… über Hundertjährige

[Im Neustädter Markt Journal, den Heften April und Mai 1993 erschienen.]

Historisches über hundertjährige Wohnhäuser in Neustadt

1840_Flurbuch_SchönefeldWelche Häuser im heutigen Wohngebiet von Leipzig-Neustadt sind eigentlich schon über hundert Jahre alt?

Grund und Boden gehörten im 19. Jahrhundert zum Rittergut Schönefeld.
Um etwas über die ältesten Häuser zu erfahren, muß man demnach im alten Schönefelder Flurbuch nachschlagen, genauer im „Flurbuch über das im II. Steuerkreise im Steuerbezirke Leipzig liegende Rittergut und Dorf Schönefeld bei Leipzig“ von 1840.

Dort wird im Nachtrag Nr.31 als erstes Gebäude im Jahr 1858 der „Neubau einer Dampfschneidemühle“ und einiger Nebengebäude (Sägewerk von Bäßler & Bomnitz – 1890 abgerissen, Firma nach Borsdorf verlegt) angezeigt.
Das erste Wohngebäude ist im Nachtrag Nr.72 genannt: Julius Ferdinand Müller, „Neubau eines Wohnhauses betreffend“. Im Juni 1866 stand dieses Haus bereits, wie man vorliegenden Aktennotizen entnehmen kann. … Unlängst und zuletzt als brüchiges Wohnhaus Neustädter Str. 20, das nach teilweisem Einsturz im August 1992 schließlich bis Ende letzten Jahres abgerissen wurde. Zum Glück kamen die Be- und Anwohner mit Leben, Schrecken und umfangreichem bürokratischen Kleinkrieg im Kampf um neuen Wohnraum noch mal glimpflich davon.

Die ersten Wohnhäuser entstanden also zwischen der Eisenbahnstraße und Ludwigstraße an der früheren Hauptstraße, auf der Ostseite der heutigen Neustädter Straße. Von dort aus reihten sich in einer ersten (Gründerzeit-) Bauperiode bis etwa 1875 die nächsten Häuser in nördlicher und östlicher Richtung an.

Im Stadtarchiv Leipzig gibt es einen Aktenvorgang „Acten im Intereße des Schönefelder Neuen Anbaus. Ergangen im Jahre 1873 bis 1876.“ Dort kann man aus einer Wohnungsliste vom August 1874 interessante Informationen zur Bevölkerungsentwicklung im damaligen Wohngebiet entnehmen. In 88 Häusern wohnten damals 2695 Einwohner, davon 550 Kinder unter sechs Jahren, 356 zwischen sechs und 14 Jahren sowie 192 über 14 Jahren – fast die Hälfte der Einwohner waren Kinder!

Ein erster Lageplan der neuen Ansiedlung wurde im Auftrag des Schönefelder Gemeinderates von Herrn E. Siegel im Jahr 1875 aufgenommen.

L.-Neustadt_1875Auch heute bietet dieser von [mir kopierte] Plan noch eine ganze interessanter Details und Anhaltspunkte:

• westlich der Hauptstraße (heute Neustädter Straße) das Gelände der Firma Bäßler & Bomnitz (Sägewerk)

• am unteren Kartenrand die Trasse der Leipzig-Dresdner Eisenbahn mit Bahnübergängen an der Hauptstraße und dem Kirchweg (heute Hermann-Liebmann-Straße) – bis zum Jahr 1879 führte diese Trasse zwischen dem neuen Oststeil und Neuschönefeld hindurch

• die Hedwigstraße reichte damals vom Marktplatz nur bis zur Ludwigstraße

• die unmittelbar an der Eisenbahnlinie gelegenen Parzellen waren kaum bebaut, das war den Leuten vielleicht zu ungemütlich – heute an gleicher Stelle (Wohnhäuser an der Eisenbahnstraße, Lärm, Hektik, Schmutz und Gestank) durchaus nachvollziehbar und verständlich!

• die Numerierung der ersten Häuser erfolgte bis 1877 fortlaufend (in etwas gemischter und mit der Zeit unübersichtlicher Reihenfolge) nach dem Verzeichnis der Brandkataster-Nummern, Straßenschilder gab erst ab 1876

• das provisorische erste Schulgebäude war das Haus Nr. 4 in der Ludwigstraße, im Jahr 1993 als Ludwigstraße 28 abgerissen

• das Haus Nr. 69 B in der Alleestraße diente als Gemeindebüro, Gendarmerieposten (einschließlich Arrestlokal) und auch die Schule bezog, ab 1875 einige Räume.

Der wiedergegebene erste Lageplan des heutigen Neustädter Gebiets von E. Siegel aus dem Jahr 1875 wurde in den darauffolgenden Jahren häufig für Projekte, Planungen oder Ergänzungen verwendet. Das gibt heute u. a. die Möglichkeit, die Reihenfolge der Wohngebiets-Bebauung relativ genau zu verfolgen. Ein Original dieses ersten Plans befindet sich übrigens im Fundus des Stadtarchivs Leipzig, dort habe ich ihn im Jahr 1987 abgezeichnet (zu finden unter „Übersichtscroquis der Flur Schönefeld bei Leipzig, Flurkarte Nr.608 und 609, Blatt 15 und 16, von 1875“).

Im Jahr 1875 hatte das Wohngebiet also etwa 130 bewohnte Gebäude, heute sind die meisten davon noch erhalten, so rund 120 Jahre alt. Im Januar 1881 wurde das Wohngebiet als „Neustadt bei Leipzig“ selbstständig. Eine ergänzende Darstellung des Siegelschen Plans erschien im Jahr 1883, man zählte bereits 184 bewohnte Gebäude:
L.-Neustadt_1883

Auf einige Details der ,,Hundertzehnjährigen“ sei hier hingewiesen:
• Für die Kommune bedeutende neue Gebäude sind die Schule, Alleestraße Nr.11 (heute Teil der Wander-Schule), der „Gasthof Neustadt“ als bedeutendster Versammlungsaal der Gemeinde, Kirchweg Nr.3 (an dieser Stelle, Liebmannstraße 99, befindet sich heute ein Kindergarten) • die Häuser wurden ab 1877 straßenweise numeriert, auf der linken Seite beginnend bis zum Straßenende und von dort aus rechts zurück bis zum Straßenanfang

• die Eisenbahntraße der Leipzig – Dresdner Strecke wurde im Jahr 1879 nach Norden, ungefähr heutiger Verlauf der Strecke nach Dresden, verlegt; der Unterbau verblieb vorerst in der Eisenbahnstraße • die Straßen waren noch nicht befestigt, das bedeutete im Sommer, bei Sonne und Hitze, stickige Staubluft und bei Regen, vor allem im Frühjahr und Herbst, fast bodenlose Schlammlöcher.
• Zur Straßenbeleuchtung gab es ab 1875 im ganzen Wohngebiet vierzig Petroleumlampen.
An dieser Stelle soll zur besseren Einordnung der Siedlungsentwicklung im Leipziger Osten ein Überblick der Bevölkerungszahlen im Zeitraum von 1834 bis 1900 gegeben werden:

100jährige_Nst

Diese Tabelle zeigt die enorme Bevölkerungsentwicklung der genannten Vororte.

Alte Siedlungskerne, wie in
Reudnitz, Volkmarsdorf und anderen historischen Randdörfern Leipzigs, wurden geradezu bis zur
Unkenntlichkeit überwuchert. Binnen weniger Jahre entstanden große neue Gemeinden, faktisch aus dem Nichts wie Neuschönefeld und Neustadt, bis zur restlosen Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Baulands.

Mit Beginn des Jahres 1890 wurde Neustadt in die Stadt Leipzig eingemeindet.

Eine weitere Version des Siegelschen Plans zeigt noch Bleistift – Nachträge zur Wohngebietsbebauung bis etwa 1893/94 – das sind die heute ,,Hundertjährigen“. Insgesamt kann man auf diesem Lageplan 245 bewohnte Gebäude ausmachen:

L.-Neustadt_1893

Einige Punkte sollen hier noch angemerkt werden:
• das Sägewerksgelände wurde 1889 geräumt, von der Gemeinde übernommen und die 80 Parzellen zur Bebauung freigegeben (Gebiet westlich der heutigen Neustädter Straße)

• die Umgestaltung der Eisenbahnstraße begann im Jahr 1885 mit dem Straßenausbau, der Beschleusung und der Straßenverbreiterung auf etwa heutige Bedingungen

• das Flüßchen Rietzschke wurde in dieser Zeit so wirkungsvoll überwölbt, daß heutige Einwohner in den meisten Fällen noch nie etwas davon gehört haben

• bemerkenswert ist das stumpfwinklige Haus Alleestraße Nr. 5/b als Relikt des alten Ortsbebauungsplanes aus den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts; an dieser Ecke sollte eine Straße, parallel zur heutigen Luxemburgstraße abzweigen (auf dem Plan des Leipziger Tiefbauamtes von 1903 ist dieses Haus aber bereits in heutiger Form  korrigiert abgebildet)

• die Straßen waren inzwischen gepflastert und die Straßenbeleuchtung ab 1884 auf Gaslaternen umgestellt worden

• infolge einiger Straßenverlängerungen machte sich nun eine weitere Änderung der Hausnummerierung erforderlich, die in der Eisenbahnstraße bereits in der heute noch üblichen Numerierung erfolgte: am Straßenanfang auf der linken Seite beginnend ungerade, auf der rechten Seite gerade Numerierung (auch im Kirchstraßen-Abschnitt bereits vollzogen).

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren dann auf Neustädter Gebiet fast alle Bauflächen bebaut – kein Wunder also, wenn heute der Sanierungsbedarf groß ist und in vielen Fällen inzwischen zu hoch geworden ist
oder … durch ,,Einsturzentzug“ nicht mehr erforderlich ist.

(Leipzig im Frühjahr 1993, H. Stein)

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