Mauersteinchen, November ’89 in Berlin

Mauerst.1

ein Berliner Mauersteinchen, 1989
Hartbeton mit Zement aus Karsdorf

In den Tagen von Mitte Oktober bis Anfang November überschlugen sich in der DDR die Medien täglich mit haaresträubenden Neuigkeiten in den Nachrichten: da war Erich gestürzt worden, ein wendehalsiger Egon wollte alles scheinbar besser machen, fast täglich gab es Rücktritte, ungeahnte Enthüllungen, so ’ne Art Doku-Soap über Wandlitz und auch von „Reiseregelungen“ wurde gesprochen …

Am 9. November wäre da gegen 22 … 23 Uhr eine Radio-Meldung zu einer Reiseregelung von unserem Lieblingssender NDR  beinahe von uns überhört worden.
Das konnte doch nicht stimmen, die Berliner Mauer sollte geöffnet worden sein?

Zuerst dachten wir, dass das nur für Berlin gilt und zum Zweiten hieß es ja auch eine „Zeitweilige Übergangsregelung des DDR-Ministerrates für Reisen und ständige Ausreise aus der DDR“ und das konnte auch bedeuten, dass diese Regelung nach einer Woche wieder aufgehoben werden konnte. Natürlich wollten wir uns das alles nicht entgehen lassen und so beschlossen wir am 18. November mit dem Zug nach Berlin zu fahren.

Am Sonnabend, den 18. November sind wir: meine Frau, ich und unsere beiden 13 bzw. 4 Jahre jungen Söhne,  in Familie sozusagen, frühzeitig mit dem Zug zu unseren nahen Verwandten nach Berlin gefahren. Sie wohnten in der Schönhauser Allee und von dort aus war es nicht weit bis zu einem kurz vorher neu eröffneten Grenzübergang / ein Mauerdurchbruch an der Bernauer/Eberswalder Straße.

Auf dem in der DDR herausgegebenen Berliner Stadtplan waren für Westberlin nur „öde Flächen mit S-Bahnanschluss“ (ein Scherz, natürlich wussten wir, das die Karte nicht richtig war) eingezeichnet und da sah diese Gegend so aus:
Berlin_BernauerStrMit unseren Personalausweisen für den Grenzübertritt in der Hand sind wir am späten Vormittag zum neuen Grenzübergang an der Bernauer Straße gelaufen. Dort war zwar viel Betrieb, aber es war schon (fast heitere) Routine zu sehen.
Einer der kontrollierenden Grenzsoldaten hatte einen Bauchladen-Tisch , darauf legten wir unseren Ausweis und er drückte den Grenzübergangsstempel auf eine freie Seite. Das war’s schon – fast unglaublich …
Und so passierten wir die (ehemalige) Grenze.
89.11_guestAuf dem Bild kann man gut die durchbrochenen DDR-Seite der Mauer mit den kontrollierenden Grenzsoldaten sehen, dahinter der „Todesstreifen“ mit einem abgegrenzten Übergangsweg und im Hintergrund die zweite Mauer zu Westberlin.
Die Stempel sahen so aus:

89.11_B3 89.11_16
Stempeleintrag im Personalausweis,
zu erkennen ist „18.11.“ … und „Güst“ für Grenzübergangsstelle, weil es für den neu errichteten Übergang an der Bernauer Straße noch keinen namentlichen Stempel gab.
Auf der letzten Seite im Personalausweis wurde das Rückkehrdatum eingestempelt, wir waren am gleichen Tag wieder zurückgekommen.

Auf der Westberliner Seite erhielten wir erstmal eine kostenlose Zeitung (BZ-Sonderausgabe, im Bild rechts) mit einem ordentlichen Stadtplan in die Hand gedrückt, damit wir uns oriertieren konnten.89.11_04pk
Zum Zweiten wurde uns mitgeteilt, dass die DDR-Bürgen als Gäste in Westberlin die öffentlichen Verkehrsmittel gratis benutzen konnten und gleich in der Nähe eine Bus-Haltestelle war. Der Fahrer vom typischen Doppelstock -Bus hat uns auch besonders herzlich begrüßt und mitgeteilt, dass der Bus extra an einer Bank in der Brunnenstraße hält, wo die erstmals in Westberlin eingetroffenen DDR-Bürger ein Begrüßungsgeld ( für uns: 4 x pro Person 100 DM = 400 DM) abholen könnten. Das Angebot haben wir genutzt und hatten damit wenigstens die Möglichkeit auch mal was zu Essen oder zu Trinken zu kaufen.

Was wir uns für’s Begrüßungsgeld gekauft haben?
Jedenfalls nicht so spektakuläre Dinge wie die meisten anderen DDR-Grenzübertreter (billige Radioanlagen oder so’n Kram).
Wir haben das meiste Geld aufgehoben, denn wer wusste schon, ob es wieder mal „Westgeld“ gab?
In einem Blumengeschäft haben wir uns eine schöne Yucca-Palme und unser Sohn hat sich eine Tüte Haribo-Goldbären mitgebracht.

… und ein kleines Mauersteinchen.

Gegen Abend sind wir dann am Grenzübergang Friedrichsstraße wieder nach Berlin (Ost) zurückgekehrt.

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