Montagsdemo, 13. November ’89

Leipzig, Montag der 13. November 1989

89.11_08pkDer Leipziger Montagabend am 13.11.1989 hatte eine entscheidende Bedeutung, weil sich die Frage stellte: kommt jetzt nach der Maueröffnung in der letzten Woche noch jemand zur Montagsdemo auf den Leipziger Ring oder verflachen jetzt die Regime-Proteste?
Eine mögliche Erwartung der DDR-Staatsführung nach der Maueröffnung war, dass die Demonstranten und Regimekritiker in der „Westen“ gegangen sind oder jetzt zu ihren Westverwandten unterwegs waren oder zum Einkaufen in den Westen gefahren sind. Auch durch eine Vielzahl organisierter Foren und Gesprächsrunden sollten Leute in den großen Städten von der Straße geholt werden.

Ist das aufgegangen?

Wir wohnten damals im Osten Leipzigs in der Neustädter Straße und von dort aus konnte man per pedes in gut 15 Minuten in der Stadt sein. Ich musste an dem Abend auch zu Fuß in die Stadt laufen, weil wegen der Montagsdemos keine Straßenbahn über den Ring fahren konnte, es gab sogar einen Extra-Demo-Umleitungs-Fahrplan.

89.11.08_lvb 89.11_Mo-Umleitungsplan
Die Leipziger Straßenbahn-Fahrerinnen und -Fahrer waren immer solidarisch mit den Demonstranten gewesen. Um ein rechtzeitiges Erscheinen zur Demo zu gewährleisten wurde am 8. November ein Sonderfahrplan herausgegeben. Ich hab das hier mal skizziert: damit der Innenstadt-Ring für die Demonstranten frei blieb wurden alle Linien so geführt, dass sie vor dem Ring abgebogen sind.

Gegen 19 Uhr bin ich also zu Fuß am Karl-Marx-Platz (heute wieder Augustusplatz) angekommen.
Der Platz war wieder voller Menschen und erneut waren bald etwa 200.000 Demonstranten auf dem Leipziger Ring unterwegs. Ich bin bis zur Fußgängerbrücke (Blaues Wunder) am „konsument“-Warenhaus mitgelaufen und habe dort versucht mit meiner Kamera Bilder vom großen Menschenstrom auf dem Ring aufzunehmen.

89.11_09pkGegen 1/2 8 sah ich von der Fußgänger-Brücke aus, dass plötzlich dichter Nebel (Industrie-Smog) über der Stadt aufzog , es roch nach Schwefel und Phenolen. Später habe ich in der Zeitung gelesen, dass an diesem Abend über 3.000 mg SO2/m³ in der Innenstadt gemessen worden waren – weit über dem [heute] zulässigen Grenzwerten.
Schemenhaft sind auf dem Bild gerade noch die Orientierungstafeln vor der Kreuzung Gerberstraße zu erkennen, die Sicht reichte an dem Abend nicht mal bis zum etwa 500 m entfernten Hauptbahnhof. Eine fast gespenstische Aussicht, die aber auch zeigte, dass nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch wegen der maroden Umwelt demonstriert wurde. Die Polizei (Bereitschaftspolizei) hält sich zurück, rechts am Bildrand nur ein Beobachter zu sehen.

89.11_08pkVon der Fußgänger-Brücke aus rief das NEUE FORUM über ein Megafon die Demonstranten immer wieder zur Gewaltlosigkeit auf.

Fazit des Abends: Nein, die Grenzöffnung und kleine „Reförmchen“ haben keinen Umschwung der Proteste gebracht, der Wille der vielen Demonstranten zu grundlegenden Veränderungen in der DDR ist ungebrochen.

Beide Aufnahmen mit Exakta-Varex VX, Domiplan 50 mm auf ORWO NP27 (Schwarz/Weiß-Negativfilm).

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