Hof-Berichterstattung

aus der Schulze-Delitzsch-Straße,
Leipzig-Neustadt

L-Nst_SDS-14

… vorweg gesagt: es geht hier nicht um höhere Sphären und glänzende Hof-Berichte, sondern mehr um bodenständige, ganz weit unten angesiedelte Hof-Geschichten aus der Zeit des realen Sozialismus in der DDR. Den Zustand der Wohnhäuser kann man rechts im Bildausschnitt erahnen.
Die Geschichte beginnt am Gründonnerstag des Jahres 1976, am 15. April. Da sind wir als junge 23jährige Hochschulabsolventen mit unserem gerade geborenen Sohn von einer Abbruch-Wohnung in der Neuschönefelder Melchiorstraße in eine kleine Mansarden-Wohnung in der Neustädter Schulze-Delitzsch-Straße 16 (4. Etage rechts) umgesiedelt worden. Eine Wahl hatten wir nicht; es gab in der DDR keinen freien Wohnungsmarkt und wir hatten nicht die ,,richtigen“ Beziehungen nach Oben.

Umzug (1976)

Immerhin war der Umzug von der Wohnfläche und vom ,,Komfort“ her eine kleine Verbesserung; wir hatten jetzt 25,4 m² Wohnfläche, einen kleinen (regelmäßig feuchten) Keller, einen richtigen Gasherd in der Küche und ein Außenklo im Treppenhaus mit Wasserspülung. So toll war letzteres aber auch nicht: das Klo befand sich auf halber Treppe und musste mit der Nachbar-Wohnung geteilt werden(!).
Das Haus gehörte damals der Erbengemeinschaft Richter. Die Verwalterin des Hauses war damals die über 70jährige Frau Anna Richter. Sie wohnte schräg rüber neben der Schule in der Schulze-Delitzsche-Straße 27 in der ersten Etage. Einmal im Monat sind wir zu ihr rübergegangen und haben unsere fälligen Mietbetrag von 27,65 Mark bezahlt. Ich erinnere mich noch an das kleine A6-Vokabelheft, in dem das damals mit Bleistift eingetragen und mit dem ,,bezahlt“-Stempel von Frau Richter bestätigt wurde.
[Siehe auch Beitrag … über den Geschichtenschreiber.]

Das Haus Nr. 16 hatte auch einen Hof. Aber alle Hinterhöfe in Geviert waren, wie auf dem linken Bild unten zu sehen, mit vielen ein- bis zweistöckigen Hinterhof-Häusern zugebaut. Meistens handelte es sich schon in den 1970er Jahren um nicht mehr nutzbare Ruinen ehemaliger (und alter) Gewerbegebäude.

76-8_SDS_04 SDS_bing.mapspreview

Rechts: aktuelles Bild von ganz oben (Quelle Bing). Nach der Wende wurden der gesamte Wohnblock saniert, die Hinterhöfe entkernt und begrünt – sieht schon toll aus!

L-Nst_SDS-Höfe83-03Status quo um 1980

Unser Hof in der  Nr. 16 hatte auf der linken Seite ein kleines Waschhaus, da konnten wir unseren Kinderwagen sicher einschließen. Das war wichtig, weil in der Gegend viel geklaut wurde. Vis-à-vis vom Haus befand sich im Hof ein zweistöckiges leerstehendes altes Backsteingebäude, vielleicht ein altes Gewerbegebäude? Mehr konnte ich damals nicht herausbekommen. Und den Blick nach rechts habe ich im März 1983 aufgenommen. Man sieht im Vordergrund unseren Hof, nach hinten anschließend den Hof der Nr. 14 mit Hinter- und Seitengebäude und dahinter den Hof der Nr. 12 mit dem großen Bäckerei-Schornstein des Bäckers Queißer, bei dem wir anfangs noch unsere Frühstücks-Brötchen geholt haben. Da konnte man sprichwörtlich mal schnell in Pantoffeln rüber gehen – auch unser Sohn ist da gerne noch zum Brötchenholen gegangen. Anfang der 1980er Jahre mußte der Bäcker aber schließen, weil der Backofen irreparabel kaputt gegangen war. Das war aber damals nicht ganz so tragisch, weil es in der Umgegend soweit ich mich erinnere noch ein paar Bäcker gab: z.B. einen in der Mariannenstraße und zwei in der Ludwigstraße.

Gab es da früher mehr Bäcker im Wohngebiet und wem gehörten die Häuser Schulze-Delitzsch-Str. 12, 14 und 16? Darüber ein kleiner…

historischer Rückblick

a) zu den Bäckern im Wohngebiet

Im Reudnitzer Tageblatt, Nr. 142, vom Mittwoch, den 15. September 1886, ist ein aktuelles Bäcker-Verzeichnis der damaligen Gemeinde Neustadt bei Leipzig abgedruckt.

Demnach gab es damals insgesamt 21 Backwarenhändler (!) und das waren die Bäcker und ein paar interessante Preise

Bäcker-Liste.1886

(auch mit ,,unserem“ Bäcker Rudloff in der Alleestraße 31, heute das Haus Schulze-Delitzsch-Str. 12) und folgende im Jahr 1886 genannten Backwarenhändler

Gebäckhändler-Liste.1886

Zur besseren Visualisierung der genannten Geschäfte habe ich eine kleine Lageskizze ergänzt …

l-neustadt_1883+Bä86

und eine Übersetzungshilfe für die alten Straßennamen angefügt:

alter Plan (1883)                              heute (2016)
Alleestraße                                       Schulze-Delitzsch-Straße
Eisenbahnstraße                             wieder so
Hauptstraße                                     Neustädter Straße
Hedwigstraße                                  unverändert
Kirchweg                                          Hermann-Liebmann-Straße
Ludwigstraße                                  unverändert
Lutherplatz                                     (Teil der) Rosa-Luxemburg-Straße
Mariannenstraße                            unverändert
Markt                                              Neustädter Markt
Marktstraße                                    Meißner Straße

b) zu Hauseigentümern und Geschäften

in der Schulze-Delitzsch-Straße Nr. 12 bis 16.
Erst mal kurz eine Anmerkung zu den Straßenbezeichnungen und Hausnummern.
Die Alleestraße wurde bis zum Jahr 1907 (?) fortlaufend, beginnend am Lutherplatz,  auf der linken Straßenseite bis Straßenende und von dort auf der rechten Seite aufsteigend durchnummeriert. Laut Leipziger Adressbuch (LAB) ab 1908 beginnend am Lutherplatz wechselseitige (auch heute noch übliche) Häuser-Nummerierung eingeführt. Straßenumbenennung ab 1913 in Wissmannstraße und ab 1950  in Schulze-Delitzsch-Straße.

Wie ich aktuell ermitteln konnte, ist das älteste dieser drei Häuser unser ehemaliges Wohnhaus in der Schulze-Delitzsch-Str. 16 [damals Allestraße Nr. 29]. Es wurde als Miethaus mit Putzfassade und Tordurchfahrt im Jahr 1878 in geschlossener Bebauung errichtet und steht sogar unter Denkmalsschutz. In der sächsischen Liste der Kulturdenkmale wird es unter der Objekt-ID 09293284 geführt.
Als ersten Besitzer (und wahrscheinlich auch Bauherrn) konnte ich in einem alten Adressbuch aus dem Jahr 1882 den Leipziger Bürger Herrn Christian Friedrich Wilhelm Däumichen ermitteln. Er hat um 1880 herum auch das schmalere Nachbargebäude Schulze-Delitzsch-Str. 14 [damals Allestraße Nr. 30] bauen lassen.

Laut Angaben in den Leipziger Adressbüchern (LAB), den alten Adressbüchern der Leipziger Ostvorstädte und eigenen Ermittlungen habe ich über die Häuser in der Schulze-Delitzsch-Straße 12, 14 und 16 folgendes herausgefunden:

Nr. 12
Brandkatsternummer Nst. 67 (erlaubt Zuordung des Grundstücks)
ursprüngliche Straßenbezeichnungen: Alleestraße 31, ab 1908 Alleestraße 12, Straßenumbenennungen siehe oben
Baujahr: um 1885
Bauherr und Eigentümer: Bäckermeister Eduard Rudloff, ab 1942 Rudloffsche Erben
Handel: Bäckerei Rudloff mit Backstube im Hof, ab 1912 Bäckermeister Wilhelm Schulze, nach 1945 Feinbäckerei Erich Zschau, danach bis Anfang der 1980er Jahre Olaf Queißer, Schließung Anfang der 1980 … 81
Gewerbe: nichts bekannt

Nr. 14
Brandkatasternummer Nst. 68
ursprüngliche Straßenbezeichnungen: Alleestraße 30, ab 1908 Alleestraße 14, Straßenumbenennungen siehe oben
Baujahr: um 1880
L-SDS14_09-85Bauherr und Eigentümer: Christian Friedrich Wilhelm Däumichen (aus Leipzig), Eigentümer ab 1888 Bäckermeister Eduard Rudloff, Hinterhaus zur gewerblichen Nutzung ab 1902 im Stadtplan eingezeichnet, Haus nach Teileinsturz im September 1985 abgerissen (siehe Bild rechts), Neubau in den 1990er Jahren
Handel: ab 1908 erwähnte Grünwarenhhändler/in im Parterre Marie Schwarzbach, 1912 Franz Buschendorf, ab 1929 Zigarrenhandlung Willy Mopser bis 1942 im LAB genannt [d.h., es könnte dort einen Laden gegeben haben]
Gewerbe: ab 1918 Schlosserei Gustav Kalusa im Hinterhaus, ab 1937 in die Kohlgartenstr. 23 umgezogen, danach keine gewerbiche Nutzung bekannt

Nr. 16
Brandkatasternummer Nst. 69
ursprüngliche Straßenbezeichnungen: Alleestraße 29, ab 1908 Alleestraße 16, Straßenumbenennungen siehe oben
Baujahr: 1878, steht heute unter Denkmalsschutz …
Bauherr und Eigentümer: Christian Friedrich Wilhelm Däumichen (aus Leipzig), Eigentümer ab 1889 Sattlermeister Hermann Richter, ab 1937 Geschwister Richter, ab 1942 Richtersche Erben, Hinterhaus zur gewerblichen Nutzung ab 1902 im Leipziger Stadtplan eingezeichnet
Handel: ab 1907 im LAB erwähnte Produktenhandlung Franz Haftenberger, ab 1918 Alma Haftenberger, ab 1930 Lebensmittel Hermann Horsch (Frau Horsch wohnte bis etwa Ende der 1970er Jahre noch in der Parterre-Wohnung), diesen Laden nutzte der Malermeister M. Neumann (und manchmal auch wir!) als Barraum mit der Rarität der Gegend: einer Badewanne 😉
Gewerbe: im Haus (vielleicht auch Nutzung Hinterhaus) ab 1929 Malermeister Neumann & Vobis, 1942 nichts erwähnt, in den 1970/80er Jahren Malermeister Manfred Neumann (bis zu seiner Ausreise in die BRD Mitte der 1980er Jahre)

Nachbetrachtung, heute

20160523_154616Nach dem Tod unserer Hausverwalterin Anna Richter Anfang der 1980er Jahre hat ihre Schwester Doris Schubert die Verwaltertätigkeit und unsere monatlichen Mietkassierungen übernommen. Die Geschwister wohnten schon seit Jahren gemeinsam in der Schulze-Delitzsch-Str. 27. Infolge finanzieller Schwierigkeiten hat sie unser Haus schließlich Mitte der 1980er Jahre an die Gebäudewirtschaft Leipzig (GWL) verschenkt.

Nach der Geburt unseres zweiten Kindes war die 25 m²-Wohnung viel zu eng geworden und im Dezember 1985 haben wir mit dem Ausbau einer Wohnung an der Ecke Neustädter/ Ernst-Thälmann-Straße begonnen. Umzugstermin war Anfang Juli 1986. In der neuen Wohnung hatten wir zu viert 85,4 m² Wohnfläche, das war toll. Noch toller war der Mietepreis von 55 Mark und 55 Pfennige. Zur Wohnung gehörten eine Bodenkammer, ein trockener Keller und außerdem hatten wir (unsere erste) Badewanne und IWC mit eingebaut.

Auf dem rechten Bild ist der heutige Bebauungszustand zu erkennen. Alle Häuser sehen wieder chic aus. Links das sanierte ,,Kulturdenkmal“ Haus Nr. 16 mit dem alten Laden – in der Mitte der Neubau Nr. 14 – und rechts das sanierte Haus Nr. 12. Wenn man genau hinschaut, dann kann man auf der linken Seite der Nr. 12 im Mauervorsprung noch erahnen, dass dort früher der Bäckerladen gewesen ist. Ich finde auch die Spiegelung der Häuser im Autodach interessant.

Und: ja, aus den ,,Höfen“ an der Schulze-Delitzsch-Straße ist wieder was geworden …

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