Marie & Bruno in Leipzig-AC (1890-92)

ABL_AC_1891_s.78Die erste eigene Wohnung meiner Urgroßeltern Marie und Bruno Stein befand sich in Leipzig-Anger/Crottendorf in der Rudolfstraße 3 [heute: Herbartstraße 3].
Laut Eintrag im Leipziger Adressbuch des Jahres 1891 hat die kleine Familie hier in der dritten Etage gewohnt.

alte_Bilder.Album_Marie_04Mein Urgroßvater Ernst Bruno Stein hatte Ende September 1889 seine Militärdienstzeit beendet. Infolge der Verlängerung seiner Dienstpflichtzeit von 2 Jahren um weitere 2 Jahre war ihm eine Schutzmannstelle beim damaligen Polizeiamt in Leipzig zugesagt worden. Diese Dienststelle konnte er aber erst am 1. Januar 1890, mit der Eingemeindung verschiedener Vororte zu Leipzig antreten. Eingemeindet wurden an diesem Tag unter anderen auch die Leipziger Ost-Vororte Neustadt, Neuschönefeld und Anger-Crottendorf.

Das regelmäßige Einkommen war sehr wichtig, weil er damit endlich seine Braut Pauline Marie Löffler heiraten konnte (beide hatten zu dieser Zeit ja bereits den 1 1/2 jährigen Sohn Bruno Gerhard [meinen Großvater]). Die Hochzeit wurde schließlich am 3. Februar 1890 in Döbeln gefeiert und anschließend wurde die erste gemeinsame Wohnung in der Rudolfstraße 3 in Anger-Crottendorf  bezogen.  Sie  lag nicht weit von der 13. Polizeiwache entfernt, in der Bruno Stein als Schutzmann angestellt war. Die Wache befand sich im alten Schulgebäude des alten Ortsteils Anger in der Zweinaundorfer Straße 1. Das Gebäude stand damals auf der Kreuzung Hauptstraße (heute: Breite Straße) / Zweinaundorfer Straße (1910 abgerissen).Leipzig-AC_1894
In seinen Erinnerungen hat Bruno folgendes zu seiner Arbeit als Schutzmann geschrieben:
,,Es war körperlich ein schwerer Dienst. Das am Tage meiner Anstellung zu Leipzig einverleibte Dorf Anger-Crottendorf war (mit anderen Beamten gemeinsam) mein Dienstbezirk.  Das Pflaster der Straßen war sehr schlecht und bestand aus Kopfsteinen. In den Fahrstraßen waren oftmals große Vertiefungen. Wir mußten instruktionsgemäß immer in der Mitte der Fahrstraße gehen. Wenn man nun bedenkt, dass die zu begehenden Runden so groß waren, dass man gut zu marschieren hatte, um die vorgeschriebenen Straßen, immer zwei Stunden auf dem schlechten Pflaster, danach eigentlich immer zwei Stunden in der Wachstube und dies bei dem 24stündigen Dienst, also zwölf Stunden Straßenmarsch, so kann man sich denken, wie man nach Beendigung dieser 24 Stunden erschöpft war. Während der zwei Stunden in der Wachstube mussten unsere schriftlichen Arbeiten erledigt und viele Dienstwege besorgt werden.“
Nach Beendigung seines 24stündigen Dienstes hatte er eigentlich 24 Stunden frei. Aber in der Freizeit wurden häufig Sonderdienste anberaumt: in Uniform politische Versammlungen begleiten, am Gewandhaus oder den Theatern der Stadt die Kutschenanfahrten regulieren, Tanzmusik-Veranstaltungen in den vielen Leipziger Sälen überwachen. Er hatte selten Ruhe und berichtete weiter:
,,Froh war ich deshalb, als ich nach einem Jahre nach der inneren Stadt versetzt wurde, wo mehr Posten stehen in Frage kam, das zwar manchmal ganze Nerven erforderte, aber körperlich doch nicht so anstrengend war…“
Laut Unterlagen meines Urgroßvaters war er im Jahr 1890 auch zeitweise an die 12. Polizeiwache in der Thonberger Schulgasse 11 (heute: Eichlerstraße) ausgeliehen.

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Bild links: Wohnhaus Herbartstraße 3 im Herbst 1991, mit glattem Außenputz etwa in Bildmitte – in seiner Fassadengestaltung glich dieses Gebäude früher sicher dem (rechten) Nachbarhaus.
Bild rechts: gleicher Blick mit ungleich schönerem Fassadenanblick im Herbst 2015

Am 3. April 1891 wurde in der Rudolfstraße Otto Helmut Stein geboren, er starb aber bereits nach zwei Wochen am 18. April. Die Säuglingssterblichkeit lag in dieser Zeit noch sehr hoch, vergleichbare Unterlagen weisen eine Sterblichkeitsziffer von 25 bis 30 pro 1.000 Geburten in den Leipziger Vororten aus. Die mittlere Lebenserwartung im Deutschen Reich lag deshalb verhältnismäßig niedrig bei etwa 40 Jahren.

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Die Wohnung lag günstig. An der nächsten Ecke befand sich seit 1887 die Pferdebahn-Endstelle der Linie vom Augustusplatz nach Anger-Crottendorf am Restaurant ,,Albertgarten“. Mit der Pferdebahn konnte man damals in 17 Minuten bis zur Leipziger Innenstadt fahren. Die Postkartenkopie (links) zeigt das Restaurant ,,Albertgarten“, vorn die Haltestelle der (Pferde-) Straßenbahn – im Jahr 1991 fuhr hier noch die Linie ,,2″, heute fahren hier die Buslinien ,,72″ und ,,73″. Rechts am Kartenrand ist ein Teil der damaligen Rudolfstraße zu erkennen, ganz hinten vielleicht die Wohnhäuser Nr. 1 und 3 …

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