Löwe an der Wand (Teil 2)

… in der Meißner Straße

Meissner13-Loewe.rotIm ersten Teil ging es um die alten, in den Gründerjahren vor über 140 Jahren, gebauten Häuser in der Meißner Straße (damals Marktstraße) – vom ,,landkartengaebler“ an der Ecke zur Neustädter Straße bis zur Fleischsalat-Fabrik.
Ein Gebäude in der Meißner Straße trägt auch heute noch einen Löwenkopf über der Haustür an der Wand. Heute hebt sich dieses Relief nicht farblich vom Untergrund ab: könnte es aus historischer Sicht vielleicht golden eingefärbt werden oder vielleicht auch rot?
Darüber soll es heute gehen in der Fortsetzung vom 1. Teil: Was soll der Löwe dort an der Wand?

Das Löwenrelief: Könnte das ein altes Hauszeichen sein, war der Hausbesitzer etwa ein Löwenjäger oder hat da etwa ein übereifriger Investor beim Sanieren seinen heimischen Löwen einfach dazumodelliert? Schaun wir uns doch mal das Haus Meißner Straße Nr. 13 etwas genauer an …

Meißner Str. 13 (Marktstraße 6) ,,Goldener Löwe“
Der Neubau wurde im Januar 1873 als Mietshaus mit Putzfassade in geschlossener Bebauung fertig gestellt. Er ist heute in der Kulturdenkmalsliste unter der ID 09262309 eingetragen.

ABOstvororte_1882dBauherr und erster Hausbesitzer war Carl Schütz aus Leipzig. Im Adressbuch des Jahres 1882 ist das auch noch so zu sehen. Ich nehme an, dass er auch das Löwenrelief von Anfang an über der Haustür anbringen ließ und als Erster die ,,Restauration Glodener Löwe“ geführt hat – vielleicht war das sein Lebenstraum gewesen? Im Adressbuch aus dem Jahr 1888 ist ein Eigentümerwechsel zu sehen: das Haus gehört jetzt G. E. Höpner aus Plagwitz und eine Restauration wird erst wieder im Jahr 1891 unter Friedrich Hermann Röder als Restaurateur erwähnt. Bis zum Jahr 1900 wechseln häufig die Restaurateure: R. Vinz, C. Langert, Ls. A. Bach, O. Krieger und J. E. Stöcklein.
LAB_1901_EJonackdKontinuität kehrt erst im Jahr 1901 ein, als Hermann Otto Jonack die Restauration als Schänkwirth übernahm. Otto Jonack war schon vorher in Kleinzschocher als Schänkwirth tätig gewesen, brachte also Erfahrung mit und es gab so manche Aktivität von ihm, den ,,Goldenen Löwen“ in einen ,,Roten Löwen“ umzuwandeln. Die Anschrift: Leipzig, Marktstr. 6 part. wurde später als Deckadresse für den Schriftwechsel W. I. Lenins mit der SDAPR (Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands) in den Jahren 1903 – 05 bekannt. Der Goldene Löwe wurde in dem Arbeiter-Wohngebiet bald zu einem Versammlungslokal der USPD, später der KPD und deren Unterorganisationen (KJVD – Kommunistischer Jugendverband Deutschlands, RFKB – Rotfront Kämperbund). Trotz allem haben Otto Jonack und die Gaststätte ,,Goldener Löwe“ die schweren Jahre der Nazizeit gut überstanden. Fritz Selbmann, erster Präsident des Landesarbeitsamtes Sachsen in den Jahren 1945/46 und späterer DDR-Wirtschaftsminister, schrieb in einem Buch über seine Rückkehr am 21. Mai 1945 in das kriegszerstörte Leipzig: ,,Ich war froh, dass ich an diesem späten Abend noch eine offene Tür fand; es war die Tür unseres Parteilokals im Osten der Stadt, der Gastwirtschaft ‚Zum Goldenen Löwen‘, in der Meißner Straße. Unser alter Parteiwirt, Otto Jonack, alt geworden in den Nazijahren, erzählte mir mit seltsam müder, resignierender Stimme, was sich in den letzten Monaten noch in Leipzig ereignet hatte …„.
Im letzten Leipziger DDR-Adressbuch von 1949 sind im Haus Meißner Str. 13 ein Werner Jonack als Gastwirt und Rudolf Jonack als Direktor eingetragen. Vielleicht ein Sohn oder Enkel von Otto Jonack?

Im März 1980 habe ich in der Meißner Straße zwei Bilder von den Häusern um den ,,Goldenen Löwen“ herum aufgenommen. In der Gastwirtschaft wird ,,Stadtbräu“-Bier ausgeschenkt, siehe Schild rechts neben der Lokaltür. Die meisten Häuser waren zu dem Zeitpunkt kaum noch bewohnbar oder auf Dauer bereits zugemauert – ein trauriger, resignierender Zustand …

1980.MaStr.13_05 1980.MaStr.13_04
2016.MaStr.13_03 2016.MaStr.13_02

Wenn man die jetzt im Juni 2016 aufgenommen schmucken Bilder darunter anschaut, dann glaubt man kaum, dass es sich um die gleichen Grundstücke handelt.
Bild links: Meißner Straße 7 bis 15 (rechts der Laden der früheren Bäckerei, im alten Bild zugemauert – dazu komme ich gleich).
Bild rechts: ein Stück von der Nr. 9 weiter bis zur Nr. 17 (mit einem kleinen Stück vom Kirchturm der Heilig-Kreuz-Kirche von Neustadt)

Die Gastwirtschaft ,,Goldener Löwe“ bestand noch bis Ende der 1980er Jahre, heute wacht zwar der Löwe noch über der Haustür, aber vom Lokal und seinem Eingang ist nichts mehr zu erahnen.


2016.MaStr.15Meißner Str. 15 (Marktstraße 7)
Der Neubau wurde in den Jahren 1873/74 als Mietshaus mit Laden und Putzfassade in geschlossener Bebauung errichtet.
———————-
Zeitungsrecherche:
Leipziger Dorfanzeiger Nr. 3, vom 8. Januar 1876, Seite 11
,,Eine schöne zweite und dritte Etage ist zu vermiethen und am 1. April zu beziehen. Näheres Schf. N. A., Marktstraße 59b, parterre.“
Anmerkung: Die Hausbezeichnung Marktstraße 59b bezieht sich auf die Durchnummerierung über die Brandkataster-Nummern – das entspricht dem heutigen Haus Meißner Str. 15.
———————
Laut Eintrag im Adressbuch der Leipziger Ostvororte aus dem Jahr 1882 wurden als Hausbesitzer die Maurer Carl August Quandt und Heinrich Hermann Brähne genannt. Über die Nutzung eines Laden ist in diesem Adressbuch nichts verzeichnet.
Mei15_LAB.1939Im Adressbuch der Jahre 1888/89 ist eine Ladennutzung als Bäckerei erkennbar – als wechselnde Bäcker sind Friedrich August Börngen bzw. Hugo Zehler benannt. Etwas mehr Kontinuität zieht ab dem Jahr 1890 mit dem Bäckermeisterb Gottfried Ernst Täubert ein, der hier bis zum Jahr 1903 tätig ist.
Ihm folgt ab 1904 der Bäckermeister Edmund Zschau bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1938. Sein Nachfolger im Haus ist der Bäckermeister Gerhard Schatter, siehe Ausschnitt aus dem Adressbuch des Jahres 1938.
LAB.1949_Schatter_Mei15Gerhard Schatter wird zumindest im letzten DDR-Adressbuch aus dem Jahr 1949 noch genannt. Wann und wie sich die Geschäftstätigkeit in der Bäckerei weiter entwickelte kann ich leider nur lückenhaft präsentieren. Im Branchen-Fernsprechbuch des Jahres 1963 ist Bäckerei Alfred Wille angegeben – Danke für diese Info an Andreas Hönemann.
Als wir im Frühjahr 1976 in die Schulze-Delitzsch-Straße umgezogen sind, habe ich in der ersten Zeit auch mal die Brötchen um die Ecke herum in der Meißner Straße geholt. Das könnte ja nur in dieser Bäckerei gewesen sein, die aber schon bald im Jahr 1976 oder 77 geschlossen wurde. Kurze Zeit später wurde das ganze Haus zur ,,Objektsicherung“ zugemauert wurde, siehe Bild oben aus dem Jahr 1980. ,,Ruinen schaffen – ohne Waffen“ war seinerzeit eine beliebte sarkastische Redewendung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s