Die Leipziger Eisenbahnstraße

Bahnübergang an der Eisenbahnstraße, um 1850

Bahnübergang Eisenbahnstraße,
Schönefelder Weg um 1850

[Im Neustädter Markt Journal, Heft 6 (Februar 1992) auf Seite 10 ff. erschienen.  Mit Ergänzungen vom August 2015.]

Die Leipziger Eisenbahnstraße (zeitweise Ernst-Thälmann-Straße) entstand vor etwa 180 Jahren mit dem Bau der ersten deutschen Ferneisenbahnlinie von Leipzig nach Dresden, unmittelbar neben dieser Strecke im Osten von Leipzig.
Stadtauswärts, etwa im Bereich der linken Straßenseite und des linken Fußwegs der heutigen Straße, fuhren bereits 1837 die ersten Züge von Leipzig nach Althen.

Auf Grund dieser Vorgeschichte verläuft die heute etwa 2,5 km langen Eisenbahnstraße fast schnurgerade und auf sehr ebenen [Bahn-]Niveau. Von Bahndämmen und Einschnitten wie auf dem Bild ist allerdings nichts mehr zu sehen.

Situationsplan der östlichen Leipziger Vororte (etwa 1875) historische Linienführung der Leipzig-Dresdner Eisenbahn an der Eisenbahnstraße bei Neuschönefeld Bereits im folgenden Jahr 1838 wurden südlich dieser neu entstanden Bahnlinie am damaligen Kirchweg (heute: H.-Liebmann-Str.) erste Wohnhäuser, damals noch auf Schönefelder Feldflur, gebaut. Im Jahr 1844 wohnten dort bereits 300 Einwohner und ein Jahr später wurde dieses  Gebiet als Gemeinde Neuschönefeld bei Leipzig selbständig. Bis 1863 wurde das Gemeindegebiet eng und fast vollständig bebaut (etwa 5000 Einwohner).
„Feldwege waren unsere Straßen…“schrieb der Gemeindevorsteher in der Chronik. Diese Straßen wurden ab 1862 mit Öllampen, ab 1867 bereits mit Gaslaternen beleuchtet. In den Jahren 1858 bis 1864 entstand nördlich dieses Bahnabschnitts ein Dampfsägewerk, das der Ausgangspunkt für die Bebauung der nördlich der Leipzig-Dresdener Eisenbahnstrecke gelegenen Schönefelder Feldflur ab 1866 war, aus dem dann der Neuen Anbau von Schönefeld bzw. später Leipzig-Neustadt hervor ging.

Auf nebenstehendem Situationsplan ist die Eisenbahn-Linienführung an der heutigen Kreuzung Rosa-Luxemburg-Straße / Eisenbahnstraße in einem Kartenausschnitt aus dem Jahr 1875 ersichtlich:

  • von links nach rechts verlaufen die Gleise der Leipzig-Dresdner-Eisenbahnlinie, seinerzeit viergleisig verlegt
  • die Gleise von links oben nach rechts unten gehören zur Verbindungsbahn, die damals etwa im Straßenverlauf der Lutherstraße in Richtung zum Bayerischen Bahnhof verlief
  • zu sehen ist auch ein Stück Eisenbahnstraße – das erste Stück nach der Schienenkreuzung bis zum Rietzschke-Bach gehört noch zu Reudnitz, nach der Rietzschke folgt die Neuschönefelder Eisenbahnstraße

Ab 1879 wurde der gesamte Eisenbahnverkehr, auch die Verbindungsbahn zum Bayrischen Bahnhof, über die neuen Gleisanlagen nördlich des Neuen Anbaus (ab 1881: Neustadt bei Leipzig) geleitet.

Auf einem Teil dieses Bahnkörpers konnte ab dem 22. Dezember 1882 erstmals die Pferdebahn von der ,,Central-Haltestelle“ Augustusplatz durch die Wintergartenstraße und die neu angelegte Eisenbahnstraße bis zur Ecke Kirchstraße (heute: Hermann-Liebmann-Straße) fahren. Ab dem 14. Mai 1887 fuhren die Pferdebahnen dann bis nach Volkmarsdorf zur Torgauer Straße.

Mit der Eingemeindung der östlichen Vororte von Leipzig 1889 und 1890 musste auch die Nummerierung der inzwischen auf eine Länge von etwa 2 km gewachsenen Eisenbahnstraße angepasst werden. Bisher begann die Nummerierung am ersten Stück in Reudnitz mit Nr. 1 bis 3 bis zur Rietzschke und wurde nach dem Bach auf der rechten Neuschönefelder Seite wiederum mit 1 beginnend bis zur Nr. 39 an der  Kirchstraße fortgesetzt. Auf der linken Neustädter Straßenseite begann die Nummerierung natürlich auch mit der 1 bis zur 20 an der Kirchstraße. Ab dort begann ja die Gemeinde Volkmarsdorf und hatte natürlich auch eine ab Nr. 1 auf der linken Seite mit den ungeraden Ziffern und mit der 2 auf der rechten Seite mit den geraden Ziffern durchgehende Nummerierungen bis zur Torgauer Straße. Das gleiche setzte sich dann ab der Torgauer Straße auch auf dem Gebiet der Gemeinde Sellerhausen mit der Nr. 1 beginnend fort …  😉 😉 😉

Im Leipziger Stadt- und Dorfanzeiger vom 4. Januar 1890 ist auf Seite 1 die neue durchgehende Nummerierung der Eisenbahnstraße von der Ortslage Reudnitz bis nach Sellerhausen festgeschrieben, sonst hätte z.B. ein verzweifelter Postbote bei einem Brief in die Eisenbahnstraße Nr. 1 an fünf möglichen Empfänger-Adressen probieren müssen …

Ab dem 31. Oktober 1896 wurde die Straßenbahnlinie durch die Eisenbahnstraße mit elektrischen Triebwagen befahren – diese Linie führte inzwischen durchgehend von Plagwitz bis nach Volkmarsdorf.

Dem Leipziger Adressbuch des Jahres 1907 kann man eine interessante Statistik zu den bevölkerungsreichsten Leipziger Straßen entnehmen:

  1. Eisenbahnstraße          6807 Einwohner (x)
  2. Wurzner Straße           5740 Einwohner
  3. Ludwigstraße               5107 Einwohner (x)
  4. Merseburger Straße   4997 Einwohner
  5. Mariannenstraße        4614 Einwohner (x)

Unter den fünf Erstplatzierten befinden sich drei Straßen (x), die zumindest das Neustädter bzw. auch in einem Fall das Neuschönefelder Gemeindegebiet tangieren!

In den 1920er Jahren wurde die Eisenbahnstraße wegen der ab den 1890er Jahren neu erbauten, teils repräsentativen bis prachtvollen Bürgerhäuser, den reichhaltigen Geschäftsaustattungen und den guten Flaniermöglichkeiten auch als ,,Broadway“ von Leipzig bezeichnet. Zu DDR-Zeiten wollte man das gern mit der Neugestaltung eines ,,Boulevard Ernst Thälmann“ in den späten 1970er Jahren wieder reanimieren, siehe auch Beitrag zum Bebauungsplan aus den 70er Jahren.
Heute wissen wir, dass die Städte- und Verkehrsplanungen der DDR  weit an den Möglichkeiten und Bedingungen der DDR-Wirtschaft vorbei gingen, zumal ab 1977 von der Partei- und Staatsführung nur noch der Ausbau einer Stadt zur Weltstadt vorgesehen war, der Hauptstadt Berlin.

Wie es im Sommer 1980 bzw. Frühjahr und Sommer 1990 auf der Ernst-Thälmann-Straße so aussah habe ich versucht in zwei Bildbeiträgen zu dokumentieren. Fazit: es ging langsam, aber sicher, bergab – viele historische Gebäude vor allem auf der Neuschönefelder Straßenseite verschwanden in diesen Jahren.

L_Kunstfest-c1Auch heute muss die Eisenbahnstraße wieder um ihr Image kämpfen. Die Gegend wird heute häufig mit dem Schlagwort ,,Nahost“ bezeichnet und das meint auch solche Themen wie der hohe Migrantenanteil mit vielschichtigen anderen Lebensgewohnheiten, ein erhöhter Anteil von Kleinkriminellen und Drogendealern, aber auch die zunehmende Studenten-Gentrifizierung,  – das sind beliebte Pressethemen, die sich nicht immer im Alltagserleben wiederspiegeln …

Anmerkungen:
Carlstraße – heute Teil der Neustädter Straße,
Kirchweg bzw. Kirchstraße – heute Hermann-Liebmann-Straße
Plan der Leipziger Ostvororte – Bildquelle unbekannt

Leipzig, im Januar 1992 und im August 2015,
Harald Stein

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