… und Nachdenkliches zur Weihnachtszeit

[Im Neustädter Markt Journal, Heft Dezember 1994 auf Seite 4 ff. erschienen.]

HISTORISCHES
… und Nachdenkliches zur Weihnachtszeit

Zu Weihnachten 1994, als dieser Artikel geschrieben wurde, waren nicht nur viele Freunde, Nachbarn und Verwandte, sondern auch der Drogist, der Bäcker und der Gemüsemann an der Ecke von der Gegend an der Eisenbahnstraße weggezogen. Die Einwohnerzahl im Neustädter Gebiet nahm damals rapide ab.
Es gab immer weniger jüngere Einwohner – der Anteil älterer Bürger stieg an, relativ gesehen.


le_nst-01nIn der Vergangenheit des Wohngebietes waren die Verhältnisse eher umgekehrt.
Im Jahr 1874 wohnten im noch jungen Schönefelder Ortsteil „Neuer Anbau“ insgesamt 2695 Einwohner, davon waren 1098 Kinder – mehr als 40 %!
Die Zahl schulpflichtiger Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren stieg innerhalb von vier Jahren von 356 auf 650 und kurz vor der Eingemeindung von Neustadt zu Leipzig auf 1529 Kinder.
In der Weihnachtszeit ging es bei den meisten Familien sicher viel bescheidener zu als man das heute kennt. Das Einkommen reichte damals gerade zum Lebensnotwendigen. Kleine Ersparnisse, so weiß ich aus einem Brief meines Urgroßvaters, mussten häufig für einen Arztbesuch schon geopfert werden. Da blieb es zu Weihnachten nur bei einem kleinen, zweckmäßigen Geschenk: Kleidung, Bettwäsche oder selten ein Buch…
In einer Fabrikordnung der Leipziger Glockengießerei G. A. Jauck hieß es zum Beispiel:
„… auf Geschenke wie zur Messe, zu Weihnachten usw. hat der Arbeiter keinen Anspruch.“
An eine Aufbesserung der kargen Bezüge durch ein 13. Monatsgehalt, Weihnachtsgeld oder ähnliches war also nicht zu denken.

Da ist es nicht verwunderlich, dass man in den damaligen Zeitungen alljährlich lesen konnte:
„Neustadt. Behufs Veranstaltung einer Christbescherung für wohlgesittete und fleißige Schulkinder unbemittelter Eltern, sowie für Waisenkinder hat sich ein Comité gebildet…“
Über den Ablauf einer solchen „Christbescherung armer Kinder“ in Neustadt kann man im „Reudnitzer Tageblatt“ vom 16. Januar 1885 wie
folgt lesen:

Weihn.1884

Interessant finde ich dabei, dass derartige Weihnachtsfeiern erst nach den Weihnachtsfeiertagen stattfanden. Der Höhepunkt des Weihnachtsfestes war damals offenbar der Familie Vorbehalten. Heute bildet der familiäre Heilig-Abend eher den Abschluss zahlreicher Betriebs-, Schul-, Kirch-, Senioren- und dergleichen mehr Weihnachtsfeiern – für viele ein wahrer „Weihnachts-Stress“.
Nun aber noch eine heute etwas kurios anmutende Zeitungsmeldung zum Jahreswechsel. In der „Leipziger Vorstadt-Zeitung“ vom 31. Dezember 1887 kann man folgenden Artikel lesen:
„Neustadt. Auf Beschluss des Gemeinderaths ist den Schutzleuten sowie dem Straßenwärter das Gratulieren zum Neuen Jahr verboten worden, wovon die Einwohnerschaft zur gefälligen Beachtung bei dem bevorstehenden Jahreswechsel in Kenntnis gesetzt wird.“
Daran braucht sich zum Glück heute keiner mehr zu halten, so daß ich zum Schluss noch Ingeburg, Annelie, Thomas … oder gibt es noch andere Leser… ein schönes Weihnachtsfest wünschen kann.

Leipzig, Ende November 1994 Dr. H. Stein

 

Anmerkung: Falls jemand die Fraktur-Schrift nicht lesen kann, dann bitte melden. Ich stelle dann noch eine „Übersetzung“ auf diese Seite 😉

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