Montagsdemo, 16. Oktober ’89 – Tapetenwechsel

Wir fordern einen Tapetenwechsel!

Montag, am 16.10.1989

LE_Birke-02Am Morgen wird im Radio auf ,,Sender Leipzig“ das Knef-Chanson vom ,,Tapetenwechsel“ gespielt. Das ist schon kühn von den Radiomachern und eine provokative Aufforderung sich in der Dämmerung in Leipzig auf den Weg zu machen.
Im Text heißt es:
Ich brauch‘ Tapetenwechsel sprach die Birke
Und macht‘ sich in der Dämmerung auf den Weg
Ich brauche frischen Wind um meine Krone
Ich will nicht mehr in Reih und Glied
In eurem Haine stehen, die gleiche Wiese sehen
Die Sonne links am Morgen, abends rechts.
(Hildegard Knef, 1970)

Zwischenbemerkung: Den Zusammenhang zwischen geforderten Reformen und dem dazu erforderlichen Tapetenwechsel kannte zu dieser Zeit jeder DDR-Bürger. In einem stern-Interview hatte der SED-Chefideologe Kurt Hager (1912 – 1998) abwertend im April 1987 nach der Frage zu den Gorbatschow-Reformen (Perestroika) in der UdSSR erklärt,  dass er niemals seine Wohnung tapezieren würde, nur weil der Nachbar das tut. Als typischer SED-Betonkopf stand Hager mit dieser herrschaftlichen Meinung auch im Oktober ’89 nicht allein da. Die mangelnde Einsicht in die reale DDR-Welt kann man aus der Erklärung des Politbüro des ZK der SED vom 11.10.89 entnehmen:
Wir haben alle erforderlichen Formen und Foren der sozialistischen Demokratie. Wir rufen auf, sie noch umfassender zu nutzen. Doch wir sagen auch offen, dass wir gegen Vorschläge und Demonstrationen sind, hinter denen die Absicht steckt, Menschen irrezuführen und das verfassungsmäßige Fundament unseres Staates zu verändern.
Und am 14. Oktober hatte Karl-Eduard von Schnitzler in seiner Sendung „Der Schwarze Kanal“ im DDR-Fernsehen die Kritiker des real existierenden Sozialismus als „impotent und unbefugt“ beschimpft.

… und in der Dämmerungszeit des 16. Oktobers habe ich mich etwa um halb 6 zu Fuß (Straßenbahn fuhr nicht mehr) auf den Weg in Richtung Karl-Marx-Platz begeben: von der Neustädter Straße über die Ernst-Thälmann-Straße, Rosa-Luxemburg-Straße, Schützenstraße zum Georgiring. Schon von der Schützenstraße aus hörte ich unvergeßlich das rhythmische Rufen, das in dann in die Geschichte einging:
,,Wir sind das Volk“
(Die Betonung lag dabei auf dem ersten Wort).

89-10-16_01Auf dem Karl-Marx-Platz wurde auch viel gesungen und gerufen, z.B. ,, Schnitzler in den Tagebau!“ (Melodie : Ja wir sind mit’m Radel da …), ,,Freie Wahlen“, ,,Gorbi“, ,,Pressefreiheit“, ,,Völker hört die Signale“ …
Eine beklemmende Stimmung – aber, Singen und Rufen macht offenbar locker  🙂
Es war kurz vor 6, der Platz war brechend voll, und als von der Nikolaikirche die ersten Leute von den Friedensgebeten kamen, da setzte sich der Demonstrationszug vom Platz über den Georgiring in Richtung Hauptbahnhof in Bewegung – mit mir. Inzwischen nahm der Demonstrationszug  die gesamte Straßenbreite des Rings ein, auch am Hauptbahnhof zogen wir dichtgedrängt auf allen vier Straßenbahn- und sechs Autofahrspuren vorbei. Polizisten waren so gut wie nicht zu sehen oder sind in der Menge einfach untergegangen. An die Straßenbahnhaltestelle ,,Hauptbahnhof“ kann ich mich noch gut erinnern: dort waren Straßenbahnen stehen geblieben, die wegen des Demonstrationszuges nicht weiterfahren konnten – die Fahrer haben uns beim Vorbeigehen zugewunken.
Das war ein tolles Gefühl der Zusammengehörigkeit!!!
Ja, wir waren uns alle einig: wir wollten dieses unfähige System nicht mehr haben.

Weiter ging es über die Kreuzung Gerberstraße zum (damaligen) Friedrich-Engels-Platz in Richtung der STASI-Gebäude an der ,,Runden Ecke“. Alle Fenster vom Gebäude waren dunkel. Aus den Demonstranten-Reihen auf der Straße ertönte ein gellendes Pfeif-Konzert. Es wurden immer wieder Zettel weitergereicht, auf denen mit Schreibmaschine oder von Hand nur zwei Worte geschrieben standen: ,,Keine Gewalt!“.

Auch an der Runden Ecke waren keine Polizisten oder sonstige Einsatzkräfte zu sehen – dort standen aber junge Leute mit Spruchband-Schärpen, auf denen ganz groß ,,KEINE GEWALT“ oder ,,NEUES FORUM“ stand und die das Gebäude vor möglichen Gewalttaten schützen sollten. Das war wichtig, weil den Staatsorganen kein Vorwand zum gewaltsamen Eingreifen geboten werden sollte!

An dieser Montagsdemonstration in Leipzig beteiligen sich 120 000 Bürger.

89-10-17_NDDDR-Medien:

Erstmals meldet die ,,Aktuelle Kamera“ in den Nachrichten des DDR-Fernsehens in der Spätausgabe die Leipziger Montagsdemonstration.

Am darauf folgenden Tag (17.10.1989) nahm sogar das ,,Neue Deutschland“ (Zentralorgan der SED) erstmalig Notiz von den Montagsdemonstrationen in Leipzig.

… das Sächsische Tageblatt (17.10.1989, Ausgabe Leipzig) hatte ich bereits oben erwähnt. Das war eine Zeitung der Liberaldemokraten und die war damals schon ein klein wenig kritischer   😉

Nach einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa, hatten zu diesem Zeitpunkt 42.000 DDR-Bürger über Ungarn, seit dessen Grenzöffnung im September 1989, das Land verlassen. In Warschau wurden in der dortigen DDR-Botschaft 49 Bürger aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen.

Anmerkung: der Fotoapparat blieb an diesem Tag zu Hause, keiner wusste wie es ausgehen würde …

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