Was soll der Löwe dort an der Wand?

… in der Meißner Straße

Meissner13-goldWir haben früher in der Schulze-Delitzsch-Straße gewohnt. Gleich um die Ecke kann man in der Meißner Straße auch heute noch ein Gebäude sehen, an dem über der Haustür ein Löwenkopf prangt!
Könnte das ein altes Hauszeichen sein, war der Hausbesitzer etwa ein Löwenjäger oder hat da etwa ein übereifriger Investor beim Sanieren seinen heimischen Löwen einfach dazumodelliert? Wann wurden diese Häuser hier gebaut? Wer hat da früher gewohnt und was war hier an Handel und Gewerbe angesiedelt?
All diese Fragen möchte ich versuchen im Folgenden zu ergründen …


An der Ecke Neustädter/ Meißner Straße geht es im Beitrag um folgende Häuser, hier in einem Kartenausschnitt der openstreetmap vom Leipziger Osten:

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Zur besseren Übersicht habe ich in der letzten Woche die folgenden Übersichtsbilder aufgenommen.
Links: von der Ecke Neustädter Straße (Nr. 36), rechts davon Meißner Str. Nr. 7, 9 bis zur Nr. 11.
Rechts: vom Hauseingang Meißner Str. 7 über die Nr. 9, 11, 13 bis zum Laden der Nr. 15

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Was läßt sich aus den Leipziger Adressbüchern, dem alten Flurbuch über Schönefeld aus dem Jahr 1840 mit Nachträgen und den ältesten ,,Acten im Intereße des Schönefelder Neuen Anbaues, ergangen im Jahre 1873 bis Juli 1876“ ermitteln?
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Gaeblers Verlagshaus, Leipzig-Neustadt, 1984

Das älteste Gebäude in diesem Straßenabschnitt ist das Eckhaus Neustädter Str. 36, das im April 1872 als Neubau mit der Hausnummer 63, damals in halboffener Bebauung,  übergeben wurde. Die Häuser im Neuen Anbau von Schönefeld (dem späteren Leipzig-Neustadt) wurden bis etwa 1875 … 79 mit der Brandkataster-Nummer durchnummeriert (BKN in der Tabelle, GB-Nr. meint die Grundbuch-Nummer).
Dieses Gebäude steht übrigens nicht in der sächsischen Kulturdenkmalsliste wie so manches benachbarte Haus …
Das Haus gehörte bis zum Jahr 1888 Herrn Dr. med. Ferdinand Schmidt bzw. seiner Witwe Cölestine Antonie Schmidt, dann übernahm es der Verleger Friedrich Eduard Gaebler (siehe auch Beitrag: Gaeblers geographischer Verlag). Der Anbau des Verlags- und Druckerei-Gebäudes in der damaligen Marktstraße 2 (auf der Skizze rechts in der Meißner Straße) erfolgte in den Jahren 1890/91. Laut einem Schreiben von Joachim Dammhain (Diplom-Geograph an der Deutschen Bücherei in Leipzig) aus dem Jahr 1996 wohnte ein Sohn Adolf Gaebler bis in die 1960er/70er Jahre noch in Neustädter Str. 36.


Meißner Str. 7 (Marktstraße 3)
Der Neubau wurde im Februar 1873 übergeben. Das Mietshaus, in geschlossener Bebauung mit Putzfassade, gehörte anfangs dem Korbmachermeister Karl Geidel, ab 1891 dem Hausschlächter / Fleischer Friedrich Hermann Preußer. Ob es im Haus oder Hof einen Fleischerladen oder eine Schlachterei gegeben hat, läßt sich aus der heutigen Gebäudeansicht nicht mehr ableiten. Seine Frau Marie Preußer war übrigens eine selbständige Hebamme. Sie wird im Leipziger Adressbuch aus dem Jahr 1918 als Hauseigentümerin geführt, im Jahr 1923 ist der Sohn Johannes als Inhaber eines Fuhrgeschäftes und Hauseigentümer eingetragen und im Jahr 1929 ist Hans (vielleicht selbiger Johannes?) Preußer als Eigentümer und ,,Gastw. z. Urwald“ in der Großen Fleischergasse 28 eingetragen. Danach wechseln die Eigentümer des Hause Meißner Straße 7 häufig.


BKN-61-01Meißner Str. 9 (Marktstraße 4)
Der Neubau mit der Brandkataster-Nummer 61 wurde in den Jahren 1873/74 errichtet. Das Mietshaus mit Putzfassade fügte sich in die geschlossene Bebauung der Straße ein. In der Kulturdenkmalsliste mit der ID 09293516 wird besonders die originale Ladenfront erwähnt.

2016.MaStr.9Als Hauseigentümer werden in den Adressbüchern aus den Jahren 1882 bis 1896 Richard E. Streller und seine Frau Rosine genannt, die auch Inhaber der ,,Droguen und Colonialwarenhandlung“ im Haus waren. Ab dem Jahr 1897 änderten sich die Eigentums-verhältnisse: das Haus übernahm der Zimmermann Arthur Tautz, das Geschäft Ludwig Anton Johannes Helmreich – danach wechselten Haus und Geschäft an den Produktenhändler Carl Cornrad.
Im Jahr 1920 übernahm Johannes Friedrich das Geschäft. Aus den Einträgen in den Leipziger Adressbüchern läßt sich die Umwandlung der Feinkosthandlung (1920) in eine Wurstfabrik (1922) und schließlich eine Spezialisierung zur Fleischsalat-Fabrik (ab 1927) nachweisen.

Friederich_LAB.1920 Mei09_LAB1922 Mei09_LAB.1927

LAB.1949_FleischsalatDie Fleischsalat-Fabrik hat auch den 2. Weltkrieg und auch die frühe DDR-Zeit gut überstanden. Ende der 1970er Jahre gab es sie noch. Wir wohnten ja gleich um die Ecke und ich kann mich noch gut erinnern wie erstaunt ich war, als ich das Fleischsalat-Schild am Haus gesehen habe. Gekauft haben wir damals dort nichts, weil wir unseren Fleischsalat immer selbst fabriziert hatten – da wussten wir wenigstens, was drin war …


Meißner Str. 11 (Marktstraße 5)
Der Neubau stammt vom Oktober 1872. Das Mietshaus wurde in geschlossener Bebauung mit einer Putzfassade errichtet.  Es ist in der Kulturdenkmalsliste unter der ID 09264194 eingetragen.

Im Adressbuch aus dem Jahr 1882 ist als Hausbesitzer der Schneidemühlen-Inspektor Johann Gottfried Dietze eingetragen. Vielleicht war er in der Dampfschneidemühle von Bäßler & Bomnitz angestellt, die damals noch auf dem benachbarten Areal westlich der heutigen Neustädter Straße angesiedelt war?
Die Hausbesitzer haben danach häufig gewechselt. Ab 1903 ist im Leipziger Adressbuch als Hausbesitzer der Lokomotivführer Johann August Baum zu finden. Er und später seine Witwe Berta Baum waren Hauseigentümer bis Ende der 1930er Jahre.


Aber, was hat es nun mit dem Löwen auf sich?

Davon mehr im zweiten Teil

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