Akten-Einsichten (Neustadt 3)

grprotokolle_1886oGeschäftsbericht Neustadt bei Leipzig, 1886

Neustadt bei Leipzig war ganze neun Jahre (von 1881 bis 1889) eine selbständige Gemeinde und hat als solche natürlich auch interessante jährliche Geschäftsberichte der Gemeindeverwaltung verfasst und herausgegeben. Vor etwa 130 Jahren erschien am 29. Januar 1887 in der Beilage zum Leipziger Dorfanzeiger No. 15 der ,,Geschäftsbericht der Gemeindeverwaltung zu Neustadt b. L. auf das Jahr 1886″.

[Weil heute nicht jeder die alte Frakturschrift lesen kann, habe ich den vollständigen Text mal kurz in Latein abgetippt sowie Kommentare zum besseren Verständnis angefügt – in der Rechtschreibfassung von 1887 natürlich.]

I. Gemeindeverwaltung.
Das vergangene Geschäftsjahr ist für die Gemeinde in bezug auf deren Entwickelung ein sehr erfolgreiches gewesen.
Die durch Ankauf des Eisenbahnareals sich vollzogene Verbreiterung der Eisenbahnstraße ist nicht nur für den hiesigen Ort, sondern auch für die übrigen Ostvorstadtorte von großer Wichtigkeit. Außerdem hat die hiesige Gemeinde trotz der enormen Kosten für Anlegung einer Wölbschleuse auf dieser Straße sowie der Kosten für Pflasterung, Beleuchtung, Anpflanzung von Bäumen ec. infolge Veräußerung des übrig gebliebenen Areals zu Baustellen einen nicht geringen finanziellen Vorteil noch hiervon aufzuweisen.
Ferner ist nach jahrelangen Verhandlungen  über Beschleußung, Pflasterung und Uebernahme des Kirchwegs in eigene Verwaltung endlich eine zufriedenstellende Vereinbarung mit dem wegebaupflichtigen Rittergütern Schönefeld und Volkmarsdorf und der später hinzugetretenen Handelsgesellschaft Leue & Weise in Leipzig erzielt worden. [Leue & Weise, siehe Erläuterung in Kommentar 1]

nst1962-05_hedwig

L.-Neustadt, Hedwigstraße im Mai 1962

Durch die vollführte Pflasterung der Hedwig, Haupt- und Alleestraße sind vorzügliche Verkehrswege geschaffen worden. Desgleichen ist die Umgestaltung des Marktplatzes in Angriff genommen worden, welche Arbeit infolge des eingetretenen Frostes  allerdings nicht zu Ende geführt werden konnte.

Auch auf anderem Gebiete ist die Gemeindevertretung nicht unthätig geblieben.
Unter anderem ist die Erhebung der bisherigen einfachen Schule zur ,,mittleren Volksschule“ sowie die vor kurzem erfolgte Einführung regelmäßigen Predigtgottesdienstes in der Aula des Schulhauses hervorzuheben, was ebenfalls der hiesigen Einwohnerschaft zum Wohle gereichen dürfte. [Predigtgottesdienst, siehe Erläuterung in Kommentar 2]
Die Geschäfte des Gemeinderats wurden in 19 Plenarsitzungen erledigt. Außerdem fanden insgesamt 36 Ausschußsitzungen statt, von denen 8 auf dem Finanz-, 18 auf den Bau- und 4 auf den Steuerausschuß entfielen, während 6 kombinierte Ausschußsitzungen in Sachen des Eisenbahnstraßenprojektes stattfanden. [Verbreiterung der Eisenbahnstraße, siehe Erläuterung in Kommentar 3]
Aus dem Gemeinderate schieden vor Ablauf ihrer Wahlperiode die Herren Richard Große und Wilhelm Räbner.
Die Verwaltungsregistrande weist 3 579 Nummern nach.
An steuerpflichtiger Personen zählte Neustadt 2 962, hierzu kamen im Laufe des Berichtsjahres
Nachdem Anfang Juni eine Wasseranlage beschaffen, begann die permanente Besprengung der Ortsstraßen.
An steuerlichen Personen zählte Neustadt 2 735. Hierzu kamen im Laufe des Berichtsjahres 1229 Personen, dagegen kamen 932 in Wegfall.
Erstere sind mit einem Gesamteinkommen von 2 679 671 Mk. veranlagt, wovon 267 082 Mk. auf Grundbesitz, 54 622 Mk. auf Kapitalzinsen, 1 893 352 Mk. auf Gehalt und festen Lohn und 4640615 Mk. auf Handel und Gewerbe entfallen.
Die abzugsfähigen Schuldzinsen betrugen 155 504 Mark.
Hierzu traten 35 vauswärts wohnende Besitzer hiesiger Grundstücke mit einem hieraus zu versteuernden Einkommen von 96 484 Mark und 18 Besitzer  von hiesigen Handels- und Gewerbe-Etabissements mit einem Einkommen von 117 900 Mark, sodaß als steuerpflichtiges Einkommen 2 738 551 Mark ergeben.

Die Einnahmen der Steuern und Schulgelder beliefen sich auf 110 698 Mark und zwar 59 725 Mk. Gemeindeanlagen, 2 406 Mk. dergleichen Reste aus früheren Jahren, 21 877 Mk. Staatseinkommenssteuer, 5 272 Mk. Grundsteuer, 5 319 Mk. Brandkassenbeiträge, 243 Mk. katholische Kirchenanlagen, 128 Mk. Handels- und Gewerbekammer-Beiträge, 13 655 Mk. Schulgeld, 2 073 Mk. dergleichen aus früheren Jahren.
Zahlungsauflagen wurden 6 430 erlassen wofür an Gebühren 606 Mk. eingegangen sind. An Hundesteuer wurden 965 Mk. vereinnahmt.
Requisitionen wegen Steuerrückständen sind 317 an auswärtige Behörden ergangen. An Abgaben bei Besitzveränderungen wurden 1 650 Mk. vereinnahmt.
Der Vollstreckungsbeamte erhielt 1 578 Pfändungsaufträge und erlangte 7 458 Mk. An Kosten und Gebühren wurden von demselben 1 360 Mk. beigetrieben.
Unterstützungen wurden gewährt an 34 Personen, davon sind 11 Ortsangehörige, 5 Landarme und 18 anderwärts Ortsangehörige.
Außerdem sind für 19 Kinder Ziehgelder zu zahlen gewesen. Davon sind 11 Ortsangehörige, 4 Landarme und 4 anderwärts Ortsangehörige.
Ferner sind für 7 Personen an andere Armenverbände, innerhalb derselben wohnhaft, hier aber ortsangehörig, Unterstützungen gewährt worden.

II. Polizeiverwaltung.
Die Registrande II weist 2 289 Nummern auf. Die Sportelkasse vereinnahmte in 3 767 Posten 1 860 Mk. [Sportelkasse, siehe Erläuterung in Kommentar 4]
Anmeldungen sind 1 706 und Abmeldungen 1 318 zu verzeichnen.
Ausgestellt wurden:
an Wohnungsanmeldescheinen 1 418,
an Verhaltsscheinen und Führungsattesten 771,
an Beglaubigungen 113,
an Dienstbüchern 38,
an Arbeitsbüchern 106,
an Arbeitskarten 10,
an Gewerbeanmeldescheinen 107,
an Musik- und Tanzerlaubnisscheinen 170,
an Armutszeugnissen 85, [siehe Erläuterung in Kommentar 5]
an Zeugnissen und Bescheinigungen verschiedener Art 151;
an Reisepässen seit 1. Juli 47.
Strafverfügungen wurden 278 erlassen, wofür 689 M. Strafgeld vereinnahmt wurden.
Die Impfliste ergibt 1 060 Nummern.
An Abstempelungen der Polizei sind 123 Mk. vereinnahmt. Neubauten wurden 21 angemeldet. Hiervon sind 12 Gebäude fertiggestellt und bezogen worden.

Die am Jahresschlusse vorgenommene Zählung ergab 8 278 Personen, welche im 210 Vorder- und 55 Hintergebäuden wohnen.

III. Standesamt.
Registrande: 173 Nummern.
Die Amtshandlungen bestanden in
451 Geburtseinträgen gegen 404 im Vorjahre,
74 Aufgebotsverhandlungen gegen 82 im Vorjahre,
72 Eheschließungen gegen 82 und 239 Sterbefälle gegen 214 im Vorjahre.
Geburtsurkunden sind 66, Heiratsurkunden 12, Sterbeurkunden 96 und Standesamtliche Ermächtigungen 3 ausgefertigt worden.
An Standesamtsgebühren wurden 87 Mk. vereinnahmt.


Kommentar 1 zur Handelsgesellschaft Leue & Weise in Leipzig:
Moritz Weißbach: Geschichte der Gemeinde Neuschönefeld, 1889, Seite 21: ,,… die erste [Fabrik], welche ihren Betrieb aufnahm … wurde im Jahre 1856 von Ilan Alex Pommier erworben und in eine Fabrik chemischer Präparate, Farben ec. umgewandelt, ging aber 1877 in den Besitz der Herren Leue und Weise über, wurde unter dieser Firma bis heute betrieben und in eine Melasse-Raffinerie [Anmerkung: Melasse fällt bei der Zuckerrüben-Verarbeitung an] umgeändert.“

Geschäftsadressbuch Leipzig, 1890/91, Verlag C. F. Gruner, Leipzig: Leue & Weise, L.-Neuschönefeld, Eisenbahnstraße 32 /34 [heute die Hausnummern Eisenbahnstraße (68, 70 abgerissen) und 72], Raffinierie; F. [Fernsprech-No.]: 119.

Kommentar 2 zum Predigtgottesdiens in der Schule Neustadt:
Leipziger Vorstadt-Zeitung, Freitag, den 31. Dezember 1886: ,,Neustadt. Vom Neujahrstag an wird an jedem Sonn- und Festtag in der Aula des hiesigen Schlhauses Predigt-Gottesdienst gehalten werden. 9 Uhr Beginn, 10 1/2 Uhr beendigt.“ Der Hintergrund war, dass Neustadt noch keine eigene Kapelle oder Kirche hatte und die Kirchgemeindemitglieder bis dahin zur etwa 2 km entfernten Kirche nach Schönefeld gehen mußten.

Kommentar 3 zur Verbreiterung der Eisenbahnstraße:
Reudnitzer Tageblatt, Freitag, den 22. Januar 1886, auf Seite 2 wird im Zusammenhang mit der Verbreiterung der Eisenbahnstraße auch über Aktivitäten der Pferdebahngesellschaft berichtet: ,,Neustadt. Gemeinderatssitzung. Ferner wird berichtet, daß sich der Gemeinderat zu Neustadt den dieseits der Pferdeeisenbahngesellschaft gethanen Schritten behufs [Anmerkung zu behufs: klar Pferde haben jeweils 4 Hufe   😉   ] zu stellender Bedingungen bei Legung eines Doppelgleises konform angeschlossen hat.“
Leipziger Vorstadt-Zeitung, Freitag, den 29. Oktober 1886, darin wird die Bepflanzung der Eisenbahnstraße mit Platanen erwähnt.

Kommentar 4 zur ,,Sportelkasse“:
Kasse für Nebengebühren bei Gerichtsämtern oder Verwaltungsbehörden.

Kommentar 5 zum ,,Armutszeugnis“:
behördliche Beglaubigung des Anspruchs auf Armenrecht.

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