennen, es gibt aber noch keine Leerstände oder zugemauerte Ruinen. Der Kirchturm wurde damals gerade neu eingedeckt. Viel Läden waren bereits verschwunden.

2016: Die grundsanierten Häuser (Bild ganz oben rechts) sehen heute wieder schick aus, aber die vielen Läden und das geschäftige Volk von einst sind verschwunden.


Anmerkung: *) bei der Recherche nach alten Restaurant- und Café-Namen erhielt ich Unterstützung von Andreas Hönemann – vielen Dank!

Hinweise zu bereits erschienenen Beiträgen:

zur Heilig-Kreuz-Kirche in Neustadt-Neuschönefeld (auch mit der alten Postkarte)
Hedwigstraße im März 1976,
mit Blick Richtung Nord von der Mariannenstraße zur Heilig-Kreuz-Kirche
die Hedwigstraße nach 35 Jahren,
mit Blick Richtung Süd zur Eisenbahnstraße

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