über Straßen und Plätze auf Neustädter Gebiet

[dieser Artikel basiert auf einem Text aus dem Heft 1 zur Wohngebietsgeschichte, das im Jahr 1988 im Eigenverlag des WBA 102 in Leipzig-Neustadt erschienen war]

Straßen, Plätze und deren Namen in Leipzig-Neustadt

Geschichte_03Heute gibt es auf dem Gebiet von Leipzig-Neustadt zwölf Straßen. Willkürlich kann man in folgende Rubriken unterteilen:
–   führende Vertreter der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, Politiker (3),
–   bedeutende eisenbahn-historische Leipziger Persönlichkeiten (2),
–   Namen ehemaliger Besitzer des Rittergutes Schönefeld, auf dessen Territorium der Ort entstand (3)
und
–   Orts- und territorial bezogene Bezeichnungen (4).Für die hohe Bevölkerungsdichte im Wohngebiet sprechen auch die Zahlen der Volkszählung von 1910, nach der von den acht einwohnerreichsten Leipziger Straßen allein drei durch das Neustädter Wohngebiet verliefen.

1. Heutige Straßennamen
Die mit *) gekennzeichneten Straßennamen sind nur in Leipzig vorkommende Bezeichnungen.
Die Aufzählung erfolgt in alphabetischer Reihenfolge.

Bussestraße*)
Friedrich Busse war von 1839 bis 1861 Bevollmächtigter und Schöpfer der ersten Betriebseinrichtung der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie.
Bebauung erfolgte im Zeitraum 1892 bis 1905.

Einertstraße*)
Dr. Wilhelm Einert war von 1865 bis zu seinem Tod 1868 Vorsitzender im Direktorium der Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Compagnie.
Bebauung erfolgte im Zeitraum 1894 bis 1907.

Eisenbahnstraße
Auf der stadtauswärtig linken Straßenseite war bis 1879 der Bahnkörper der Leipzig- Dresdner Eisenbahn angelegt. Diese 1837 bis 1839 errichtete Trasse stellte damals hohe Anforderungen an die deutsche Eisenbahntechnik. Als erste deutsche Fernbahn ging sie in die Geschichte ein. Ein Gleisreststück lag noch bis etwa 1890 als Anschlussgleis im Gelände der Dampfschneidemühle von Bäßler & Bomnitz.
(im Zeitraum von 1945 bis 1990: Ernst-Thälmann-Straße)
Bebauung erfolgte im wesentlichen von 1887 bis 1896.
Bezeichnung, etwa ab Entstehung der Leipzig-Dresdner Eisenbahntrasse vor 1840.
Im Jahr 1910 unter den einwohnerreichsten Straßen Leipzigs nach Äußerer Höllischer Straße (9257) mit 7099 Einwohnern an zweiter Stelle.

Hedwigstraße*)
Baronesse Freiin Clara Hedwig von Eberstein (1817—1900) war Rittergutsbesitzerin von Schönefeld. Sie war zweites Kind der Marianne W. von Eberstein. Mit der Parzellen-Spekulation auf Neuschönefelder und Neustädter Gebiet legte sie den Grundstein für ihr Millionenvermögen.
Bebauung erfolgte ab 1873.
/Bebauung zwischen Ludwigstraße und Eisenbahnstraße erts ab … /
Bezeichnung bis 1873: Straße VI.

Hermann-Liebmann-Straße*)
ungeradzahlige Straßenseite ab 83
Hermann Liebmann wurde am 18.8.1882 geboren, war Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Groß-Leipzig. Als konsequenter Vertreter der Einheitsfrontpolitik gegen die Nazis wurde er 1933 als eines der ersten Opfer des faschistischen Terrors verhaftet, erblindete bei seinem Aufenthalt in den KZ Colditz und Hohnstein und starb am 6. 5. 1935.
Bebauung des genannten Straßenabschnitts im Zeitraum von 1875 bis 1892. Bezeichnung bis 1888 Schönefelder Kirchweg bzw. Kirchweg, bis 1933 Kirchstraße, bis 1945 Alfred-Kindler-Straße.

Ludwigstraße*)
bis Nr. 68/79
Ludwig Schneider, Landrentmeister, kaufte 1794 das Rittergut Schönefeld für seinen Bruder Johann Ulrich Schneider, Kaufmann aus Leipzig, der aber eigentlicher Eigentümer war. Nach dem Tod von J. U. Schneider 1815 wurde daher dessen Tochter Marianne Wilhelmine Rittergutsbesitzerin.
Bebauung des Abschnitts zwischen Neustädter Straße und Hermann-Liebmann-Straße ab 1868 bis 1892, des Abschnitts bis Neustädter Straße 1891 bis 1900.
Im Jahr 1910 unter den einwohnerreichsten Straßen Leipzigs mit 5050 Einwohnern an fünfter Stelle nach Wurzner Straße (6468) und Merseburger Straße (5059). Bezeichnung bis 1873: Straße II.

Mariannenstraße*)
bis Nr. 72
Marianne Wilhelmine von Eberstein geb. Schneider (1792 bis 1849) war Rittergutsbesitzerin von Schönefeld. Sie heiratete 1815 den Hauptmann Franz Botho von Eberstein, fünf Kinder.
Bebauung des Abschnitts zwischen Neustädter Straße und Hermann-Liebmann-Straßs ab 1870 bis 1882, Abschnitt bis Neustädter Straße 1900 bis 1907.
Im Jahr 1910 unter den einwohnerreichsten Straßen Leipzigs mit 4517 Einwohnern an achter Stelle.
Bezeichnung bis 1873: Straße III.

Meißner Straße
Benannt nach Stadt Meißen.
Bebauung des Abschnitts zwischen Neustädter Straße und Hermann-Liebmann-Straße ab 1872 bis 1838, Abschnitt bis Neustädter Straße 1903 bis 1907.
Bezeichnung bis 1373: Straße IV., bis 1905 Marktstraße.

Neustädter Markt
Benannt nach ehemaligem Marktplatz im Territorium.
Bebauung 1875 bis 1882, Kirche 1893/94.
Bezeichnung bis 1905: Markt.

Neustädter Straße
ab Nr. 9/18 benannt nach Ortsbezeichnung.
Bebauung ab 1866 bis 1880 (geradzahlige Nr.) sowie 1891 bis 1907 (ungeradzahlige Hausnummern und Nr. 18).
Bezeichnung bis 1873: Straße I., bis 1900 Hauptstraße.

Rosa-Luxemburg-Straße
ab Nr. 48a
Rosa Luxemburg (5.3.1871-15.1.1919 ermordet) war Führerin der deutschen und internationalen Arbeiterklasse. Gemeinsam mit Karl Liebknecht war sie erste Vorsitzende der KPD.
Bebauung ab 1872 bis 1875 – Häuser zwischen Schulze-Delitzsch-Straße und Sammelbahnhof-Areal, übrige Wohnhäuser (geradzahlige Nr.) ab 1893 bis 1905.
Historisch gesehen ältester Straßenverlauf im Wohngebiet, siehe Tauchaer Straße.
Bezeichnung bis 1872 Schönefelder Weg bzw. Schönefelder Spritzenweg, oberer Teil ab Schulze-Delitzsch-Straße bis 1905: Lutherplatz, unterer Teil: Alleestraße bis 1891 und Äußere Tauchaer Straße bis 1905, bis 1945 gesamte Straße als Teil der Tauchaer Straße.

Schulze-Delitzsch-Straße
Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) war ein kleinbürgerlicher Ökonom und Politiker, Begründer des bürgerlichen deutschen Genossenschaftswesens.
Bebauung ab 1875 bis 1882, Teil an der Hermann-Liebmann-Straße (ungeradzahlige Nr.) 1903 bis 1907.
Bezeichnung bis 1873: Straße V., bis 1918: Alleestraße, bis 1949: Wissmannstraße.

2. Alte Straßenbezeichnungen

Hist-17Das städtebauliche Projekt aus dem Jahr 1866 sah für das zu bebauende Areal im Schönefelder Neuen Anbau die Neuanlage von zehn Straßen, zunächst bezeichnet mit I bis X, vor.

Per Bekanntmachung des Königlichen Gerichtsamts Leipzig I, vom 21. 10. 1873, wurden davon sechs Straßen benannt. Infolge der Verlegung der Leipzig- Dresdner Eisenbahn-Trasse von der damaligen Eisenbahnstraße nach Norden und der Neuanlage eines Sammelbahnhofs in diesem Areal konnte die Anlage der neuen Straßen im nördlichen Ortsteil nicht erfolgen, siehe nebenstehendes Bild, die Straßen VII bis X wurden nicht angelegt.

Im Rahmen der Eisenbahn-Trassenverlegung wurde die Hedwigstraße im Jahr 1883 bis zur Eisenbahnstraße hin verlängert.

Folgende ältere Straßenbezeichnungen bedürfen noch einer Erläuterung.

Alfred-Kindler-Straße
Alfred Kindler (1907 – 16. 10. 1932) war ein Leipziger SA-Mann, der in der damaligen Kirchstraße auf zweifelhafte Weise erschossen wurde. Der Mord wurde damals natürlich den Kommunisten angelastet. Heute Hermann-Liebmann-Straße.

Alleestraße
In den ersten Jahren noch unbebaute Straße mit Baumbepflanzung.
Heute: Schulze-Delitzsch-Straße.

Ernst-Thälmann-Straße
Ernst Thälmann wurde am 16. 4. 1886 geboren, deutscher Arbeiterführer, führendes Mitglied der USPD, Vorsitzender der KPD, Aufenthalte am 17.3.1925 und 9.4.1932 in Leipzig-Neustadt, März 1933 von den Nazis verhaftet und am 18.8.1944 im KZ Buchenwald ermordet.
Bezeichnung der Eisenbahnstraße im Zeitraum von 1945 bis 1990: Ernst-Thälmann-Straße.

Kirchweg, Kirchstraße
Früher als Weg zur Schönefelder Kirche von den Einwohnern der zur Kirchen-Parochie Schönefeld gehörenden Dörfer Volkmarsdorf, Reudnitz, Anger, Crottendorf, Neuschönefeld und schließlich auch Neustadt benutzt. Verlor mit dem Bau der Kirchen in Reudnitz, Volkmarsdorf und Neustadt seine wörtliche, ursprüngliche Bedeutung.
Heute: Hermann-Liebmann-Straße.

Hauptstraße
Ursprünglich dazu bestimmt, den Hauptverkehr von Leipzig, Neuschönefeld und Reudnitz aufzunehmen und weiterzuführen. Infolge der schnellen Bebauung wurde auf dem Stück zwischen Ernst-Thälmann-Straße und Ludwigstraße nicht die vorgeschriebene baupolizeiliche Straßenbreite eingehalten, so daß heute dort noch eine Straßenverengung zu beobachten ist.
Heute: Neustädter Straße.

Lutherplatz
Martin Luther (1483-1546) war der Initiator der deutschen Reformation. Unter anderem mit der Bibelübersetzung vom Lateinischen ins Deutsche lieferte er bedeutende Beiträge zur Entwicklung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache.
Die zum Lutherplatz gehörenden vier Häuser wurden im Zeitraum 1985/86 abgerissen, jetzt Grünanlage an der Ecke Rosa-Luxemburg-/Schulze-Delitzsch-Straße.

Marktstraße
Den ehemaligen Marktplatz des Ortes tangierende Straße.
Heute: Meißner Straße.

Schönefelder Spritzenweg bzw. Schönefelder Weg
Verbindungsweg von Schönefeld nach Leipzig. Durch die Verlegung der Eisenbahntrasse aus der Eisenbahnstraße nach Norden unterbrochen.
Ursprünglich war auf diesem Weg die Feuerlösch-Verbindung von Leipzig nach dem Nachbardorf Schönefeld gewährleistet.

Tauchaer Straße, Äußere Tauchaer Straße
Hinweis auf eine alte Straßenverbindung von Leipzig über Schönefeld (Gorkistraße) nach Taucha, etwa im Verlauf der sogenannten Niederen Straße. Die Niedere Straße läßt sich bis in die Zeit 11./12. Jahrhunderts zurückverfolgen und könnte (möglicherweise) auch dem Verlauf der Tauchaer Straße schon gefolgt sein.
Beide letztgenannten Straßen heute Rosa-Luxemburg-Straße.

Wissmannstraße
Hermann von Wissmann (1853-1905) war Gouverneur der deutschen Kolonie Deutsch- Ostafrika.
Heute Schulze-Delitzsch-Straße.

Ergänzend
L.-Neustadt_1883 … ist noch eine Bemerkung zur Nummerierung der Häuser notwendig. In der ersten Zeit der Ortsentwicklung wurden die Häuser nach ihrer Brand-Kataster-Nummer bezeichnet, so daß es zum Beispiel eine Marktstraße 105 gab.
Im Adreßbuch für die Ostvorstadtorte Leipzigs 1882 sind auf die jeweiligen Straßen bezogene Nummerierungen zu entnehmen. Grundsätzlich wurde links beginnend, fortlaufend bis zum Straßenende und dann auf der rechten Straßenseite zurück, nummeriert.
Die heute gebräuchliche wechselseitige Straßennummerierung mit gerader Nummerierung auf der rechten Straßenseite, ungerader auf der linken wurde ab der Eingemeindung von Neustadt zu Leipzig 1891 beginnend bis 1908 eingeführt.
Kurios ist, daß im Bebauungsboom der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts an der Nahtstelle Neustädter Straße einige Hausnummern nicht vergeben werden konnten. Die Häuser wurden größer als ursprünglich in der Bebauungskonzeption vorgesehen ausgeführt, so daß auf dem gleichen Straßenabschnitt weniger Häuser als geplant entstanden. Das war für die Bauunternehmen eine profitablere Lösung. Wenn man heute aufmerksam hinschaut, dann kann man das noch bei der Nummerierung der Häuser in der Ludwig-, Mariannen- und Meißner Straße feststellen.

Leipzig, im Februar 2015

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