Filmriss an der Hildegardstraße, Juni 1984

Filmriss an der Hildegardstraße, Juni 1984
oder
,,Wer sind Ihre Auftraggeber?“

L.-Volkmarsdorf, Hildegardstraße, Februar 2015

L.-Volkmarsdorf, Hildegardstraße, Februar 2015

Geht man heute im Leipziger Osten durch das Neubaugebiet zwischen Hermann-Liebmann-Straße und dem Volkmarsdorfer Markt, dann guckt man an der Hildegardstraße verwundert: ,,Wo soll hier ein Haus mit der Nummer 3 gestanden haben?“ Wie man auf dem nebenstehenden Bild sieht – da ist offenbar auf der linken Seite hier nichts bebaut.
Aber, das war nicht immer so gewesen …

Der 28. Juni 1984 war ein Donnerstag.
Ich weiß nicht mehr, von wem ich die haarsträubende Information erhalten hatte – von Mattias B. oder von Jürgen U. oder von Dieter S.:
in der Hildegardstraße war am Abend vorher ein altes Wohnhaus im bewohnten Zustand teilweise eingestürzt!

Auszug aus dem Stadtplan Leipzig, 1983

Auszug Ostvorstadt aus dem Leipziger Stadtplan von 1983

Der Info zufolge hatten die Familie in der obersten Etage dieses dreistöckigen, über 100 Jahre alten Mietshauses eine Erschütterung gespürt und wollten die Nachbarn fragen was los war. Beim Öffnen der Wohnungstür mussten sie mit Entsetzen feststellen, dass das Treppenhaus eingestürzt war, es gähnte ein Loch …
Weil wir, schräg rüber von diesem Wohngebiet in der Neustädter Schulze-Delitzsch-Straße, ja auch in über 100jährigen nicht so stabilen Mietshäusern wohnten, haben wir uns natürlich auch Sorgen gemacht.

Tathergang:
Deshalb bin ich dann am Nachmittag, so gegen 5 Uhr, mit meiner Exa 1a bewaffnet, losgezogen, um zu nachzuschaun, ob an dieser Geschichte was dran war und im Falle der Fälle auch paar Detailaufnahmen in der Hildegardstraße zu machen. Ich bin die Liebmannstraße bis zur Bogislawstraße runtergelaufen und dann um die Ecke bis zur Hildegardstraße gegangen. Da war auch schon auf der linken Straßenseite Schutt bis auf den Fußweg der Hildegardstraße zu sehen. Die Hildegardstraße war an dieser Stelle mit rot-weißen Verkehrskegel bis etwa zur Straßenmitte abgesperrt. Das habe ich mir dann aus der Nähe angeschaut und dabei auch paar Bilder fotografiert. Gerade als ich gehen wollte, kam plötzlich aus einem der gegenüberliegenden Häuser ein Mann im grauen Trenchcoat heraus und rief mir zu: ,,Volkspolizei, sofort stehenbleiben!“ Und schon hatte er mich wie einen Kriminellen am Kragen gepackt. ,,Was soll das?“ oder so ähnlich habe ich reagiert. Daraufhin schnautzte er: ,,Sie sehen doch, dass die Straße mit Verkehrskegeln abgesperrt ist – da ist Fotografieren grundsätzlich verboten!“ und ,,Ziehen Sie sofort den Film aus Ihren Apparat!“ Das war ein Befehl und in der Diktatur des realen Sozialismus hatte man nur die Chance sich zu beugen. Alles andere konnte ja als Widerstand gegen Staatsorgane sofort geahndet werden.

Auszug aus meinem Film-Journal 1984

Auszug aus meinem Film-Journal 1984

Also habe ich den Rückseitendeckel der Exa 1a-Kamera geöffnet und den ORWO NP15-Film herausgezogen [= belichtet, nachträglich hab ich das dann auch in meinem Film-Journal vermerkt, siehe rechts stehender Auszug]. Das reichte ihm aber noch nicht aus: ,, Sie kommen jetzt sofort zur Feststellung Ihrer Personalien mit aufs Revier!“ Das war gleich um die Ecke das VP-Revier Leipzig-Nordost in der Hermann-Liebmann-Str. 42. Dort kam noch ein zweiter Ziviler im Trenchcoat dazu, der sich als Hauptmann xyz vorstellte und mich gleich sehr laut ansprach: ,,Wer sind Ihre Auftraggeber!!!“

VP-RevierVolkmarsdorfIrgendwie hatte ich wohl geäußert, dass ich hier wohnen würde und dass wir uns Sorgen um den Zustand der alten Häuser gemacht hätten … Ich weiß nicht, ob ihn das beeindruckt hatte – zur weiteren Klärung der Personalien  wurde ich unter Bewachung eines uniformierten Polizisten aus dem Revier in eine nach außen vergitterte Kellerzelle gesperrt. Bemerkung: ,,Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben“ – Eh, was hatte ich bloß getan …???

Kurz nach 8 Uhr wurde ich dann unter der Maßgabe mich zukünftig an Recht und Ordnung zu halten endlich wieder nach Hause entlassen.

… ja, so toll konnte es damals in der DDR zugehen.

Dieser Häuser-,,Fall“ war natürlich top secret und wurde in keiner der Tageszeitungen oder sonstigen DDR-Medien auch nur andeutungsweise erwähnt, man findet auch heute darüber nichts im Internetz, außer diesem Beitrag jetzt gerade …

 

 

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