… über die Heilig-Kreuz-Kirche in Neustadt-Neuschönefeld

Kirche Zum Heiligen Kreuz, Leipzig-Neustadt, 1989

[Texte aus einem Manuskript vom Herbst 1988 zu  Vorträgen in der Kirchgemeinde und als Artikel in den Heften Februar und August 1993 sowie April 1994 im Neustädter Markt Journal erschienen.]

Von den Anfängen der Kreuzgemeinde zu Leipzig Neustadt-Neuschönefeld

Zur Kreuzkirchgemeinde gehören Gemeindemitglieder aus den Leipziger Stadtteilen Neustadt, Neuschönefeld und eines Teils von Reudnitz.

Der Nordwestzipfel von Reudnitz als ein Teil dieses Kreuzgemeinde-Territoriums gehört dem alten Ort Reudnitz an, einem der ältesten Orte im Leipziger Osten. Sein Name deutet auf eine slawische Siedlung hin, die bereits 1248 erstmals erwähnt wurde. Der innerhalb von Reudnitz gelegene, 1525 erstmalig genannte Ortsteil Tütschendorf, der heute nur noch Historikern bekannt ist, läßt auf ein slawisch-deutsches Neben- und Miteinander in früher Siedlungszeit schließen.

1. Die Entwicklung der Kirchgemeinde Neustadt – Neuschönefeld

Neuschönefeld ist eine neuere Ortsgründung, deren erste Häuser, nach erfolgter Parzellierung 1831, entstanden. Dieses Gebiet gehörte ehemals zur Gemeinde bzw. dem Gebiet des Ritterguts Schönefeld. Dessen Felder erstreckten sich im Süden bis zum Flüßchen Rietzschke, das – heute nicht mehr sichtbar, durch Schleusen überdeckt – unsere Wohngebiete unterquert. Genauer gesagt handelt es sich um die östliche Rietzschke, die über Stünz, Sellerhausen, Volkmarsdorf, Reudnitz fließend, schließlich in die Parthe mündet Neuschönefeld wurde am 1. März 1845 bereits selbständige Gemeinde. Kirchlich gehörte es aber weiterhin zur Parochie Schönefeld, die außerdem noch im Süden Schönefelds die Dörfer Reudnitz, Volkmarsdorf, Anger, Crottendorf, Stünz, Sellerhausen und später auch Neustadt umfaßte.
Auch Leipzig-Neustadt ist eine neuere Ortsgründung. Es entstand nach 1866 auf der Feldparzelle Nr. 181 des Rittergutes Schönefeld und hatte bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Form eines rechtwinkligen Dreiecks. Das Territorium lag, nach heutigen Straßenbezeichnungen zwischen Eisenbahnstraße im Süden, Hermann-Liebmann- Straße im Osten und Rosa-Luxemburg-Straße verlängert gedacht bis zum heutigen Stannebeinplatz. Im Süden wurde der entstehende Ort nicht nur durch die Eisenbahnstraße von Neuschönefeld getrennt, sondern hauptsächlich durch die Gleise der ersten deutschen Ferneisenbahn Leipzig-Dresden. Die ersten Häuser als ,,Schönefeld Neuer Anbau“ entstanden an der Ostseite der heutigen Neustädter Straße. In seiner ersten Bauphase wuchs der Ort von der Neustädter Straße in Richtung Osten; diese Häuser stehen heute noch und sind in der Mehrzahl 110-130 Jahre alt.

1876 wurde ein erster provisorischer Gemeinderat gewählt, im Oktober 1878 wurde das Schulgebäude – heute Hauptgebäude der Wilhelm-Wander-Oberschule – eingeweiht.
Konnte man vom Neuen Anbau aus früher über den Schönefelder Spritzenweg (Richtung Rosa-Luxemburg-Straße) und durch die Lindenallee nach Schönefeld zur Kirche gelangen, so mußte man ab 1877 ausschließlich die Brücke am Kirchweg, der heutigen Hermann-Liebmann-Straße benutzen.
Die Verlegung der Eisenbahngleise aus der Eisenbahnstraße an die Nordseite des Wohngebiets und der dort einsetzende Ausbau eines Sammel- und Güterbahnhofs machte eine Unterbrechung des Schönefelder Spritzenwegs erforderlich … bis heute.
Der Kirchweg diente, wie schon sein Name sagt, allen im südlichen Bereich der Schönefelder Parochie gelegenen Orten und Dörfern als Verbindungsweg nach Schönefeld, zu seinem Gut und natürlich auch zur Schönefelder Kirche.
Nach einer Bekanntmachung im ,,Leipziger Dorfanzeiger“ vom 8. Dezember 1880 und dem Vergleich der Einwohnerzahlen ergibt sich für die Zusammensetzung des Schönefelder Kirchenvorstandes folgendes interessante Bild:

Kirchenvorstand Schönefeld 1880Faktisch hatten die Schönefelder Kirchenvorsteher (mit dem Pfarrer) immer 4 Stimmen und konnten, bis auf Volkmarsdorf, alle Einwände und Anträge einzelner Gemeindeorte nach Gutdünken entscheiden. 1878 wurde vom Kirchenvorstand eine neue Gebührenordnung für kirchliche Amtshandlungen erlassen. Bis dahin wurden nämlich alle Gebühren für kirchliche Amtshandlungen unmittelbar an den ,,Herren Geistlichen und Kirchendiener“, wie es im ,,Leipziger Dorfanzeiger“ vom 5. Januar 1878 heißt, entrichtet. Nunmehr sollte also alles Geld direkt in die Kirchenkasse abgerechnet werden. Man kann aus nachfolgendem Artikel einen kleinen Überblick zu gebührenpflichtigen Amtshandlungen, aus genanntem Zeitungsartikel zitiert, entnehmen:

,,1. Taufen.

Für eine Haustaufe 10 M
Für eine Extrataufe in der Kirche oder im Tauflocal 5 M
Die gewöhnlichen Kirchen- und Localtaufen, sowie die Nothtaufen (bei Krankheit der Kinder) werden unentgeltlich verrichtet.

2. Trauungen.

Für eine stille Trauung – M
Für eine Trauung 1. Grades (mit Gesang und Orgelspiel) 6 M
Für eine Trauung 2. Grades (mit Geläute, Gesang und Traurede) 20 M

3. Begräbnisse.

Für ein Begräbnis mit dem Segen 2 M
Für ein Begräbnis mit dem Segen und Grabgesang 6 M
Für ein Begräbnis mit dem Segen, Grabgesang, Abdankung, Standrede, Leichenpredigt 20 M
Für Glockengeläute bei Beerdigungen 4 M

Für Beichte und Krankencommunionen kommen die Gebühren in Wegfall.
Dagegen ist für den Conflrmandenunterricht von jedem Theilnehmer 1 M,
für Privatconf. 6M
… an die Kirchenkasse zu entrichten.“

Zum Vergleich folgende Zahlen:

– ein Schlosser verdiente 1875 wöchentlich 10 Thaler = 30 Mark
– ein Lehrer verdiente 1875 wöchentlich 4-5 Thaler = 12 bis 15 Mark
– ein Kilogramm Butter kostete 1870 2,80 bis 3,00 Mark
– eine Wohnung im Neuen Anbau kostete an jährlicher Miete 45,- bis 90,- Mark .

2. Die Kirchgemeinde der selbständigen Gemeinde Neustadt 1881 bis 1889

Ab Januar 1861 wurde der Neue Anbau von Schönefeld selbständige Gemeinde mit der Bezeichnung ,,Neustadt bei Leipzig“. Das soll damals das 35. Neustadt im Deutschen Reich gewesen sein, wahrlich kein origineller Ortsname. Zum anderen war man aber infolge der dauernden Streitigkeiten mit dem Rittergut und Gemeindevorstand in Schönefeld nicht bereit, etwa mit dem Ortsnamen ,,Eberstein“ ,der ebenfalls zur Debatte stand, auch noch dem Schönefelder Rittergut zu huldigen: Besitzerin war Baronesse Clara Hedwig von Eberstein.

Auch nach Erlangen der Neustädter Selbständigkeit blieben Schule und Kirche vorerst noch mit Schönefeld verbunden. Gesonderte kirchliche Nachrichten für Neustadt wurden ab 27. Januar 1881 im ,,Leipziger Dorfanzeiger“ ausgewiesen. Im wesentlichen ging es darin um Tauf-, Hochzeits- und Beerdigungsanzeigen. Trotz der relativ jungen Bevölkerung Neustadts überwogen stets die Zahlen der Beerdigungsanzeigen.
Woher kam das? Aus der hohen Kleinkindersterblichkeit, wie ein Beispiel vom 12. März 1881 zeigt:

,,Parochie Schönefeld. Neustadt. Getauft: Otto Arthur Haupt, Hausbes. Sohn. – Begraben:
Anna Winkler, Handarb. Tochter 2 Monate 15 Tage; eine außerehel., unget. Tochter 2 Monate 26 Tage; Emma Therese Köcher, Schneiders Tochter 2 Jahre 7 Monate 4 Tage; ein außerehel. Sohn 4 Monate 12 Tage; Louae Margarethe Günther, Töpfers Tochter 1 Monat 18 Tage.“

Anträge des Gemeinderats von Neustadt an den Schönefelder Kirchenvorstand, in der Schulaula der Neustädter Schule Sonn- und Festtags Vor- und Nachmittagspredigten mit Abendmahlsfeiern abhalten zu dürfen, wurden von der Schönefelder Seite immer wieder abgelehnt. Erst ab 1887 wurde die Genehmigung zur regelmäßigen Durchführung von Gottesdiensten erteilt.

Im Jahr 1882 wurde als Versammlungslokal Neustadts der Gasthof ,,Neustadt“ gebaut. In Reudnitz wurde im Mai 1882 der Grundstein zur Markuskirche gelegt. Ende des Jahres fuhr erstmals die Pferdeeisenbahn auf ihrer neuen Linie vom Augustusplatz über die Tauchaer Straße (Rosa-Luxemburg-Straße) und die Eisenbahnstraße bis zur Kirchstraße (HermannLiebmann-Straße).
Die große Entfernung von der Mutterkirche in Schönefeld brachte beim Taufgang über den großen Viadukt am Kirchweg für manchen zarten Täufling Erkältung und beim Wege zur Konfirmandenstunde manchem Jungen einen blutigen Kopf. Die damaligen Einwohner kannten noch den Kampfruf: ,,Hie Neustadt-Neuschönefeld! Hie Volkmarsdorf! Hie Sellerhausen! Hie Anger-Stünz!“
Abhilfe kam erst in der Errichtung der Taufkapelle in Neuschönefeld neben dem Harkortschen Grundstück zwischen Jonas- und Melanchthonstraße und in der Übersiedlung der Konfirmandenstunden nach Neustadt. Der damalige biedere Diakon Sparwald tröstete manchmal sich und andere: ,,Was die Schule nicht in acht Jahren fertigbrachte, bringt die Konfirmandenstunde nicht in ein paar Wochen zustande.“
Aber es kam doch etwas zustande. Der Bau öffentlicher Gebäude, wie 1883 das Kranken- und Armenhaus, die 1884 beginnende Straßenpflasterung, Einführung der Straßengasbeleuchtung sowie die 1887 beginnende Umgestaltung der Eisenbahnstraße bestimmten das Bild des weiter wachsenden Ortes.

Während der Zeit des Bismarckschen Sozialistengesetzes, ab 1881 wurde der Ausnahmezustand über das Leipziger Gebiet verhängt, mußte das evangelisch-lutherische Landesconsortium wiederholt zur Einhaltung einer ,,Verordnung, das Verhalten der Leichenbegleitungen bei Beerdigungen auf evangelisch-lutherischen Gettesäckern betreffend“ verweisen. Darin ist ausdrücklich ein Verbot von: ,,Veranstaltungen von Leichenconducten, … als Demonstration einer der Kirche, sowie der staatl. Ordnung feindlichen Gesinnung…, Führen von Fahnen und Abzeichen in diesem Sinne“ enthalten. Desweiteren wurden verboten: ,, … unangemessen laute Beifallsäußerungen durch ,Bravo‘ und ,Hurrah‘ und andere derartige Zurufe im Anschluß an die am Grabe angesprochenen Worte.“

Als ein besonderes Ereignis wurde – auch im vorigen Jahrhundert – der 400. Jubiläumsgeburtstag Martin Luthers gefeiert. Dazu wurde in Neustadt ein ,,Comite zur Lutherfeier“ gegründet, unter Vorsitz des Gemeindevorstandes, das lt. ,,Leipziger Dorfanzeiger“ vom 7. November 1883 folgendes Programm aufstellte:
,,Sonnabend, den 10. Nevember, Actus in der Aula der hiesigen Schule und eventuell Beschenkung der Kinder; am Sonntag, den 11. November (nach dem Festgottesdienst in der Schönefelder Kirche) feierliche Pflanzung einer Luthereiche, Abends Fackelzug durch den Ort, Rede und allgemeiner Gesang bei der Luthereiche, dann Zug nach dem Gasthofe, wo durch ein Militär-Concert die Feier abgeschlossen werden soll.“

Der Gemeinderat beschloss daraufhin, den Platz am Ausgang der Allee- (Schulze-Delitzsch-) Straße und Haupt-(Neustädter) Straße zur Bepflanzung der Eiche anzuweisen, dem ,,Luther-Comite“ einen Beitrag von 200 M aus der Gemeindekasse zu bewilligen. Er beschloss ferner auf einer Gemeinderatssitzung 1884 die Instandhaltung der Luthereiche nebst Einfriedung für alle Zeiten auf Gemeindekosten zu übernehmen. – Da man heute von einer Luthereiche auf besagtem Platz nichts mehr wahrnehmen kann, sind ,,…alle Zeiten“ inzwischen wohl bereits abgelaufen …

Markuskirche

Markus-Kirche, Leipzig-Reudnitz mit Gemeindehaus, Auschnitt aus einer Postkarte um 1905

Im März 1864 wurde die Kirche von Reudnitz (Markuskirche) feierlich eingeweiht.
Der Turm der Reudnitzer Markuskirche hatte eine Höhe von 67,1 m, Kirchenschiff und Emporen boten 1150 Sitzplätze.
Die Kirche wurde nach einem Projekt des Baurats Möckel im früh-gotischen Stil gebaut.
Im Februar 1978 wurde die Kirche aus bautechnischen Gründen wie es damals hieß, gesprengt.

Nachdem – wie bereits erwähnt – ab 1. Januar 1887 durch Pastor Zinker von der Inneren Mission im Betsaal der Schule in Neustadt Gottesdienste eingerichtet und abgehalten wurden, erlangte Neustadt-Neuschönefeld 1889 eine erste kirchliche Unabhängigkeit von Schönefeld.

Bildung selbständiger Kirchgemeinden aus der Großparochie Schönefeld:
Kirchgemeinden
Taufhandlungen und Konfirmandeneinsegnungen wurden auch im Betsaal der Schule  vorgenommen wie auch stille Trauungen, während solche mit Orgel und Chorgesang weiterhin in der Schönefelder Kirche vollzogen wurden. Den Kirchengesang in Neustadt leitete der Lehrer Alwin Starke, wofür er einen jährlichen Gehaltszuschlag von 50 M erhielt Ein Organist mit einem Jahresgehalt von 150 M und ein Kirchendiener mit einem Gehalt von 100 M wurden bald eingestellt.
Schon ab 1887 wurde ein Kirchenbaufonds gegründet, der am 27. April 1889 ganze 165 Mark und 57 Pfennige umfaßte. Davon konnte man, auch wenn manche finanziell wenig bemittelte Spender sich ein paar Pfennige abgespart hatten, noch keine Kirche bauen.

Der 1. Januar 1890 war für alle Ortsvororte von großer Bedeutung: auch Neustadt wurde als Leipzig-Neustadt gemeinsam mit Neuschönefeld, Neureudnitz, Sellerhausen sowie Volkmarsdorf (um nur den Osten Leipzigs zu benennen) zur Stadt Leipzig eingemeindet.

3. Der erste Spatenstich zur Heilig-Kreuz-Kirche

Auch vor etwa 100 Jahren konnte man im Neustädter Wohngebiet eine intensive Bautätigkeit beobachten. Die Eisenbahnstraße sollte zu einer Prachtstraße ausgebaut werden, die sich in ganz Europa sehen lassen konnte. Repräsentative Wohnhäuser sollten auch auf dem ehemaligen Sägewerksgelände zwischen Neustädter, Tauchaer (heute R.-Luxemburg-Str.) und Eisenbahnstraße gebaut werden.

Ein besonderes Kapitel in der Baugeschichte Leipzig-Neustadts bildete darüber hinaus der Bau der Heilig-Kreuz-Kirche. Darüber existieren im Leipziger Stadtarchiv (im Neuen Rathaus) eine ganze Reihe interessanter Akten.

kreuki1

Ausschnitt aus dem Leipziger Stadtplan von 1892, mit skizzierter Lage der Neustadt-Neuschönefelder Kirchenbau

Bereits im Jahre 1892 entbrannte, wie man diesen Aufzeichnungen entnehmen kann, im Leipziger Stadtverordnetensaal ein heftiger Disput über mögliche und unmögliche Standorte des beabsichtigten Kirchenneubaus der Kirchgemeinde von Neustadt-Neuschönefeld.
So wurden auf einer öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten zu Leipzig am 19.Oktober 1892 folgende in Betracht zu ziehenden Standorte genannt:
1. auf dem Marktplatz von Leipzig-Neustadt, bzw. einem Teil desselben
2. auf dem Areal der Firma Leue & Weise (noch nicht bebautes Gebiet an der Eisenbahnstraße damals ein Lagerplatz – heute Grundstück Eisenbahnstraße 71, nahe der Kreuzung Herrmann-Liebmann-Straße)
3. zwischen ,,Elisabethstraße und Elisabethallee“ auf Volkmarsdorfer Gemeindegebiet (nach den
Aktenaufzeichnungen ist die genaue Lage unklar:
– a entweder heutiger Platz der Lukaskirche (1893 übergeben),
– b zwischen Mariannen- und heutiger Meißner Straße – damals noch unbebauter
Schrebergartenplatz
4. auf dem Areal des zu bebauenden ehemaligen Firmengeländes des Dampfsägewerks von
Bäßler & Bomnitz
5. in Neuschönefeld, in der Nähe des Siegesdenkmals am Rabet (dafür hätte man allerdings
mindestens ein Gebäude abreißen müssen, das Gebiet von Neuschönefeld war damals
vollkommen bebaut)

Hist-03Schließlich unterbreitete der Architekt Paul Lange aus Leipzig im Februar 1893 dem Kirchenvorstand zu Leipzig-Neustadt-Neuschönefeld und dem Rat der Stadt sein Projekt für den Bau einer Kirche auf dem Neustädter Marktplatz. Laut vorliegenden Akten ließ sich Lange von folgenden Hauptgedanken leiten:
– die richtige Ost-West-Orientierung der Kirche
– Stellung des Turms in die Achse der Hedwigstraße
– Unterbringung von reichlich 900 Sitzplätzen in möglichster Nähe und mit freiem Blick nach
Altar und Kanzel
– Beschaffung einer größeren Anzahl von Nebenräumen
Nach den Vorgaben der Stadt Leipzig sollte die Grundfläche der Kirche nicht größer als 800 m² sein.

In den Kirchenakten führte Lange darüber folgendes aus:
„Die Stellung des Thurmes in die Achse der Hedwigstraße schien dem Architekten als dringend erforderlich, denn nur dadurch kommt der Thurm nicht allein von der Hedwigstraße aus, die bis zur Eisenbahn- straße eine Länge von 250 Metern hat, zur vollen Geltung, sondern auch von beiden Seiten der Marktstraße (heute Meißner Straße) wird derselbe schon von je 100 Meter Entfernung sichtbar, während bei einer Normallage mit der Stellung des Thurmes nach Westen, dieser dem Auge des Beschauers nur ganz verkürzt entgegen- getreten wäre…“

,,Der Gesichtspunkt, die Kirche bei größter Solidität doch möglichst billig herzustellen, hat den Architekten bei seiner Arbeit geleitet..“

,,Die äußere Architektur ist in roten Verblendsteinen mit mäßiger Verwendung von moosgrünen Glasursteinen projectirt. Zum Hauptdach des Schiffes wie des Thurmes sollen Lwdwigshafner Falzziegel, zu den kleinen Thürmchen Biberschwänze verwendet werden.“

Als Lange auch von romanischen Rundbögen sprach, gab es damals Einspruch vom amtierenden Stadtbaudirektor Hugo Licht (eine Straße am Neuen Rathaus erinnert noch an ihn). In den Akten ist an besagter Stelle eine handschriftliche Notiz von ihm angefügt:

,,Rundbogen allein giebt noch kein Anrecht auf die Bezeichnung romanisierte Stylformen!“

Von ,,romanischen Formen“ ist auch heute ab und an bei Erwähnungen der Leipziger Kreuzkirche in Beiträgen noch zu lesen.
Am 24. Juni 1893 erfolgte auf dem Marktplatz zu Leipzig-Neustadt der erste Spatenstich zum Kirchenneubau. Zu diesem Zeitpunkt berieten die Stadtverordneten bezeichnenderweise über das Bauprojekt und hatten sich noch lange nicht für einen möglichen Bauplatz entschieden.

4. Der Kirchturmbau in Leipzig – Neustadt

Die evangelisch-lutherische Heilig-Kreuz-Kirche, Neustädter Markt 8 ist die Kirche der Gemeinde von Neustadt-Neuschönefeld. Auch ein Teil von Reudnitz gehört dazu. Diese Kirche wurde in den Jahren 1893/94 gebaut. Am 24. Juni 1893 erfolgte auf dem damaligen Marktplatz von Leipzig-Neustadt der erste Spatenstich zum Kirchenneubau, vor etwa 100 Jahren. Wenn man bedenkt, daß der gesamte Marktplatz eine Fläche von 6970m² umfaßt (mit Straßen), dann kann man sich leicht die dominierende Lage des 823 m² umfassenden Kirchengebäudes vorstellen.
Inmitten hochaufstrebender Mauern konnte bereits am 1. November 1893 feierlich der Grundstein unter dem Eingang an der Hedwigstraße gelegt werden, Die Urkunde im Grundstein wurde übrigens von der ansässigen Druckerei Henze, Ludwigstraße, für 8 Mark angefertigt. Zum gleichen Zeitpunkt soll laut Kirchenchronik und auch das Richtfest nach der mir vorliegenden Literaturquelle „Die heilige Kreuz-Kirche zu Leipzig-Neustadt, Reden und Predigten bei dem Richtfest, der Glockenweihe sowie der am Reformationsfest 1894 erfolgten Kirchenweihe“, erschienen im Verlag Eduard Klemm, Leipzig-Neustadt 1896, stattgefunden haben.
Der Bauführer erhielt dabei als Geschenk eine goldene Komontoiruhr für 104 Mark.

Hist-24Der Gesamtbau unter Leitung des Maurermeisters Leuthier schritt schnell voran und noch vor Weihnachten, bis zum 23. Dezember 1893, konnten die Zimmerer des Meisters Riedel das Balkengefüge des Turms emporführen. Das nebenstehende Bild zeigt diesen Rohbau-Zustand. Das dazu verwendete Foto aus der Kirchenkanzlei der Heilig-KreuzKirche wurde im März 1894 aufgenommen. Das Original ist schon sehr vergilbt. Aber, die meisterhafte Konstruktion ist andeutungsweise zu erkennen. Sich selbst tragend von der oberen Brüstung des Turmes aus widerstand das Turmgerüst auch tagelangen Stürmen im Februar 1894, von denen der Chronist schrieb: ,,Straßenweit hörte man damals das Seufzen und Stöhnen des Turmgerüstes, aber es hielt.“
Der Turm der Heilig -Kreuz-Kirche in Leipzig-Neustadt zählt zu den höchsten Kirchtürmen Leipzigs. Zumindest im Leipziger Osten überragt er alle anderen Kirchtürme:

Neustadt-Neuschönefeld Heilig- Kreuz-Kirche 72 m
Volkmarsdorf Lukaskirche 60 m
Schönefeld Gedächtniskirche 52 m
Sellerhausen-Stünz Emmauskirche 59 m
Reudnitz ehem. Markuskirche 61 m
zum Vergleich:
Russische Kirche 54 m
Peterskirche 83 m
Nikolaikirche 63 m

Alle Höhenangaben sind dem Topographischen Stadtplan Leipzig, Ausgabe 1987, entnommen, teilweise weichen sie von den Angaben in den Bauzeichnungen ab. Laut Bauzeichnung hat der Neustädter Kirchturm eine Höhe von 67,5 m.

Das Turmbild, von Nordosten aufgenommen, zeigt auf dem Nordgiebel des Kirchenschiffs ein interessantes Detail: man kann ein steinernes Kreuz erkennen. Heute fehlt es. Offenbar ist es im Zweiten Weltkrieg infolge eines Bombenangriffs herabgestürzt. Lange Zeit lag es unscheinbar noch dort aut dem Platz, bis es bei einer Beräumungsaktion im Jahr 1987 oder 88 weggeräumt wurde.
Der Kirchturm wurde mit Ludwigshafner Falzziegeln, die kleinen Türmchen mit Biberschwänzen gedeckt. Natürlich wurde auch ein Blitzableiter angebaut, er kostete immerhin 1332 Mark und 72 Pfennige. Die Turmuhr, etwa in 35 m Höhe vom Uhrmacher Müller aus Leipzig hatte ursprünglich ein 8-Tage-Laufwerk und hat 1625 Mark gekostet. Sicherlich wurden in die Dokumentenkapsel im Turmknauf interessante Belege mit eingelötet. Leider weiß ich darüber nichts, man müßte den Pfarrer mal zum neuesten Stand befragen…

5. Über die Neustädter Kirchturmglocken

Kirche Zum Heiligen Kreuz, Leipzig-Neustadt, 1989

Das Fazit einer kleinen lokalbezogenen Presseschau Anfang März 1994:
,,Leipzig-Neustadt … dem Verfall preisgegeben“.

Besonders betroffen scheinen, trotz aller Sanierungs- beteuerungen, die Häuser in der Meißner Straße und am Neustädter Markt. Nachzulesen im Stern 9/94, der LVZ, der Leipziger Rundschau u.a.
Die meisten Häuser im Neustädter Wohngebiet sind ja auch über hundert Jahre alt und brauchen nach langjähriger Flaute eine dringende pflegende Erneuerung.
Vor hundert Jahren hatte dieser aufstrebende Leipziger Stadtteil etwa zweieinhalbtausend Wohnungen, die ältesten Häuser waren damals noch nicht mal dreißig Jahre alt und die Kirche wurde gerade gebaut. Sie wird in diesem Herbst ihren hundertsten Kirchweihtag feiern. Nach dem ersten Spatenstich Ende Juni 1893 (siehe Journal 18) und dem Kirchturmbau im Winter 1893/94 (Heft 24) konnten Ende September 1894 die drei Glocken aufgezogen werden. Sie stammen aus der Leipziger Glockengießerei von G.A. Jauck. Diese Fabrik war damals weit über die deutschen Ländergrenzen hinaus bekannt.
Im Leipziger Stadt- und Dorfanzeiger Nr. 242 vom 17. Oktober 1890 findet man einen interessanten Artikel über einen über die Ländergrenzen hinausgehenden Auftrag der heimischen Industrie:
,,Die hiesige Glockengießerei von G.A. Jauck erhielt den Auftrag, ein dreistimmiges Glockengeläute für das heilige Land und zwar für Bethlehem, die geweihte Stadt, in welcher Christus die Welt erblickte, zu liefern.“
Von dieser Fabrik wurden also auch die ursprünglich drei Glocken für die Neustädter Kirche gegossen.
Nach den Kosten für die Orgel aus dem Fond für den inneren Kirchenausbau (41.273,08 Mark) mit 7.160,50 der zweithöchste Einzelposten.
Zur Glockenweihe kann man im Leipziger Tageblatt No.490, vom 25. September 1894, folgendes lesen:

,,Glockenweihe. Leipzig., 24.September. Für alle Zeiten wird die gestern vollzogene, von uns bereits heute kurz mitgetheilte Weihe der Glocken für die neuerbaute heilige Kreuzkirche in Neustadt-Neuschönefeld einen Markstein in der Entwicklung der noch jungen Kirchgemeinde bilden Nachmittags 1 Uhr fand im Schulhofe der 18. Bezirksschule in Neustadt die Aufstellung des Festzuges statt, der sich aus folgenden 27 Abteilungen zusammensetzte: Vorreiter, Musikkorps, Schulen, Jungfrauenverein, hinter welchem später die zu weihenden Glocken kamen, Deputirtenwagen, Kirchenchorgesangsverein und Knabenchor, FrauenHilfsverein, im Anschluß die Frauen aus der. Gemeinde, Ehrengäste, Geistliche, Kirchenvorstand, Lehrerkollegien, Armenpfleger usw., zweiter Frauenhilfsverein, zwei Hausbesitzervereine, Neuschönefelder Militärveteranenverein, Krieger- und Militärverein Neustadt,Militärverein ,,Kameradschaft“, Schreberverein, Gesellschaft ,,Harmonie“, Mietherverein, Ehemalige freiwillige Schutzmannschaft, Gesellschaft ,,Humor“, Gesangsverein ,,Ossian“, Gesangsverein Sechzehner“, Gesangsverein ,,Liedertafel“, Allgemeiner Turnverein Leipzig-Neuschönefeld, Turnverein Leipzig-Neustadt mit Anschluß der Jünglingsvereine.
Als der Zug an der Grenze der Parochie (Platz vor den Kaiserhallen) eintraf, waren die Glocken auf den festlich geschmückten, von Herrn Fuhrwerksbesitzer Weißhahn zur Verfügung gestellten Wagen bereits angelangt. Hier sangen zunächst die Chorschüler das ,,Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“, worauf Fräulein Martha Dietrich die poetische Begrüßungsansprache hielt. Dann erfolgte die Übergabe der Glocken durch Herrn Jauck an den Vorsitzenden des Kirchenbauvereins Herrn Postmeister Schiefer. Als der Begrüßungsact vollzogen war, setzte sich der Zug nach dem Platze vor der Kirche in Bewegung. Unmittelbar vor dem Hauptportale wurden die drei Glocken, eine große, eine mittlere und eine kleine, aufgestellt.“

Pfarrer Richter

Pfarrer Richter

Aus vorliegenden Unterlagen läßt sich entnehmen, daß diese Glocken auf der Vorderseite mit dem Bild des Kreuzes, der Lutherrose und der Taube mit dem Ölzweig geschmückt waren. Die große Glocke trug die Inschriften Gal. 6,14 und Röm. 9,30. Letztere lautet: ,,Ich sage von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt.“ Symbolisch wurden die drei Glocken Glaube, Liebe und Hoffnung geweiht. Im Zeitungsartikel heißt es weiter:

,,Hierauf übergab Herr Schiefer die Glocken an den Vorsitzenden des Kirchenvorstandes, Herrn Pastor Pache, der dann die Weihe vornahm. … Der Gesang des Chorals ,,Lob, Ehr und Preis sei Gott“ und Gebet, gesprochen von Herrn Diakonus Richter, beschlossen den Weiheact, dem als Ehrengäste auch der Herr Rathssecretair Dietrich, vormaliger Gemeindevorstand von Neustadt, und Herr Schuldirektor Schütz beiwohnten.
Unter dem Gesange des Liedes
,,Dreieiniger großer Gott und Herr“ wurden hierauf die Glocken in die Höhe gezogen.“

Für das Aufziehen der Glocken, so ist aus der Abrechnung ersichtlich, erhielten die Zimmerleute 14 Mark
und die Arbeiter der Fa. Jauck, einschließlich einer Gratifikation für den Gießermeister einen Betrag von 35 Mark.
Über das erste Probeläuten schrieb Pfarrer Ludwig:

,,Wenn auch der Regen leise niederrieselte, so erfüllte doch ein Hochgefühl der Freude die Herzen der Gemeinde, als das erste volle Geläut erklang.“

Hist-43Die Heilig-Kreuz-Kirche als Postkartenmotiv, etwa im Jahr 1910, herausgegeben vom Verlag Seb. Hess, Papier- und Schreibwaren, Eisenbahnstraße 30

Die mittlere und kleine Glocke (Liebe und Hoffnung) der Kirche wurden am 19. Juni 1917 auf dem Turm zerschlagen und zu unseligem Kriegsmaterial umgearbeitet, welcher Sarkasmus.

Nach dem ersten Weltkrieg wurden die Glocken zwar wieder ergänzt, mußten dann aber im Zweiten Weltkrieg endgültig weichen. Die große Glocke müßte aber noch in ursprünglicher Form vorhanden sein – der Glaube ist geblieben…

Leipzig,  1988 bis 1994, H. Stein

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Anmerkung 2014:

Zum Ende des Jahres 2013 verlor die Kirchgemeinde „Zum Heiligen Kreuz“ ihre Selbstständigkeit. Ab Januar 2014 erfolgte die Vereinigung der Kirchgemeinden „St. Nikolai –St. Johannis“ und „Zum Heiligen Kreuz“ zur Kirchgemeinde „St. Nikolai“. Es finden aber weiterhin Gottesdienste und Veranstaltungen in der Heilig-Kreuz-Kirche durchgeführt.
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