… über ein Neustädter Soldatengrab

[Der Text stammt aus einem Manuskript vom Schönefelder Stadtchronisten Ernst Wohlrath, dass er mir im Jahr 1987 freundlicherweise zur Verfügung gestellt und einem im Neustädter Markt Journal, Heft Nr. 26 im November 1993, ab Seite 6 erschienen Artikel.]

Historische Betrachtung über ein Neustädter Soldatengrab
Hist-54Auf der Neustädter Seite der Eisenbahnstraße wurden die ersten Wohnhäuser im Jahr 1887 errichtet. Beim Bau des Hauses Nr. 57 (heutige Bezeichnung) stieß man damals, von den Zeitungen fast unerwähnt, auf ein altes Soldatengrab. Kurz und knapp stand in der „Leipziger Vorstadt-Zeitung” am 27. August 1887 dazu folgender Artikel:
„Auf dem Solbrigschen Bauplatz, Ecke Eisenbahn- und Hedwigstraße, stieß man gestern gegen Abend beim Abgraben von Sand in einer Tiefe von etwa einem halben Meter auf ein Grab, welches vier Skelette enthielt; außerdem fand sich noch eine Kanonenkugel mittleren Kalibers vor. Ohne Zweifel stammen diese Überreste noch aus den Befreiungskriegen.“
Das erwähnte Grab stammte also aus den Tagen der Völkerschlacht bei Leipzig und bietet die Gelegenheit, zwischen 18.0ktober (180. Jahrestag der Schlacht) und 17. November (Bußtag), einmal über diese Zeit im Leipziger Gebiet nachzudenken.
In der näheren Umgebung findet man heute nicht mehr viele Zeugnisse dieser Zeit.

AHist-54n der Ecke Chopin-/Reudnitzer Straße wurde vor kurzem das Kugeldenkmal wieder errichtet.

Ursprünglich erinnerte ein 1845 vom Leipziger Stadtrat Lampe gestifteter Denkstein an 126 Tote eines Massengrabes an dieser Stelle. Im Jahr 1863 wurde das eigentliche Kugeldenkmal mit 57 auf dem Schlachtfeld gefundenen Kanonenkugeln errichtet. In den siebziger und achtziger Jahren dieses Jahrhunderts verfiel das Denkmal fast bis zur Unkenntlichkeit. Nahegelegen gibt es auch an der Dresdner Straße in Reudnitz und in Alt-Schönefeld Gedenksteine.
Im Jahr 1813 hatte Leipzig etwa 32.000 Einwohner.

Um die Stadt herum hatte Napoleon im Oktober 1813 eine Steitmacht von 202334 Mann zusammengezogen, die von 361102 Soldaten der Verbündeteten fast vollständig umschlossen wurden.

Da kamen also auf  jeden Einwohner der Stadt Leipzig etwa 20 Soldaten – unvorstellbar!

Das war für die Stadt Leipzig, schon ohne eine einzige Kampfhandlung, eine katastrophale Lage: die Lazarette und Hospitäler waren bereits überfüllt, in fast allen Häusern Soldaten einquartiert und zu versorgen, Lebensmittel waren knapp und die Stadt erstickte fast in Abfall und Unrat.

Dazu kam noch das typische Leipziger Herbstwetter: trübe, regnerisch, kalt und Morgennebel. Die Flüsse um die Stadt herum führten Hochwasser. Der Aufmarsch der Soldaten fand in feucht-klammen Uniformen auf dem meist lehmigen und glitschigen Boden des Leipziger Umlands statt. Alles andere, als lustiges und heroisches Soldatengetümmel, in diesen Tagen des Oktobers 1813.

Woher könnten nun „unsere“ Soldatengräber stammen?
Am 18. Oktober 1813 kämpften etwa 52.000 Soldaten um den Besitz des Orts Schönefeld, damals ein kleines Dorf mit knapp 800 Einwohnern.

L.-Schönefeld, Kanonenkugeln in der Giebelwand des Hauses Robert-Blum-Str. 5 aus der Zeit der Völkerschlacht, August 1988 (in den 90er Jahren abgerissen)

L.-Schönefeld, Kanonenkugeln in der Giebelwand des Hauses Robert-Blum-Str. 5 aus der Zeit der Völkerschlacht, August 1988 (in den 90er Jahren abgerissen)

Ein Bewohner schildert die Lage an diesem Tag zwischen 15 und 16 Uhr so:
„Das Toben und Schreien der Soldaten, der Lärm des Geschütz- und Gewehrfeuers, das Einschlagen und Springen der Granaten, das Gewinsel und Hilfeschreien der Verwundeten und der Halbverstümmelten sowie das Geheul der Fliehenden war grausig. Der Rauch, Staub und Dampf verdunkelten den Tag dergestalt, dass niemand mehr wusste, in welcher Tageszeit er lebte.“
Auf der Seite der Verbündeten, im wesentlichen Russen der Korps Langeron, St. Priest und Kapzenitsch starben an diesem Tag in Schönefeld 3710 Soldaten, auf Napoleonischer Seite, Korps Marmont und Souham waren etwa 5000 Tote und Verwundete zu beklagen.

Hist-53Gegen Abend zogen sich die Napoleonischen Soldaten bis hinter die Rietzschke zurück, durchzogen also im Eilmarsch unser damaliges Wohngebiets-Gelände. Keine Zeit für’s Gräberschaufeln. Auch die Verbündeten hatten es eilig. Schon am 19. Oktober bezogen sie an der Rietzschke und nach der Stadt Leipzig hin Stellungen. Vielfach blieben, alten Berichten und Schilderungen zufolge, Tote und Verwundete einfach liegen. Nach der Völkerschlacht war die Leipziger Umgebung total verwüstet, abgebrannt, mit Leichen und Tierkadavern übersät. Die Verbündeten hatten etwa 54.000 Tote, die Franzosen etwa 30.000 Tote, 38.000 Verwundete und Kranke zu beklagen, und das in einer Stadt mit 32.000 Einwohnern, schätzungsweise etwa 25.000 Erwachsenen.
In den sechzig Leipziger Lazaretten starben in den Monaten Oktober und November 1813 täglich 600 bis 800 Menschen, Seuchen breiteten sich auch unter der Bevölkerung aus. Das Begraben der Gefallenen zog sich noch bis zum Frühjahr 1814 hin, auch in der Schönefelder Umgebung. In einem Bericht schreibt ein Augenzeuge: „Die Umgebung des Dorfes Schönefeld, das im Sturm so oft gewonnen und wieder verloren war und bis auf wenige abgedeckte Häuser ganz in Schutt lag, boten in der nächsten Entfernung von der Stadt den furchtbarsten Anblick. Ringsum hatte der Tod eine reiche Ernte gehalten; wohl 3000 – 4000 Leichen lagen hier ausgestreut, oft 20 – 30 in einer Reihe, wie sie im Anstürmen von Kartätschen niedergeschmettert waren… und nirgends führte in Leipzig ein Weg, der nicht meilenweit über Leichenfelder gegangen wäre und durch zerstörte und verlassene Dörfer.“
In der ersten Zeit nach der Schlacht wurden die Leichen noch einzeln oder in kleinen Gruppen in Flachgräbern bestattet, wie in dem Neustädter Soldatengrab. Vermutlich wurden hier Russen aus der Schlesischen Armee (Blücher), die zeitweilig unter schwedischem Kommando standen, begraben.

Genau läßt sich das aus heutiger Sicht nicht mehr sagen…

Gerade in den heutigen Tagen, beim „Kriegspielen“ in Wachau und Dölitz, beim Aufmarsch am Völkerschlachtdenkmal zum 180. Jubiläum der Kämpfe und in Artikeln unserer Boulevard-Presse wird, so meine ich, die Geschichte oft verkürzt, mit Glorienschein und Siegerpose dargestellt.

Bisher hat aber jeder Krieg auch Verzweiflung, großes Leid, mörderische Grausamkeit, Not und Elend gebracht.

Denken Sie bitte mal darüber nach.

Dr. H. Stein, Leipzig, im Oktober 1993

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