aus der Jugendzeit meines Großvaters in Leipzig (1903 – 1914)

Mein Großvater Bruno Gerhard Stein (1888-1951) war ein echtes Unikum.
Das läßt sich zumindest aus den mir vorliegenden Aufzeichnungen seines Vaters Bruno und seiner Geschwister Margarethe und Rudolf entnehmen.
Gerhard_1913_Turnfest

Er war das erste von insgesamt sieben Kindern meiner Urgroßeltern Bruno und Marie Stein (zwei waren noch im Kleinkindalter verstorben). Als ältestes Kind musste er seinen vier Geschwistern natürlich immer ein Vorbild sein. Dabei hat er es nicht immer einfach gehabt. Sein Vater hatte als kleiner städtischer Beamter nur ein schmales Einkommen und die Wohnverhältnisse waren für die große Familie stets sehr beengt – von einem unbeschwerten Jugendleben war er oft weit entfernt.
Er hatte schon als Kind eine ausgeprägte Phantasie und hat immer gleich versucht seine manchmal auch ungewöhnlichen Ideen tatkräftig umzusetzen, so auch seine beruflichen Pläne. Seine Eltern haben ihn dabei soweit sie konnten unterstützt und gefördert.

Gerhard als Maurer beim Gesellenstück 1907

Gerhard als Maurer beim Gesellenstück 1907

Einem Bericht aus der Familienchronik folgend, hatte Gerhard nach dem Besuch der Leipziger Ratsfreischule (am Rosental) im Jahr 1903 als 15jähriger eine Lehre als Maurer bei der Leipziger Baufirma Bruno Oelschlägel begonnen. Seine Familie war im diesem Jahr in die Gohliser Marienstraße 21 (später Reginenstraße) in eine enge zwei Zimmer/ Kammer/ Küche-Wohnung umgezogen.

Während der Lehrzeit als Maurer besuchte er im Winterhalbjahr in den ersten Jahren zunächst die städtische Gewerbeschule, später im Winter zusätzlich die Staatliche Bauschule in der Leipziger Südstraße, um einen Abschluss als Baumeister zu erreichen.
Große Anforderungen wurden an ihn im Sommer gestellt, wenn er früh von Gohlis mit dem Fahrrad nach Leipzig-Dölitz zur Baustelle fuhr, von dort zur Gewerbeschule und endlich am Abend gegen 21:45 Uhr wieder nach Hause kam und sein ,,verspätetes“ Mittagbrot essen konnte.

Zu Hause konnte er bald berichten, dass er in der Bauschule wegen seiner guten Leistungen kein Schulgeld mehr zu entrichten brauchte und wenig später sogar vom sächsischen Ministerium des Inneren ein monatliches Taschengeld erhielt. Das erhielten nur fleißige und begabte Schüler – seine Eltern waren stolz auf ihn, auch wenn er oft bis in die Nacht hinein zu zeichnen hatte.

Über den Direktor der Bauschule erhielt Gerhard eine gut bezahlte Stellung als Bautechniker am Landbauamt Leipzig.

Mit 18 Jahren hatte Gerhard eine feste Freundin: Luise, meine spätere Großmutter.
Sie war die Tochter des Straßenbahnhofs-Verwalters der Großen Leipziger Straßenbahn in Leipzig-Connewitz. Heiraten konnten beide in der damaligen Zeit selbstverständlich noch nicht, weil Gerhard mit seinem niedrigen Einkommen noch keinen eigenen Hausstand gründen konnte. Vom Kennenlernen bis zum Hochzeitstermin im Jahr 1914 mussten noch 8 Jahre vergehen.
Luise (Lieschen) hat ihm oft kleine Kartengrüße mit städtebaulich interessanten Motiven geschickt wie hier im Beispiel vom Abbruch der Pleißenburg. Im Jahr 1905 war an dieser Stelle das Leipziger Neue Rathaus eingeweiht worden. Interessant ist, das beide bei ihrer Korrespondenz im Gegensatz zur gebräuchlichen Sütterlin-Schrift die lateinische Schrift verwendet haben (vielleicht konnten die Eltern das nicht so schnell entziffern 😉

LE_1908_01pk

Leipzig, Postkarte vom Abbruch der Pleißenburg,
(Bild etwa 1897)

Gerhards Freundin Luise im Jahr 1908 Gerhard_1912

Berta Luise Richter (*01.09.1887) und Bruno Gerhard Stein (*20.05.1888)
Fotos aus dem Jahr 1908

Leipzig, Physikalisch-Chemisches Institut, Linnéstraße 2 im Jahr 2015

Leipzig, Physikalisch-Chemisches Institut,
Linnéstraße 2 im Jahr 2015

Vom Landbauamt wurde Gerhard in den Jahren 1908-09 die Bauleitung des Grundstück-Umbaus vom ,,Goldenen Bär“ (Haus an der Ostseite der Leipziger Universitätsstraße) und danach auch die Bauleitung bei der Erweiterung des ,,Physikalisch-Chemisches Institut“ in der Linnéstraße übertragen.

Im Oktober 1909 wurde seine berufliche Laufbahn unterbrochen, weil er zur sächsischen Armee, Schützenregiment Nr. 108 in Dresden, einrücken mußte.

Als er im Jahr 1911 vom Militär entlassen wurde, fand er beim Rat der Stadt Leipzig Anstellung als Techniker im Hochbauamt und erhielt den ehrenden, aber sehr verantwortungsvollen Auftrag, in Leipzig-Eutritzsch Gebäude, Hallen und Tribünen für das im Jahr 1913 in Leipzig abzuhaltenden ,,Deutschen Turnfest“ zu bauen. Das brachte ihm nicht nur große Anerkennung bei seinen Vorgesetzten und der,,Deutschen Turnerschaft“, sondern von letzterer auch eine Prämie von 500 Reichsmark ein.

Im Sommer 1913 legte Gerhard auch mit guten Ergebnissen seine Baumeister-Prüfung an der Staatlichen Bauschule ab. Damit konnte er sich endlich mit seiner langjährigen Freundin Luise offiziell verloben und die Hochzeit wurde im Januar 1914 gefeiert.

2009-07-26_01

Hochzeitsfoto Luise und Gerhard Stein, am 3. Januar 1914,
hier ein Familienfoto im Atelier des Fotografen Hermann Walter in Leipzig

Auf dem Hochzeitsfoto ist die ganze Familie Stein mit ihren nächsten Angehörigen zu sehen:
von links nach rechts
Margarethe mit ihrem Freund Otto Thielemann, daneben Maria Richter (Schwester der Braut) mit ihrem Begleiter, davor Bruder Rudolf Stein und die Mutter der Braut Berta Richter,
in der Mitter das Brautpaar,
rechts davon Walther Stein mit Begleiterin und ein (?) Freund von Gerhard, davor seine Eltern (meine Urgroßeltern) Marie und Bruno Stein und ganz rechts seine (jüngste, 9jährige) Schwester Herta.

Einem grandiosen Karriere-Start stand dem jetzt 26jährigen ehrgeizigen Jung-Baumeister eigentlich nichts mehr im Wege …

… aber, ab August 1914 begann der erste Weltkrieg und Gerhard musste über die gesamte Kriegszeit ins Feld einrücken. Er kam als 30jähriger zwar unverletzt, aber doch im Innersten verändert, wieder nach Hause, in den Wirren der Nachkriegszeit war jedoch ein richtiges ,,Durchstarten“ kaum noch möglich.
Mit Mühe fand er nach dem Krieg eine Stelle als Stadtbaumeister in Leipzig.

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